23.10.2015

Patriarch von Jerusalem wird 75 und bietet Amtsverzicht an Warten auf die dritte Überraschung

Erzbischof Fouad Twal, Patriarch von Jerusalem und damit höchster Vertreter der katholischen Kirche in Israel, wird am Freitag 75 Jahre alt. Im Interview spricht er darüber, warum man als Jerusalemer Patriarch weder krank noch müde sein dürfe.

Katholische Nachrichten-Agentur (KNA): Mit ihrem 75. Geburtstag werden Sie dem Papst Ihren Amtsverzicht anbieten. Hoffen Sie auf eine zeitnahe Annahme des Rücktritts?

Fouad Twal (Lateinischer Patriarch von Jerusalem): Ich werde ihn mit Freude anbieten. Mit dieser Freude werde ich auch jede Entscheidung des Heiligen Vaters annehmen, zuallererst, um meinen Priestern das Beispiel zu geben, dass man das Gesetz respektieren muss.

KNA: Was heißt es, Patriarch von Jerusalem zu sein?

Twal: Die Verantwortung ist enorm. Sie drückt einen nieder und ruiniert die Nerven. Aber wenn man die Verantwortung für Jerusalem angenommen hat, dann muss man auch die schwierigen Konsequenzen akzeptieren. Als Patriarch von Jerusalem hat man nicht das Recht, müde oder krank zu sein. Jeder Tag bringt neue Herausforderungen. Es gibt keine Kirche in der Welt, die so viel tut für die Gläubigen wie unsere. Aber unsere Gläubigen und Nichtgläubigen, die Bewohner Jerusalems, erwarten zu viel von der Kirche.

KNA: Was waren Ihre ersten Gedanken, als man Sie zum Patriarchen ernannt hat?

Twal: Ich erinnere mich an eine andere Sache: Bevor ich Patriarch wurde, hat man mich zum Koadjutor gemacht [Bischof als Helfer des amtierenden mit Nachfolgerecht, d. Red.]. In der Situation habe ich gelitten. Ich bin nicht begeistert von Koadjutoren. Das schafft ein Autoritätsvakuum. Mein Vorgänger, der hätte gehen müssen, sagte, es wird ein neuer Patriarch kommen, der die Dinge erledigen wird. Ich selbst habe gesagt, solange er da ist, kann ich nichts tun, aus Vorsicht und Höflichkeit. Die Priester wussten nicht, an wen sie sich wenden sollten - an den alten Patriarchen Michel Sabbah oder an den neuen, der kommen würde, wenn er denn kommt. Mit dieser Situation war ich nicht sehr glücklich.

KNA: Auch, weil Ihr Vorgänger Michel Sabbah ein starker Charakter und sehr mit der Palästinenserfrage verbunden ist?

Twal: In dieser Frage muss man den Mut haben, pastoral zu denken. Wir sind Patriarchen, nicht Minister einer palästinensischen Regierung. Es braucht ein Gleichgewicht: Wie weit kann man gehen? Was kann man sagen? Wann sollte man schweigen und sich sich auf das Gebet beschränken? Das ist die Kniffligkeit von Jerusalem. Die Gläubigen denken, wir haben die Lösung für all ihre Probleme; dabei sind wir manchmal machtlos und gedemütigt, dass wir diese Maschinerie der Gewalt und der Ungerechtigkeit nicht stoppen können.

KNA: Glauben Sie noch an eine bessere Zukunft für Jerusalem?

Twal: Jerusalem ist das Land der Überraschungen. Ein göttliches Kind, das in einer Grotte geboren wird, das ist undenkbar. Und trotzdem ist das die Überraschung: Der Sohn Gottes wird Mensch wie wir, läuft auf denselben Straßen wie wir. Die zweite Überraschung: Ein Toter steht nach drei Tagen wieder von den Toten auf. Die dritte Überraschung, die ich eines Tages gern erleben möchte: den Frieden, für alle, Muslime, Juden, Christen.

KNA: Was waren die schwierigsten Momente als Patriarch?

Twal: Das schwierigste ist, die Köpfe der Leute zu ändern. Nicht immer bekommt man Reaktionen auf Appelle, weder auf internationalem Niveau noch lokal; nicht einmal innerhalb der Kirche. Das wird ermüdend und erfordert viel Geduld. Dieses Land lehrt Geduld, aber wir sind ständig in Versuchung, sie zu verlieren.

KNA: Und die schönen Momente?

Twal: Ich liebe die Öffentlichkeit. Je mehr Menschen da sind, desto glücklicher bin ich. Das liegt in unserer Stammesmentalität. Zu den schönsten Momenten gehören Priesterweihen, bei denen man die Familie wachsen sieht. Unsere Seminare sind voll; wir haben den Luxus, auswählen zu können. Das ist unser Stolz und unsere Freude.

KNA: Wünschen Sie Ihrer Kirche hier einen arabischen Nachfolger?

Twal: Ich denke, das ist irreversibel.

KNA: Ihre Kirche heute in einem Wort?

Twal: Meine Diözese hat wie alle Diözesen ihre Freuden und Leiden. Aber die Tatsache, Mutterkirche aller Kirchen zu sein, macht aus ihr die schönste und wertvollste Kirche. Gleichzeitig ist sie die komplizierteste Kirche. Normalerweise gibt es einen Staat und drei, vier Diözesen. Ich habe eine Diözese und vier Staaten. Die Situation ist gegen uns, und wir leiden.

KNA: Wie werden Sie den 23. Oktober verbringen?

Twal: Mein Geburtstag ist jetzt am 20. November! Vor drei Jahren haben wir in den Papieren der Stadtverwaltung von Madaba festgestellt, dass es dort keinen 23. Oktober gibt - in der Pfarrei aber schon. Ich bin sicher, dass die Pfarrei zuverlässiger ist, denn die Pfarrei hat existiert, bevor die Stadtverwaltung gegründet wurde. Aber in meinem jordanischen Pass steht jetzt der 20. November, und ich feiere zweimal.

KNA: Wie werden Sie also den ersten Ihrer beiden Geburtstage begehen?

Twal: Mit dem Dank an Gott für seine Gnade und mit der Bitte um Vergebung für Verfehlungen.

Das Gespräch führte Andrea Krogmann.

(KNA)

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