Ein Gebäude des Klosters von Clairvaux
Ein Gebäude des Klosters von Clairvaux

25.06.2015

Clairvaux: Klostergründung für ein strenges Leben Vom Kloster zum Gefängnis

Vor 900 Jahren gründete ein Dutzend Mönche ein Kloster im französischen Clairvaux. Jahrhunderte später wurde es auf Napoleons Geheiß hin zum Staatsgefängnis. Heute findet auf dem Gelände auch ein jährliches Festival statt.

Als sich vor 900 Jahren, am 25. Juni 1115, zwölf Mönche in Clairvaux niederließen, da hatten sie ihr Ziel erreicht. Ein "clara vallis", ein "helles Tal", hatten sie gesucht. Und dieses hier, das Val d'Absinthe etwa 50 Kilometer von Troyes, erfüllte die Voraussetzungen für ihre Klostergründung: Abgeschiedenheit und ausreichend fließendes Wasser für ihre landwirtschaftlichen Aktivitäten. Wer heute nach Clairvaux kommt, der wollte nicht zwingend auch dorthin. Nach der Aufhebung des Klosters wurden die Gebäude umfunktioniert: Clairvaux dient als Hochsicherheitsgefängnis, bis heute. Generationen "schwerer Jungs" saßen hier ein: unter anderen der venezolanische Terrorist "Carlos der Schakal".

Der heilige Bernhard und seine Gefährten brachten aus dem Mutterkloster Citeaux ein strenges Armutsideal und Arbeitsethos mit: eine radikale Reform des benediktinischen Mönchtums, die Bernhard zu einer europaweiten Bewegung machte. Clairvaux war die erste Tochtergründung von Citeaux, und allein in den 38 Jahren bis zu Bernhards Tod wurden weitere rund 350 Tochterklöster gegründet.

Vom Kloster zum Gefängnis

Mit den Jahrhunderten allerdings verfiel die strenge Disziplin der Gründer. 1812 verfügte Napoleon eine Umwandlung zum Staatsgefängnis, dem damals größten des Landes. Dafür wurde bis 1819 die Abteikirche abgerissen, die die Revolution unbeschadet überstanden hatte. Das heutige Prunkstück, das Gebäude der Laienbrüder aus der Gründungszeit, wurde zur Werkstatt der Sträflinge und entging so der Zerstörung.

Mörder und Staatsverräter, Sozialisten, Anarchisten, Meuterer und Revolutionäre wurden in Clairvaux mit gemeinen Strauchdieben zusammengesteckt. Die Haftbedingungen waren so unwürdig, dass sie Victor Hugo 1834 zu einer Kurzgeschichte inspirierten. Rund 30 Jahre später arbeitete er den Stoff zu seinem Epos über die sozialen Ungerechtigkeiten im 19. Jahrhundert aus: "Les Miserables" (Die Elenden). Zwischen 1875 und 1970 lebten die Häftlinge - als Verbesserung - in rund 700 Metallkäfigen. Diese rostigen Zellen, "cages a poules" (Hühnerkäfige) genannt, sind bis heute zu besichtigen und lassen den Besuchern erschauern.

Seit 30 Jahren Besichtigungen möglich

Das Refektorium aus dem 18. Jahrhundert - der Spätzeit der Abtei, der die größten Teile des mittelalterlichen Baubestandes zum Opfer fielen - wäre ein Schock für den Puristen Bernhard gewesen: rund 35 Meter lang, mit reichem Stuckdekor und Holzvertäfelungen, diente es den Mönchen als Speisesaal. In der Gefängniszeit bot es den Häftlingen geistliche Nahrung: als Kapelle für angeblich bis zu 1.500 Zuhörer.

1971 wurde das Gefängnis gründlich umgebaut: für "Klasse statt Masse". In den Neubauten finden nur noch ausgesuchte Langzeitklienten der französischen Justiz Obdach, derzeit rund 150. Eine private Initiative erwirkte schließlich 1985, dass Teile des Komplexes für Besichtigungen freigegeben wurden. Erstmals seit 870 Jahren durften Nichtmönche und Nichtgefangene die Gebäude betreten. Die zurzeit jährlich rund 20.000 Besucher müssen ihren Ausweis hinterlegen; es herrscht Fotoverbot.

Festival und Ziste

Der Verein "Wiedergeburt der Abtei Clairvaux" hat in diesen 30 Jahren zahlreiche Initiativen gestartet. So findet alljährlich Ende September das Festival "Schatten und Licht in Clairvaux" statt. Dazu trägt seit 2007 auch eine Schreibwerkstatt der Häftlinge bei, die Anne-Marie Salle, Mitbegründerin des Vereins, ins Leben gerufen hat. Texte der Insassen werden vertont und künstlerisch-musikalisch in Szene gesetzt. In diesem Jahr lautet das Motto: "Fluchtversuche".

Auch das geistliche Leben in Clairvaux ist nicht ganz erloschen. 1990 machte sich eine Gruppe von Laien auf die Suche nach dem Charisma des Ortes. In einer Scheune in direkter Nachbarschaft gründete sich eine einfache Gemeinschaft: mit schlichtem Lebensstil, Askese, Arbeit und gemeinsamen Schriftlesungen. Drei von diesen "zisterziensischen Laien" sind derzeit übrig: der frühere Gefängnisseelsorger, ein pensionierter Universitätslehrer und ein Rentner aus Nebraska. Sie freuen sich auf das Treffen mit rund 200 Äbten der weltweiten Zisterzienser-Familie, die sie für Ende August eingeladen haben.

 

Alexander Brüggemann
(KNA)

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