Erzbischof Ludwig Schick
Erzbischof Ludwig Schick
In den arabischen Staaten haben Christen oft einen schweren Stand
In den arabischen Staaten haben Christen oft einen schweren Stand

07.02.2016

Weltkirche-Bischof Schick besucht arabische Staaten Für die deutsche Flüchtlingsdebatte lernen

Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick ist derzeit auf Reisen - er besucht die Arabische Halbinsel, um sich über die Lage der Katholiken zu informieren. Dabei sieht er Christen häufig als "Arbeitsmigranten", wie er im Interview berichtet.

KNA: Herr Erzbischof, was war die bislang eindrücklichste Erfahrung Ihrer Reise?

Schick (Weltkirche-Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz): Das waren die großen lebendigen Gottesdienste mit Tausenden Teilnehmern - und zwar der unterschiedlichsten Nationen hier in der ganzen Golfregion. Die Katholiken hier kommen alle von auswärts, Migranten, für die der Gottesdienst sehr wichtig ist. Anschließend bleiben sie zusammen und pflegen Gemeinschaft. Diese Gottesdienste sind voll, besonders am Freitag - der ja in den muslimischen Ländern der Sonntag ist, auch für die Christen. Aber auch an den Werktagen sind die Gottesdienste gut besucht.

KNA: Die Lingua Franca für diese internationale Gemeinde ist Englisch?

Schick: Ja, aber es gibt auch Gottesdienste in Arabisch, für die Inder in Malayalam und Hindi, für Pakistaner in Urdu, und auch für die Philippiner gibt es eigene Gottesdienste in Tagalog. Sie kommen aber auch immer wieder alle zusammen. Wie die Katholiken sind auch die Priester, meistens Kapuzinerpatres, international.

KNA: In Katar gab es Schlagzeilen über die Ausbeutung von Arbeitern im Zuge der Fußball-WM 2022. Haben Sie dazu etwas Neues erfahren können?

Schick: Solche Ausbeutung gibt es nicht nur in Katar und nicht nur wegen der WM-Vorbereitung. In dem Bauboom in allen Golfstaaten sind Firmen aus verschiedenen Nationen tätig, die ihre Arbeiter sehr unterschiedlich behandeln. Wir haben auch mit Vertretern deutscher Firmen gesprochen. Sie haben uns versichert, dass bei ihnen deutsche Standards gelten. Aber es gibt auch etwa chinesische Baufirmen; dort sind andere Bedingungen gang und gäbe, die oft nicht zu akzeptieren sind. Die Staaten hier vergeben die Bauaufträge und kümmern sich nicht darum, wie die Arbeiter behandelt werden - bei einigen Firmen unmenschlich. Die FIFA könnte aktiv werden, tut es aber nicht. Auch viele Frauen, die als Hausangestellte arbeiten, haben inakzeptable Arbeitsbedingungen. Hier ist Handlungsbedarf.

KNA: Wenn die Kirche vor Ort eine Gastarbeiterkirche ist - dann sind doch sicher auch viele der Gläubigen im Alltag von solchen Problemen betroffen.

Schick: Ja, natürlich. Die Kirche kann hier nicht politisch tätig werden, aber sie gibt den Menschen Kraft und Mut und verbindet sie miteinander. Ein gutes soziales Geflecht hilft, schwierige Probleme zu lösen: etwa dass man wieder aus dem Land herauskommt oder Zugang zu den Botschaften bekommt, die dann Rechte eingeklagen können. Die Kirche bietet Gemeinschaft, die immer eine helfende Gemeinschaft ist.

KNA: Zum Thema Religionsfreiheit. Ein häufiger Vorwurf in Deutschland lautet, Religionsfreiheit dürfe keine Einbahnstraße sein, sondern: Moscheebau in Deutschland gegen Kirchenbau in Arabien.

Schick: Da muss man natürlich zwischen den arabischen Staaten unterscheiden. In Saudi-Arabien, wo wir keine Einreise bekamen, gibt es keine Kirchenbauten, in den Golfstaaten dagegen schon.

KNA: Wie würden Sie diese Art von Religions- und Kultusfreiheit bezeichnen: als Duldung oder Offenheit?

Schick: Duldung! Die Verantwortlichen in den Golfstaaten sagen: 'Das sind andere Kulturen aus anderen Ländern; die Menschen, die hier arbeiten, können ihre Religion pflegen! Aber unsere arabische Bevölkerung ist muslimisch und soll es bleiben.' Christen können hier ihre Gottesdienste feiern und zusammenkommen. Dafür können eigene Kirchenzonen errichtet werden. Es gibt auch christliche Schulen, in denen etwa indische oder philippinische Kinder unterrichtet werden; sie geben auch christlichen Religionsunterricht. Aber die Regierungen wollen nicht, dass es eine Vermischung zwischen den Christen und den Muslimen gibt.

KNA: Politische oder gesellschaftliche Partizipation findet eher nicht statt.

Schick: Die Christen sind "Arbeitsmigranten", keine Staatsbürger, und sie bekommen auch keine Staatsbürgerschaft. Es sind zwei unterschiedliche Bevölkerungen in einem Land. Die muslimisch-arabischen Einwohner tragen die politische Verantwortung und haben die Macht im Land - und sie lassen sich von den Migranten nicht in die Politik hineinreden.

KNA: Sie sind dort Gast der katholischen Ortskirche. Wenn Sie zurück nach Deutschland kommen, haben Sie eine Art Handlungsempfehlung für deutsche Christen?

Schick: Zunächst einmal möchte ich als Weltkirche-Bischof dafür sorgen, dass die Lage der Christen in dieser Region bei uns besser bekannt wird. Viele meinen, dass es auf der Arabischen Halbinsel gar keine Christen oder dass es nur Verfolgung gibt. Um der Situation gerecht zu werden, muss man das viel differenzierter betrachten. In Deutschland sollte man auch mehr am Schicksal der Christen hier teilnehmen, für sie beten und solidarisch mit ihnen sein.

Zweitens sollten wir auch die Stärke und Lebendigkeit dieser Kirche erkennen. Es gibt hier z. B. sehr aktive Laien; sie sorgen für die Katechese der Kinder, aber auch der Erwachsenen, und lassen sich dafür eigens ausbilden. Sie opfern sehr viel Zeit und Geld für die Kirche. Glaube und Kirche ist Sache aller Gläubigen. Und die Internationalität und offene Gemeinschaft hier können uns in Deutschland helfen, uns mehr für andere Nationalitäten und Kulturen zu öffnen. Internationalität ist ja ein anderes Wort für Katholizität.

Das Interview führte Alexander Brüggemann.

(KNA)

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