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Papst Franziskus
Videobotschaft von Papst Franziskus

26.03.2021

Dogmatikerin erklärt, warum Maria keine Co-Erlöserin sein kann "Jenseits des Katholischen"

Papst Franziskus hat theologischen Überlegungen widersprochen, die Bedeutung der Gottesmutter zu überzeichnen. Das hat Wellen geschlagen. Ein klärendes Gespräch mit der Dogmatikerin Prof. Rahner von der Uni Tübingen.

DOMRADIO.DE: Papst Franzisus hat in seiner letzten Generalaudienz erklärt, Maria sei keine CoErlöserin. Warum kann sie das nicht sein?

Prof. Dr. Johanna Rahner (Lehrstuhl für Dogmatik, Universität Tübingen): Die Antwort ist eigentlich schlicht: unicus mediator, der einzige Erlöser, wie das Zweite Vatikanum definiert, ist Jesus Christus.

Man muss tatsächlich ein bisschen theologiegeschichtlich ausholen. Wir haben diese Idee der Miterlöserschaft Mariens oder zumindest ansatzweise schon m Mittelalter aber da sehr vorsichtig. Aber sie kommt ganz stark im 19. Jahrhundert und da muss man auch genau hingucken, woher die modernen Motivationen kommen.

Also wir haben im 19. Jahrhundert eine gesunde Marienfrömmigkeit. Wir haben aber auch eine etwas ungesunde Marienfrömmigkeit. Da gibt es verschiedene Dinge, die einfach aus der Volksfrömmigkeit heraus geboren wurden, aber auch aus manchen sehr spekulativen theologischen Überlegungen heraus. Diese führen die Mariologie sehr stark in Abwege, aus heutiger Perspektive. Eine Idee ist sozusagen einen doppelten Heilsweg aufzumachen, nämlich Maria auf der einen Seite als Mitwirkende, die Offene, die Christusgebärerin. Und auf die Spitze getrieben dann die Idee: Ohne dieses "Ja" Mariens wäre Erlösung nicht möglich. Also muss Maria tatsächlich einen ganz eigenständigen Ort im Erlösungswerk Gottes in Jesus Christus haben.

Damit hat man natürlich ein Problem, und zwar in doppelter Hinsicht. Zum einen wird die Exklusivität des Christusereignisses dadurch in Frage gestellt und zum zweiten wird tatsächlich etwas mit der Mariologie gemacht, was eigentlich die Grenze jeder Mariologie überschreitet: Nämlich immer über Maria nur das auszusagen, was im Prinzip über jeden Menschen aussagbar ist. Also als Vorbild der Mariologie die Anthropologie zu nehmen. Und das ist eigentlich gut.

Sowohl in der Neuscholastik als auch in der modernen Theologie ist eigentlich immer der Maßstab aller mariologischen Aussagen gewesen, dass sie anthropologische Aussagen sind, aber keine christologischen und soteriologischen. Also man hätte mit der Idee der Miterlöserschaft Mariens auch ein Großteil der Tradition gegen sich.

Neben der Frage von der Einmaligkeit des Christusereignisses wäre das natürlich auch die ökumenische Fragestellung. Die Orthodoxie würde angesichts einer solchen Idee, glaube ich, schreiend davonlaufen; von den Kirchen der Reformation ganz abgesehen. Das ist einfach von den Kirchenvätern her nicht denkbar und damit mit der kirchlichen Tradition der ersten Jahrhunderte auch nicht vereinbar, sondern es entspringt eher einer spätmittelalterlichen Marienfrömmigkeit.

Dann gab es nochmal eine gegenreformatorische Verstärkung. Im 19. Jahrhundert war das für bestimmte Kreise des Katholizismus milieustiftend und identitätsstiftend. Und da muss man, glaube ich, schon aufpassen.

Das Zweite Vatikanische Konzil hatte das diskutiert. Und da hat man eine sehr vorsichtige Zurückdrängung dieser Idee in den Text in Lumen Gentium, Kapitel 8, einwandern lassen. Man hat Maria als Vorbild des Glaubens genommen, die 'Mutter' der Kirche, also das ekklesiologische Bild dann in den Vordergrund gestellt. Das scheint mir in der Verlängerung der anthropologischen Idee eine angemessene Einordnung der Theologie zu sein. Damit ist eigentlich dieser Coredemptrix-Lehre ein Riegel vorgeschoben. Es ist gut, wenn der Papst daran erinnert, dass das jenseits des Katholischen dann wäre, wenn man tatsächlich die Idee weiterspinnen würde: Sie würde tatsächlich Mariologie überfrachten und anthropologisch überladen.

DOMRADIO.DE: Also braucht man keine Sorge haben, Maria würde als nicht wichtig genug angesehen werden?

Rahner: Die mariologischen Dogmen von 1864 und von 1950 sind tatsächlich anthropologische. Und je stärker man das Mariologische überdehnen will, desto stärker hat man dann Probleme in der Anthropologie und in der Christologie. Da muss man wirklich aufpassen. Ich habe auch keine Ahnung, warum jetzt diese Art und Weise Maria zu denken, die noch einmal in Spannung steht zur ganzen altkirchlichen Tradition und zur biblischen Tradition erst recht, wieso man das jetzt auf einmal zu einem katholischen Identitätsmerkmal macht. Das hat für mich schon leicht sektiererische Tendenzen. Da muss man wirklich aufpassen, dass man da sowohl christologisch als auch soteriologisch, also was Heil, Erlösung und Offenbarung angeht, nicht auf einmal in eine Schräglage kommt und das meint, dann mit dem Katholischen verwechseln zu müssen.

Also da sind die Grenzziehungen sowohl im Zweiten Vatikanum als auch im 19. Jahrhundert in der theologischen Diskussion eindeutig. Umso besser ist es, wenn der Papst das auch mal so festhält. Es gibt immer wieder Tendenzen, dass das unterscheidend Katholische zu übertreiben und dann zum entscheidenden Katholischen aufzuladen. Und das halte ich tatsächlich nicht mehr für katholisch, sondern für das Identitätsmerkmal eines sektiererischen Katholizismus.

DOMRADIO.DE: Papst Franziskus hat auch gesagt, dass Maria keine Co-Mittlerin zwischen Gott und den Menschen sei.

Rahner: So ist es. Sie ist Fürsprecherin bei Christus. Also wenn Sie so wollen, über Maria durch Christus zu Gott. Aber an Christus geht nichts vorbei. Und wenn Sie die Mariologie tatsächlich so aufladen, dass Sie mit der Christologie in Konflikt kommen, dann haben Sie die ganze kirchliche Tradition gegen sich. Und das ist dann wirklich nicht mehr katholisch.

Also bei aller Liebe zur Mariologie: Ich habe eine starke Neigung dazu, gerade aus befreiungstheologischer Perspektive. Es gibt nichts Revolutionäres als das Magnificat und das sollte man mal ernst nehmen. Und damit ist man aber auf der anthropologischen, auf der im Prinzip politischen, gesellschaftlichen Ebene. Wenn Gott die Mächtigen vom Thron stürzt und die Erniedrigten erhöht, dann ist das fast schon ein politisches Programm.

Und so könnte man Mariologie heute wunderbar anschlussfähig an verschiedenste Strömungen unserer Zeit machen, auch modernen Menschen plausibel machen, ohne ein spekulatives Konstrukt der Coredemptrix oder der Mediatorin oder sonst was bemühen zu müssen. Das wäre mal eine gute katholische Antwort in Richtung Mariologie. Damit kann man auch in einer modernen Zeit Dinge plausibel machen, man auch heute noch als Katholikin so einen Hang zum Mariologischen haben kann und darf.

DOMRADIO.DE: Wäre das auch eine mögliche Perspektive auf das gestrige Hochfest der Verkündigung des Herrn?

Rahner: Genau das.

DOMRADIO.DE: Und Franziskus war ja auch nicht der erste Papst, der gesagt hat, dass Maria nicht diese Erlöserrolle hat.

Rahner: Sie kann sie auch nicht haben. Da würde man die biblische Tradition aufgeben. Ich hab auch nicht verstanden, was wirklich der Anlass ist, alles so stark auf Maria zu konzentrieren. Da halte ich es tatsächlich mit Thomas von Aquin: Das ist einer der Kandidaten im Mittelalter, die da relativ skeptisch sind. Aber es gab auch viele Konzilsväter im Zweiten Vatikanischen Konzil, die solchen Bestrebungen deswegen auch einen Riegel vorgeschoben haben, weil sie gesagt haben: Das ist mit der Tradition der Kirchenväter nicht vereinbar.

Und da kommen wir in Teufelsküche mit den anderen christlichen Konfessionen, insbesondere der Orthodoxie, die ja auf die Theologie der Kirchenväter so viel Wert legt, dass wir das nicht übertreiben sollten. Damit hat man es eigentlich auf die Ekklesiologie und damit die anthropologische und gesellschaftliche Dimension des Glaubens in anthropologischer Perspektive konzentriert. Ich glaube, das ist eine richtige, eine gute Konzentration, die im Konzil festgelegt wurde. "Unicus Mediator Christus" ist ein wörtliches Zitat aus Lumen Gentium. Also der einzige Mittler ist Jesus Christus.

Das Interview führte Hannah Krewer.

(DR)

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