Vom vergessenen Gedicht zum berühmtesten Weihnachtslied

Der Text von "Stille Nacht" feiert 200. Geburtstag

​Was haben hungrige Kirchenmäuse, eine kaputte Orgel und ein bettelarmer Hilfspriester mit dem berühmtesten Weihnachtslied der Welt zu tun? Ganz einfach: Ohne sie könnte es 2016 nicht seinen 200. Geburtstag feiern.

Autor/in:
Gottfried Bohl
Noten zu "Stille Nacht" / © Michael Kappeler (dpa)
Noten zu "Stille Nacht" / © Michael Kappeler ( dpa )

Auch in diesem Jahr tönt es sicher wieder voller Inbrunst "laut von fern und nah" - bevorzugt bei Kerzenschein zum Abschluss der Christmette. Oder auch beim "trauten hochheiligen Paar" zu Hause - selbst gesungen oder von CD in einer der unzähligen Versionen. "Stille Nacht" ist und bleibt das mit Abstand beliebteste Weihnachtslied. Gegen den "holden Knaben im lockigen Haar" hat selbst George Michaels Föhnwelle bei "Last Christmas" keine Chance. Was die wenigsten wissen - und auch die erst seit wenigen Jahren: Der Text des Weihnachts-Superhits feiert 2016 seinen 200. Geburtstag.

Dahinter stecken unter anderem eine kaputte Orgel, ein paar hungrige Kirchenmäuse und ein bettelarmer und meistens wahrscheinlich ähnlich hungriger Hilfspriester am Beginn des 19. Jahrhunderts.

Der Autor: Joseph Mohr

Joseph Mohr hieß der und war 1792 als drittes von vier unehelichen Kindern einer Strickerin in Salzburg zur Welt gekommen. Sein Vater war ein Deserteur, sein Taufpate der Scharfrichter der Stadt. Gehobenes Bildungsbürgertum sah auch damals anders aus.

Doch ein Vikar des Salzburger Domchors erkannte das Talent des kleinen Joseph und ermöglichte ihm den Besuch des Gymnasiums. Später studierte er Philosophie, trat ins Priesterseminar ein - mit der notwendigen Sondererlaubnis aufgrund der unehelichen Herkunft - und wurde im August 1815 tatsächlich zum Priester geweiht.

Seine erste Stelle als Hilfsgeistlicher bekam Mohr danach in Mariapfarr, etwa 130 Kilometer südöstlich von Salzburg. 1817 kam der immer wieder kränkelnde junge Geistliche wegen seiner Gesundheitsprobleme wieder zurück, genauer in die Pfarrei Oberndorf an der Salzach, direkt an der deutschen Grenze.

Für sich selbst geschrieben

Dazwischen lag 1816, das als das Jahr ohne Sommer in die Geschichte einging. Nach einem Vulkanausbruch in Indonesien war es ungewöhnlich kalt in Mitteleuropa, bis hin zu Schneefällen noch im Juni. Ernten fielen aus, Millionen litten Hunger, Zehntausende starben. Noch dazu litt Europa an den Folgen der Napoleonischen Kriege. In dieser Zeit der Sehnsucht nach besseren Zeiten und nach Frieden - nach "himmlischer Ruh" und "rettender Stund" - schrieb Mohr ein Gedicht mit insgesamt sechs Strophen, von denen heute meist nur noch die erste, zweite und sechste gesungen werden.

Es war wohl im Dezember 1816: Mohr schrieb "Stille Nacht" offenbar nur für sich und vergaß dies sogar beinahe selbst. Mehr ist nicht bekannt, und selbst dieses wenige wurde erst 1995 entdeckt, als eine Handschrift Mohrs auftauchte, in der er selbst das Jahr 1816 als Entstehungsdatum notiert hatte.

Uraufführung von "Stille Nacht"

Bis dahin waren die meisten Fachleute davon ausgegangen, Mohr habe den berühmten Liedtext spontan an Heiligabend 1818 zu Papier gebracht, nur Stunden, bevor das Lied zum ersten Mal erklang. Zu der Zeit also, als die hungrigen Kirchenmäuse ins Spiel kamen. Die hatten an der altersschwachen Oberndorfer Orgel den Blasebalg kaputtgenagt - ausgerechnet kurz vor Weihnachten.

Guter Rat war teuer, und da schlug Mohrs große Stunde - und die des Dorflehrers, Kantors und Organisten Franz Xaver Gruber. Der Aushilfsgeistliche erinnerte sich offenbar an sein Gedicht, fand auch den Zettel mit dem Text wieder und fragte seinen Freund Gruber, ob er das nicht rasch vertonen könne - für zwei Männerstimmen und eine Gitarre.

Gesagt, getan: Zum Schluss der Christmette spielte Mohr Gitarre und sang Tenor, Gruber sang Bass. "Das Lied hat gefallen", ist als erste Reaktion der Gemeinde überliefert, die überwiegend aus armen Salzach-Schiffern und ihren Familien bestand. "Christ, der Retter ist da" muss auch in ihren Ohren besonders verheißungsvoll geklungen haben. Auch wenn sie niemals ahnen konnten, die Premiere des berühmtesten Weihnachtsliedes der Welt miterlebt zu haben.

"Stille Nacht" verbindet Soldaten

Auch Mohr und Gruber konnten das nicht ahnen. Sie verloren sich schon 1819 für immer aus den Augen: Mohr wurde noch etliche weitere Male zwangsversetzt bis zu seinem Tod 1848. Weitere Texte von ihm sind nicht bekannt. Als Gruber 1863 starb, hinterließ er nicht nur 12 Kinder von drei Frauen, sondern auch mehr als 90 Kompositionen.

Am Siegeszug von "Stille Nacht" war aber wohl vor allem ein Orgelbauer beteiligt, der bei der Reparatur der Oberndorfer Orgel einen Zettel mit Text und Noten fand und mitnahm ins heimische Zillertal, von wo das Lied langsam aber sicher den Weg in alle Welt fand.

Zur Wirkungsgeschichte gehören dabei nicht nur unzählige mehr oder weniger besinnliche Coverversionen und ein "Christmas Wonderland" mit Stille-Nacht-Kapelle in den USA, sondern auch Begebenheiten aus dem Ersten Weltkrieg: Gleich von mehreren Fronten ist überliefert, dass verfeindete Truppen an den Weihnachtstagen kurzfristig die Waffen schweigen ließen, um zwischen den Schützengräben gemeinsam "Stille Nacht" anzustimmen.

"Stille Nacht" ist Unesco-Kulturerbe

Seit 2011 ist das Lied als nationales immaterielles Unesco-Kulturerbe Österreichs anerkannt, und jedes Jahr an Weihnachten singen geschätzte zweieinhalb Milliarden Menschen in inzwischen weit mehr als 200 Sprachen "alles schläft, einsam wacht" und "Gottes Sohn, oh, wie lacht".

Das Salzburger Land und die Stille-Nacht-Gesellschaft bereiten sich derzeit intensiv auf das Stille-Nacht-Jahr 2018 vor. Dabei betonen sie vor allem die Kraft der Botschaft des Friedens: "Vor allem in Zeiten internationaler Krisen und Umbrüche ist die Besinnung auf den Frieden als wesentliche Komponente des Zusammenlebens aktueller denn je," sagte etwa der Salzburger Landeshauptmann Wilfried Haslauer im November bei der Eröffnung des neuen Stille-Nacht-Museums in Oberndorf. Eine Botschaft, an die in diesen Zeiten sicher viele gerne glauben - und dabei auf eine tatsächlich stille Nacht hoffen.


Quelle:
KNA