Der wohl berühmteste Dominikaner: Thomas von Aquin
Der wohl berühmteste Dominikaner: Thomas von Aquin

09.04.2015

Vor 800 Jahren wurde der Predigerorden gegründet Die Wiege der Dominikaner

Im sonnigen Toulouse kommen viele Menschen auf gute Ideen. Dort wurde der Dominikanerorden gegründet. Der Predigerorden blüht auch nach acht Jahrhunderten weiter - als eine der größten Ordensgemeinschaften der katholischen Kirche.

Was sollte er machen, Dominikus von Caleruega, nach dem Verlust seines Mentors, so ganz allein im Feindesland? Er gründete, modern gesprochen, einen Arbeitskreis. Mit seiner Überzeugungskraft gewann er bald Gefährten, mit denen er in Fanjeaux bei Carcassonne, tief im Katharergebiet, in den zurückliegenden Monaten bereits ernsthaft über eine Ordensgründung nachgedacht hatte.

Nun war es so weit: Im April 1215, vor 800 Jahren, in einem kleinen Steinhaus unweit der Garonne in der Hauptstadt der Grafschaft Toulouse, fiel die Entscheidung, künftig eine Gemeinschaft zu sein; eine Gemeinschaft, die schon sehr bald zu den größten Orden der Kirche gehören sollte: der Predigerorden (Ordo predicatorum), oder prägnanter: die Dominikaner.

Noch hießen sie nicht so; noch hatten sie nicht die Lebensregel der Augustiner angenommen, und noch hatte ihnen Papst Honorius III. (1216-1227) nicht die Bestätigungsurkunde übergeben. Diesen Rechtsakt vom 22. Dezember 1216 hat die heutige Ordensleitung selbst als den offiziellen 800. Geburtstag ausgerufen. Aber von jenem Tag im April 1215 an wussten die Männer um Dominikus von Caleruega, was sie sein und was sie tun wollten: in radikaler Armut den katholischen Glauben predigen inmitten von Ketzerei und Irrlehre.

Sekte der Katharer in Südfrankreich aktiv

In der südfranzösischen Region, die man heute als den "Midi" bezeichnet, grassierte seit Mitte des 12. Jahrhunderts die Sektenbewegung der Katharer, eine Häresie, die wohl durch die Kreuzzüge aus dem Orient importiert worden war. Die eigentümliche und radikale Büßerethik und Weltflucht der Katharer (griech. "katharoi", die Reinen) traf offenbar einen Nerv bei den so lebensfrohen wie frommen Südfranzosen. Jedenfalls breitete sich die Irrlehre in einer für Rom beunruhigenden Weise aus. Ihre Anhänger wurden - nach ihrer nahe gelegenen Hochburg Albi - auch "Albigenser" genannt.

Geschickt verknüpfte die französische Krone die römischen Ängste vor den Häretikern mit ihren eigenen territorialen Interessen, und sie versuchte, letztlich erfolgreich, ihren sogenannten Albigenser-Kreuzzug (1209-1229) zur politischen Unterwerfung der Grafschaft zu nutzen. Die Tolosaner hielten dabei ihrem Landesherrn, Graf Raymond VII., unbedingte Treue gegen den französischen Militärbefehlshaber Simon de Montfort.

Dominikus setzte auf das Wort Gottes und die Predigt

Dass es bei alledem äußerst brutal zuging, belegt ein Zitat des päpstlichen Legaten und Feldherrn Arnaud Amaury, der bei der Einnahme der Katharerstadt Beziers 1209 auf die Frage, was mit den Ketzern und was mit den rechtgläubigen Katholiken geschehen solle, geantwortet haben soll: "Tötet sie alle! Gott wird die Seinen schon erkennen."

Diego von Acebo, Zisterzienser und Bischof von Osma in Kastilien, und sein wortgewandter Subprior Dominikus, schüttelten ob des selbstherrlichen und prunkvollen Auftretens der Kirchenvertreter nur den Kopf. Auf diese Weise war den albigensischen "Büßern" und ihren radikalen Ideen sicher nicht beizukommen. Im Sonderauftrag von Papst Innozenz III. (1198-1216) setzten sie als Missionare in der Region allein auf das Wort Gottes, die Predigt und die Nächstenliebe, ohne Luxus, Prunk, Ornat und irdische Güter. Solange, bis der erschöpfte Bischof Diego vom Papst in seine Diözese zurückbeordert wurde - und dort im Dezember 1207 starb.

Dominikaner gewannen an Einfluss

Dominikus machte allein weiter und gewann nach und nach neue Gefährten für seine Sache. Man mag sich die Mühsal vorstellen, als arme Wanderprediger unter den Bedingungen des Kriegsrechts eine radikale Sekte davon abzubringen, fast alle Lehren des Christentums und mit ihnen alles Irdische abzulehnen. Die Erfolge waren bescheiden. Doch dann, wenige Wochen nach der offiziellen Gründung der Gemeinschaft, bekam sie einen offiziellen Auftrag: Fulko, Bischof im albigensisch infizierten Toulouse, erteilte ihr im Juni 1215 eine universelle Predigterlaubnis für seine Diözese. Eine Beteiligung an den Einnahmen der Diözese sowie der Eintritt zweier vermögender Mitstreiter sorgten für eine genügende materielle Grundlage.

Wie andere überzeugende Neuansätze des abendländischen Mönchtums im Hochmittelalter - Cluniazenser, Zisterzienser oder Franziskaner - gewannen nun auch die "Dominikaner" rasch an Einfluss. Es ist eine Ironie der Kirchengeschichte, dass die großen religiösen Reformorden des Mittelalters einem paradoxen Zyklus unterlagen. Gegründet von glühenden Asketen, die das Armutsideal des Mönchtums erneuern wollten, zogen sie mit ihrer Strahlkraft Hunderte junger Männer aus ganz Europa an, die ein anderes Leben suchten - und Hunderte frommer Stiftungen, mit denen der Adel der Zeit sein ewiges Seelenheil zu befördern wünschte. Aus radikal armen Bewegungen wurden so mitunter schnell mächtige Imperien, die sich über ganz Europa erstreckten. Bei den Dominikanern war es mehr noch ein Zuwachs an theologischer Bildung, mit Gründungen in den Universitätsstädten Bologna und Paris.

Stammhaus in Toulouse

In Toulouse begann der Orden 1229, nach dem Ende des militärischen Kreuzzugs, mit einem groß angelegten Neubau seines Stammhauses. Die Kirche "Les Jacobins" - so benannt nach dem Pariser Dominikanerkonvent Saint-Jacques - prägt bis heute das Stadtbild. Von außen ist die Dominikanerkirche ein abweisendes Ziegelbollwerk gegen die vom Ketzertum befreite Stadt. Nach Einführung der päpstlichen Sonderjustiz der Inquisition 1234 übernahmen die Dominikaner neben ihrer Predigttätigkeit auch dieses Amt - was sie bei den aufsässigen Bürgern nicht gerade beliebt machte.

Von außen abweisend, doch wie anders der Innenraum: eine helle und farbige Architektur, scheinbar schwerelos und doch ein Meisterwerk der Statik. Die letzte der 28 Meter hohen Säulen, die die zwei Schiffe tragen, endet in einem "Palmwedel" (palmier), in dem sich nicht weniger als 22 gotische Gewölberippen vereinigen. Der inzwischen im südfranzösischen Avignon residierende Papst Urban V. war von dem Bauwerk so beeindruckt, dass er 1368 den von ihm hoch verehrten Dominikaner-Heiligen Thomas von Aquin (gestorben 1274 in Italien) hier neu beisetzen ließ.

Nach der Französischen Revolution und der Aufhebung des Dominikaner-Konvents diente der einst prächtigste Kirchenbau Südfrankreichs als Pferdestall und Kaserne - mit zwei eingezogenen Zwischendecken. Das brachte Toulouse zwischenzeitlich den Ruf ein, zur "Hauptstadt der Barbarei" geworden zu sein. Immerhin: Die Kultur kehrte irgendwann zurück, in Form einer musikalischen Revolution. Heute findet im eleganten Kreuzgang alljährlich ein internationales Klavier-Festival statt.

Alexander Brüggemann
(KNA)

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