Assyrischer Erzdiakon Emanuel Youkhana zur Lage im Irak

"Die Zwangsehe Irak ist gescheitert"

Ein vereinter Irak sei eine Illusion. Zwar werde das Land dank seiner wirtschaftlichen und menschlichen Ressourcen ein Ende des Konflikts erreichen, aber bis dahin werde es im Irak "keine Christen mehr geben", betont Erzdiakon Emanuel Youkhana.

 Hilfe für Flüchtlinge in Dohuk (KNA)
Hilfe für Flüchtlinge in Dohuk / ( KNA )

KNA: Herr Archimandrit, wie schätzen Sie die Lage im Irak ein?

Youkhana (Leiter der Hilfsorganisation "Christian Aid Program North Iraq" CAPNI): Wir haben alle paar Jahre mit einer Welle von Gewalt zu kämpfen, die Menschen zur Flucht zwingt. Die gegenwärtige Fluchtwelle ist allerdings aus verschiedenen Gründen die schlimmste. Zum einen wegen der großen Zahl: Wir reden von 700.000 vertriebenen Menschen allein im Gouvernement Dohuk - 540.000 Binnenflüchtlingen und 160.000 syrischen Flüchtlingen. Damit sind aus 1,3 Millionen Einwohnern jetzt 2 Millionen geworden. Während frühere Fluchtbewegungen Wochen dauerten, hält die jetzige seit einem Jahr an. Wir haben kein Anzeichen, dass die Menschen in Kürze zurückgehen. Der dritte Grund ist der Kontext: Die Gewalt richtet sich gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen - Nichtmuslime, Nichtsunniten. Der Schaden neben dem materiellen Schaden betrifft das Innerste der Gesellschaft, es herrscht Misstrauen. Aus all diesen Gründen steht der Irak vor der größten Katastrophe überhaupt.

KNA: Wie reagiert CAPNI als Organisation darauf?

Youkhana: Das Arbeiten wird erschwert, wir mussten über Nacht mit dieser Katastrophe fertig werden. Wir haben unser Budget und die Zahl unserer Mitarbeiter fast verdreifacht. Was die gegenwärtige Krise betrifft, haben wir anfangs Not- und Winterhilfe geleistet. Dann haben wir begonnen, Schulen einzurichten. Gegenwärtig betreiben wir sieben sogenannte "kinderfreundliche Orte". Wir haben eine mobile Klinik, um abgelegene Dörfer zu erreichen und kostenfreie medizinische Grundversorgung anzubieten sowie chronische Kranke zu versorgen. Dazu kommen präventive Gesundheitserziehung und ein Programm zur Verbesserung der Wasserqualität und der sanitären Einrichtungen.

KNA: Ihre Organisation konzentriert sich auf Vertriebene, die nicht in Lagern leben?

Youkhana: Die großen Hilfsorganisationen gehen in die Lager. Ihnen fehlt das Netzwerk, um alle überall zu erreichen. Wir können auf mehr als 20 Jahre Arbeit, gute Kontakte und eine gute Reputation aufbauen. Zudem konzentrieren wir uns auf Dohuk, weil die Zahl der Flüchtlinge dort deutlich höher ist als in Erbil und die Menschen über ganz Dohuk verteilt sind, aber auch, weil viele aus sehr armen und bildungsarmen ländlichen Gegenden kommen und entsprechend mehr Hilfe benötigen.

KNA: Haben Sie noch Hoffnung für den Irak?

Youkhana: Der Irak ist ein biblisches Land mit einer sehr reichen religiösen und kulturellen Diversität. Wir sind gesegnet mit guten wirtschaftlichen und menschlichen Ressourcen. Es wird ein gutes Ende geben. Aber ich fürchte, bis wir diesen Tag erreichen, wird es hier keine Christen mehr geben. Bis vor 50 Jahren hatten wir eine jüdische Kommunität hier, die Teil der Gesellschaft war. Heute gibt es irakweit vielleicht noch vier oder fünf Juden. Die Mandäer, eine einheimische Gemeinschaft, die älter ist als das Christentum, sind nur noch 5.000. Von mehr als einer Million Christen sind nach den höchsten Schätzungen noch 300.000 übrig. Die Organisation des Irak ist gescheitert. Der gegenwärtige Irak hat keine Zukunft und muss überprüft werden.

KNA: Woran konkret ist der Irak gescheitert?

Youkhana: Daran, eine irakische Nation zu bilden, die ein gemeinsames Gedächtnis teilt, gemeinsame Hoffnungen hat. Wir sind ein Irak, weil wir nur einen Sitz in der UN haben und eine Währung. Das spiegelt sich in der Gewalt wider. Es muss eine Überprüfung der gegenwärtigen Gestalt des Irak geben, hin zu einem Staat, in dem jeder Bürger sich zuhause fühlen kann. Bisher behandeln wir nur die Folgen des Problems. Wir müssen an dessen Wurzeln gehen, das heißt, die Verfassung, das Bildungssystem, die Machtverteilung überprüfen. Das braucht Zeit. Das Gleiche sieht man Syrien, im Jemen. Es ist kein irakisches Problem, nur die irakische Version eines größeren Problems.

KNA: Und der Platz der Christen in diesem neuen Irak?

Youkhana: Ein vereinter Irak ist eine Illusion. Diese Zwangsehe ist gescheitert. Kurzfristig wird es drei Kantone geben: einen kurdischen, einen sunnitischen und einen schiitischen mit einer schwachen Zentralregierung in Bagdad. Die einzige Zukunft für irakische Christen liegt in Kurdistan.

KNA: Warum?

Youkhana: Aus demografischen Gründen: In nur 7 von 19 Bezirken im Irak leben Christen; nur in 3 in einer solchen Zahl, dass wir unsere Identität leben können: Dohuk, Erbil und Ninive, das sicher von Kurdistan annektiert werden wird. Mehr als 80 Prozent der irakischen Christen sind in Kurdistan.

Andrea Krogmann


Quelle:
KNA