Leuchtender Stern am Nachthimmel
Leuchtender Stern am Nachthimmel

25.12.2020

Weihnachten lebt auch vom Kontrast zwischen Hell und Dunkel Vom Licht in der tiefsten Nacht

Christmas, natale, navidad: Viele Sprachen weisen direkt auf die Geburt Jesu hin, wenn sie das Weihnachtsfest beschreiben. Im Deutschen aber weihnachtet es. Das lässt viel Raum für Interpretationen.

"Stille Nacht, heilige Nacht" - Weihnachten lässt sich kaum denken ohne den Kontrast von dunkler Nacht und dem Leuchten von Kerzen und Sternen. Dabei steckt im Wort "Weihnachten" kein direkter Hinweis auf den religiösen Ursprung des Festes. "Geweihte Nacht/Heilige Nacht" ist viel allgemeiner als das englische "Christmas" oder die romanischen Weihnachtswörter "noel" (Frankreich), "navidad" (Spanien) oder "natale" (Italien), die direkt auf die Geburt Jesu hinweisen.

Tag und Nacht

Dafür lässt der Begriff "Weihnacht", der erstmals um 1170 in der deutschen Sprache erscheint, viel Platz für Interpretationen: Seit jeher versuchen Menschen, das Dunkel der Nacht durch Mythen und Geschichten zu deuten und zu zähmen. Die Nacht ist die dunkle Schwester des Tages, geheimnisvoll und mächtig. Sie kann das Beste und das Schlechteste im Menschen hervorbringen. Sie kann von den Zwängen des Tages befreien. Die Vorstellungskraft wächst. In der Nacht reifen Entscheidungen, wenn man über Probleme noch einmal schlafen kann.

Die Nacht als Grenzerfahrung: Wenn es dunkel wird, überkommt die Menschen seit je ein Unbehagen. Geister und Teufel haben laut Volksglauben zwischen Mitternacht und Morgengrauen besondere Macht. Die Herrschaft des Teufels auf Erden dauert, wie Märchen und Sagen erzählen, von Mitternacht bis zum ersten Hahnenschrei. Oft sind es die "inneren Dämonen", die im Dunkeln Angst und Bange machen. Zerwühlte Laken, rasender Puls, rotierende Gedanken, Alpträume - kleine Probleme bauschen sich zum Monstrum auf.

Die Nacht in der Bibel

Auch in der Bibel und in der christlichen Tradition spielt die Nacht eine besondere Rolle. Gott offenbart sich immer wieder in Dunkel und Chaos. Er kann die Finsternis erleuchten. Besonders in der Dunkelheit ist der Mensch empfänglich für die Stimme Gottes und die Bedeutung des Lichts.

Schon am ersten Tag der Schöpfung - die Erde war, wie es in der Bibel heißt, "wüst und leer, und Finsternis schwebte über dem Abgrund" - schuf Gott das Licht und trennte den Tag von der Nacht. Im Alten Testament zeigte er dem kinderlosen Abraham den Sternenhimmel und versprach ihm Nachkommen, so zahlreich wie die Sterne am Himmel und der Sand am Meer. In der Nacht brach das Volk Israel aus Ägypten auf, um seine Freiheit wiederzuerlangen.

Im Neuen Testament verrät Judas Jesus nach durchwachter Nacht. Beim Kreuzestod Jesu verfinstert sich der Himmel. In der Osternacht wird Auferstehung gefeiert. "Die Mitte der Nacht ist der Anfang des Tages," lautet ein alter christlicher Osterhymnus. Darin wird Christus besungen als Licht, das in der tiefsten Finsternis aufscheint und neue Hoffnung und neues Leben verheißt.

Licht in der Nacht

Jesus als Licht in der Nacht: Auch die zunehmende Zahl der leuchtenden Kerzen am Adventskranz verkündet, dass das Licht in die Finsternis kommt, wie es im Johannes-Evangelium heißt. Im Weihnachtsevangelium nach Lukas gibt es nur einen kurzen Hinweis auf die Tageszeit der Geburt: "Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde, die hüteten des Nachts ihre Herde", heißt es da. Die Heiligen Drei Könige folgten dem hellen Stern am nächtlichen Himmel, der sie zur Krippe im Stall leitete.

Nicht zufällig wird das Weihnachtsfest in der dunkelsten Zeit des Jahres gefeiert: An den dunklen Wintertagen erwartet man sehnsüchtig die heller werdenden Tage. Eigentlich gibt es in der Bibel keinen konkreten Hinweis auf den Termin der Geburt Jesu. Doch manche Theologen vermuten, dass Papst Liberius im Jahr 354 den 25. Dezember als Weihnachtstermin festlegte, um den spätrömischen Kult des Sonnengottes "Sol invictus" (der unbesiegbaren Sonne) neu zu interpretieren. Jesus sollte als neue Sonne, Morgenstern und Licht in der Nacht gefeiert werden. Andere meinen, dass das christliche Fest zuerst da war.

Das spiegelt sich auch im christlichen Liedgut wider: Vor allem die Liederdichter der Barockzeit haben den Morgenstern intensiv besungen. Angelus Silesius bezeichnet in seinem berühmten, gern Weihnachten gesungenen Lied "Morgenstern der finstern Nacht" Jesus als Hoffnungslicht in der Dunkelheit. Auch Philipp Nicolai, der Autor von "Wie schön leuchtet der Morgenstern", hat diese Jesus-Licht-Mystik aufgenommen.

Christoph Arens
(KNA)

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