Geschmückter Christbaum
Geschmückter Christbaum
Manfred Becker-Huberti
Manfred Becker-Huberti

23.12.2016

Was es mit dem Baum auf sich hat Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum?

Warum wird jedes Jahr ein Weihnachtsbaum aufgestellt? Oder war das vielleicht schon der erste Fehler? Vielleicht heißt der Baum eigentlich ganz anders. Der Brauchtumsexperte und Theologe Prof. Manfred Becker-Huberti weiß die Antwort. 

domradio.de: Und wie sagt man es richtig: Im Lied singt man "Oh Tannenbaum", beim Händler wird er dann zum "Weihnachtsbaum" und einen besonders frommen Anspruch hat das Wort "Christbaum". Wie heißt er denn jetzt?

Prof. Manfred Becker-Huberti (Theologe und Brauchtumsforscher): Ich nenne ihn gerne "Christbaum", weil dadurch seine Funktion ausgedrückt wird. Er ist der Baum, der auf das Ereignis hinweist, an dem Christus geboren ist. Davon hat natürlich keiner an der Wiege gesungen, denn der Baum wird zu diesem "Christbaum" auf ganz interessante Art und Weise: Aufgestellt wurde er früher nur in der Kirche am Heiligenabend. Denn dann fand nicht nur das Krippenspiel in der Kirche statt, sondern davor wurde das Paradiesspiel aufgeführt. Am 24. Dezember gedenken wir Adam und Eva und am Tag danach der Geburt Christi. Das heißt die Erbschuld, die durch Adam und Eva in diese Welt gekommen ist, und der Umstand, dass sie wieder aus der Welt herausgeschafft wurde, durch den neugeborenen Messias wurden so gegeneinandergesetzt.

domradio.de: Wie wurde das gezeigt?

Becker-Huberti: Beim Paradiesspiel griff die Eva zum Baum der Erkenntnis, pflückt eine Frucht ab und ließ den Adam beißen. Diese Frucht musste für die Zuschauer gut erkennbar sein, das heißt sie hing dann an einem grünen Baum. Man kann da ja nicht einen abgewrackten Apfelbaum hinstellen, sondern es soll schon was Grünes sein: Ilex, Tanne, Fichte, alles war möglich. Mit kleinen Kordelchen band man da rote Äpfel rein, von der Sorte "Renette", die sich besonders lang hält und besonders schön rot ist. So entstand dieser Baum bei diesem Spiel. Er blieb dann stehen und war noch da, als das Christgeburtsspiel stattfand, also das Krippenspiel.

domradio.de: Und wie kam der Baum dann aus der Kirche in die Wohnzimmer?

Becker-Huberti: Alles fand damals zunächst allein und ausschließlich in der Kirche statt, bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Gilden, also die Berufsvereinigungen der Männer, auf die Idee kamen, Weihnachten auch außerhalb der Kirche zu feiern. Dabei brauchten sie dann etwas für die Kinder der Gildegenossen, und da kam ihnen der Baum ganz recht: Sie banden nämlich die Geschenke  an den Baum, so wie sie das vorher mit den Äpfeln gesehen hatten. Da hingen dann also nicht nur Äpfel, sondern kleine Spielsachen oder Gebäcke, die die Kinder auf ein Kommando hin "abblümeln" durften - wie das so schön hieß.

Die evangelischen Adeligen kamen auf eine noch ganz andere Idee: Als bei den Protestanten Weihnachten nämlich auch zu Hause gefeiert wurde - als das enstand, was heute so typisch Deutsch ist, nämlich die Familienweihnacht - da sagten sich die Protestanten: "Weihnachten begehen wir doch als Lichterfest, Gott kommt doch in die Dunkelheit und leuchtet diese Dunkelheit auf, dann symbolisieren wir das durch Kerzen, die wir auf den Baum stecken." Und so kam der Lichterbaum auf den Gabentisch und entwickelte sich in der Art und Weise, wie wir ihn heute kennen; mit einer Ausnahme: Die Äpfel wurden mit der Zeit natürlich faul und stanken. Deswegen kam man im 19. Jahrhundert auf die Idee, künstliche Äpfel herzustellen. Das sind die Weihnachtsbaumkugeln, die wir heute verwenden.

domradio.de: Wann ist denn der richtige Zeitpunkt, den Baum aufzustellen? Die Weihnachtsmärkte sind ja schon vor dem ersten Advent so weit gewesen, vom Oberbürgermeister der Stadt Solingen haben wir dagegen gehört, dass er sich vehement dagegen wehrt, am Rathaus einen Baum aufzustellen, weil er sagt: "Weihnachten ist erst am 25. Dezember. Erst dann komme ich vorbei und stelle einen Baum auf." Hat er Recht?

Becker-Huberti: Darf ich eine dezente Korrektur anführen? Weihnachten beginnt nicht am 25. Dezember, sondern mit dem Sonnenuntergang des 24. Dezembers. Denn liturgisch beginnt ein Tag mit dem Sonnenuntergang des Vortages und nicht um 24 Uhr.

domradio.de: Trotzdem steht der Oberbürgermeister mit seiner Position, den Baum nicht zu früh ins Spiel zu bringen, nicht allein. Hat er da denn Recht?

Becker-Huberti: Das finde ich richtig so, da gehört er auch hin: Am 24. Dezember kann man den Baum aufstellen. Ich habe auch Verständnis für Familien, die sagen: "Ich will am 24. alles fertig haben, wir machen es am 23." Das passt alles. Ihn aber vor dem vierten Advent schon aufzustellen, das ist unzeitgemäß. 

domradio.de: Um den Baum wird in vielen Familien ja auch eine Art Geheimnis gemacht. Die Familie bekommt ihn erst zu Gesicht, wenn die Bescherung ansteht, vorher darf keiner den Raum betreten, oder man überlegt sich, ihn zu verdecken oder zu verhüllen. Was ist so exklusiv an diesem Baum?

Becker-Huberti: Der Baum symbolisiert das Weihnachtsfest, also die Tatsache, dass der Erlöser geboren ist. Seine Geburt findet an diesem Fest statt und nicht vorher. Deswegen sollte man den Baum auch ein Stückchen zurückhalten. Ich finde das schön, wenn man ein bisschen ein Geheimnis um das Ganze macht. Die Kinder wissen das zu goutieren und ich kenne viele, die das so fortsetzen, wie sie es zu Hause gelernt haben.

domradio.de: Jetzt haben wir heute den 23. Dezember: Morgen ist Heiligabend. Wie steht es denn bei Ihnen zu Hause, wann wird der Baum aufgestellt und von wem?

Becker-Huberti: Das machen Mama und Papa, wie eh und je. Das heißt, wir sind meistens am 23. zu Gange, weil am 24. schon zum Kaffee am Nachmittag die Enkel ins Haus kommen, und dann die Geschenke suchen, die nach Sonnenuntergang irgendwo zu finden sein werden. Also stellen wir den Baum ganz kurz vorher auf und bereiten es vor. 

Das Interview führte Daniel Hauser.

(DR)

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