Weihbischof Dominikus Schwaderlapp
Weihbischof Dominikus Schwaderlapp

05.04.2017

Glaubensfrage an Weihbischof Schwaderlapp Kennt das Judentum keine Hölle?

Was bedeutet es für das Christentum, dass das Judentum eine Hölle wie die unsere nicht kennt? (J.S.)

Sehr geehrter Herr S.,

Sie stellen mich vor ein interessantes Problem, das allerdings auch nicht ohne gewisse Haken und Ösen ist:

Zum einen betrifft Ihre Frage ja zwei Religionen, müsste also eigentlich nicht nur katholischerseits beantwortet werden, sondern zugleich auch von einem allgemein anerkannten jüdischen Theologen oder Judaisten. Sonst könnte der falsche und ungute Eindruck aufkommen, wir Christen wollten den Juden sagen, was sie glauben. Da Sie mich aber nicht auf öffentlicher Bühne, sondern nur persönlich um meine Einschätzung bitten, will ich diese im Folgenden geben.

Zum anderen verschärft sich die erwähnte Schwierigkeit dadurch, dass Sie ausgesprochen kurz und knapp fragen, sodass Ihre Anfrage eine Interpretation nicht nur ermöglicht, sondern geradezu erfordert. Vor allem fällt mir auf, dass Sie von einer Prämisse ausgehen, hinter die ich ein Fragezeichen setzen würde, nämlich dass "das Judentum eine Hölle wie die unsere nicht kennt".

Sowohl christliche als auch jüdische Höllenvorstellungen wurzeln im Alten Testament. Damit meine ich weniger die Rede von der Unterwelt, der Scheol, in die alle Menschen nach ihrem Tode kommen. Dort führen sie zwar ein freudloses Schattendasein ("rephaim", "die Schwachen", nennt sie das Alte Testament), werden jedoch nicht für irdische Sünden bestraft.

Erst später setzt sich ein solches Verständnis durch, dem gemäß die Unterwelt zwei "Kammern" kennt: eine für Sünder, eine für Gerechte. Im Neuen Testament finden Sie einen Widerhall dieses Modells in der Erzählung vom armen Lazarus (Lk 16,19-31), der nach seinem Tod in "Abrahams Schoß" ruht (V. 23), während der hartherzige Reiche "große Qual in diesem Feuer" leidet (V. 24).

Die zweite Quelle jüdischer wie christlicher Höllenvorstellungen ist das Gehinnomtal nahe Jerusalem. Dieses ist ein Ort des Gräuels wegen barbarischer Menschenopfer, die dort den Götzen gebracht wurden, ein Symbol der Gottwidrigkeit und Sündenstrafe. Hier kommen auch Feuerqualen ins Spiel, wie wir es bei dem Propheten Jesaja lesen: "Dann wird man hinausgehen, um die Leichen derer zu sehen, die sich gegen mich aufgelehnt haben. Denn der Wurm in ihnen wird nicht sterben und das Feuer in ihnen wird niemals erlöschen; ein Ekel sind sie für alle Welt" (Jes 66,24). Vom Tal Gehinnom leiten sich auch die hebräische Bezeichnung "Gehenna" und die arabische "Dschehenna" ab.

Züge dieser in der Bibel wurzelnden Höllenvorstellungen finden sich im Juden- wie im Christentum. Mir scheint die jüdische Seite mehr praktisch orientiert zu sein und weniger an Spekulation interessiert als die christliche. Andererseits gab es Epochen wie die der Kabbala, in der phantasievolle Ausschmückungen ebenfalls ins Kraut schossen. Die jüdische Seite hat ihre Vorstellung von der Höllenstrafe im Laufe der Zeit abgemildert, sie kennt (zumindest für manche Sünder) zeitliche Befristungen und auch Unterbrechungen am Sabbat. Meines Wissens gibt es im Judentum dazu unterschiedliche Lehrmeinungen nebeneinander.

Auf christlicher Seite gibt es bei dieser Frage naturgemäß eine gewisse Konzentration auf Christus als denjenigen, an dem sich das ewige Schicksal des Menschen entscheidet - auch zum Bösen - und der die Sünder der Strafe überantwortet. Bedenken Sie nur, wie Christus als Weltenrichter im Matthäusevangelium spricht: "Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist!" (25,41). Oder Jesu Wort im Johannesevangelium: "Wer an ihn [den Sohn Gottes] glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er an den Namen des einzigen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat" (3,18)

Um es abschließend noch einmal kurz zu sagen: Jüdische und christliche Höllenvorstellungen haben dieselben (alttestamentlichen) Quellen. Als Juden und Christen jeweils "ihrer Wege gingen", da waren diese doch nicht so streng voneinander geschieden, dass es keine gegenseitigen Beeinflussungen gegeben hätte; das ist im Zuge des christlich-jüdischen Dialogs deutlicher geworden als früher. Ich gestehe also gerne Unterschiede der beiden Religionen in der Betrachtungsweise und Akzentuierung zu, sehe aber keine fundamentale Trennung.

In der Hoffnung, Ihnen damit gedient zu haben, verbleibe ich mit allen Segenswünschen

Ihr

+Dominikus Schwaderlapp

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