Bischof Erwin Kräutler
Bischof Erwin Kräutler

23.12.2015

Amazonas-Bischof Erwin Kräutler ist ab sofort im Unruhestand Anwalt der Armen - Menschenrechtler - Öko-Flüsterer

Er gehört zu den bekanntesten Bischöfen Lateinamerikas. Sein Engagement für die Menschen am Amazonas brachte ihm den "Alternativen Nobelpreis" ein. Seit Mittwoch nun ist Erwin Kräutler (76) Bischof im Unruhestand.

Hätte es einer Bestätigung für das Lebenswerk von "Dom Erwin" Kräutler bedurft, dann wäre es die Papstwahl von Jorge Mario Bergoglio im März 2013 gewesen. An die Ränder gehen, sich auf die Seite der Entrechteten stellen - was Franziskus fordert, das tut der gebürtige Österreicher bereits seit vielen Jahrzehnten. Als "Amazonas-Bischof" wird Kräutler landläufig bezeichnet; sein Bistum Xingu ist das flächenmäßig größte Brasiliens.

Nun hat Franziskus "Dom Erwin", einen der Mitverfasser der päpstlichen Umweltenzyklika "Laudato si", mit 76 Jahren in den Unruhestand entlassen. Allerdings bleibt er noch Verwalter der Diözese, bis sein Nachfolger, der Franziskaner Joao Muniz Alves (54), sein Amt antritt.

Regenwald statt Schreibtisch

"Dom Erwin" trägt auch im Dienst gern Turnschuhe und einen schlichten Priesterornat. Nur wenige Monate im Jahr verbrachte er an seinem Schreibtisch in Altamira. Der Platz des 76-Jährigen ist und bleibt in den Gemeinden im Regenwald, die sonst nur selten einen Priester zur Messfeier haben; an der Seite der entrechteten Indios, deren Lebensraum von Großunternehmen zerstört wird. Kräutler ist ein Mann des geraden Wortes, auch wenn es bedrohlich wird. Wirtschaftsbossen und Landräubern, Holzhändlern und Großgrundbesitzern stellt er sich in den Weg.

Wenige Wochen vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Vorarlberg geboren, personifiziert "Dom Erwin" die Entwicklung der Kirche Lateinamerikas seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965). Den jungen Ordenspriester rief 1965 sein Onkel, Bischof Erich Kräutler, nach Brasilien. Dort lernte er zunächst eine klassische Seelsorge kennen, die den Priester vor allem als Massenspender von Sakramenten sah, der aber ohne jede Anbindung an eine Gemeinde blieb.

Kampf für die Rechte der Ureinwohner

Bei ihrer Generalversammlung in Medellin 1968 beschlossen die Bischöfe Lateinamerikas dann eine grundlegende Neuordnung der Seelsorge: eine Kirche, gemeinsam auf dem Weg. Kleine Gemeinden mit viel Laienverantwortung, schon bald "kirchliche Basisgemeinden" genannt, sollten zur Keimzelle der Kirche werden; die wenigen Priester sollten möglichst viel bei den Menschen sein.

Als Bischof von Xingu und als Präsident des CIMI, des Indianermissionsrates der Brasilianischen Bischofskonferenz, kämpft Kräutler für die Rechte der Ureinwohner und der Landlosen, für den Schutz des Regenwaldes. 2010 wurde er dafür mit dem sogenannten Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Mehrere Mitarbeiter Kräutlers wurden ermordet; auch er selbst erhielt Morddrohungen. Bis heute steht er unter dauerndem Polizeischutz und kann seinen allmorgendlichen Spaziergang nicht mehr am Fluss absolvieren, sondern nur noch im Haus.

Polizeiprügel und ein mysteriöser Unfall

1983 machte Kräutler international Schlagzeilen, als er während der Militärdiktatur von der Polizei verprügelt wurde. Er hatte sich mit Zuckerrohrschnittern solidarisiert, die fast ein Jahr auf ihren Lohn gewartet hatten. In ihrer Verzweiflung besetzten sie die zentrale Straße "Transamazonica". Auch Kräutler, der zur Verhinderung einer Eskalation herbeigeeilt war, wurde als vermeintlicher Aufwiegler angegangen. Journalisten dokumentierten, wie er von Sicherheitskräften zu Boden geworfen und abtransportiert wurde.

Kräutler selbst meint, er habe damals nur seinen Job gemacht: Er sei bei den Menschen gewesen. Die scharten sich um ihn und schrien: "Lasst ihn los - er ist unser Bischof!" Das war, sagt er rückblickend, "für mich wie eine zweite Bischofsweihe". 1987 wurde er bei einem mysteriösen Autounfall schwer verletzt - als er sich dafür einsetzte, die Rechte der Indigenen in der neuen Verfassung zu verankern.

Zu wenig Priester für zu viele Gläubige

Der Kampfeswille ist weiter da, die Empörung über Menschenrechtsverletzungen, soziale Missstände und das Riesenstaudammprojekt am Xingu-Fluss, durch das Zehntausende Menschen ihnen Lebensraum verlieren. Schon 1985 seufzte Papst Johannes Paul II. über der Landkarte mit Kräutlers Diözese: "zu groß!". Und über die Zahl seiner damals 16 Priester: "zu wenige!" 

Heute sind es rund zwei Dutzend - für eine inzwischen 15 mal größere Zahl von Katholiken. Immerhin: Kräutler sollte zuletzt Pläne für eine Dreiteilung seiner Diözese vorlegen. Die wurde zwar am Mittwoch noch nicht mitgeteilt. Aber der neu ernannte "Amazonas-Bischof" Alves kann sicher weiter auf die Tatkraft seines Vorgängers Dom Erwin zählen. Das katholische Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat hob in einer ersten Reaktion vor allem Kräutlers Einsatz für die Menschenrechte hervor: Er sei "ein unermüdlicher Kämpfer für die Rechte der Indigenen in Brasilien gewesen. Und das wird er bleiben - unabhängig davon, ob er Bischof ist oder nicht", betonte Adveniat-Hauptgeschäftsführer Bernd Klaschka.

Alexander Brüggemann
(KNA)

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