Besucher in den Vatikanischen Museen - sie fehlen jetzt
Besucher in den Vatikanischen Museen (Archiv)

01.06.2020

Die Vatikanischen Museen und die Sixtina öffnen für Kleingruppen Michelangelos Weltgericht exklusiv

Nach fast dreimonatiger Pause nehmen die päpstlichen Sammlungen nach Pfingsten den Besucherverkehr wieder auf - zunächst nur kontingentiert. Für die wenigen Glücklichen verspricht das ein besonderes Kunsterlebnis.

Zu Goethes Zeiten waren die Vatikanischen Museen noch ein exklusives Erlebnis: wenige Menschen, viel Kunst. Jetzt könnte das erhabene Gefühl der alten Grand Tour wieder aufleben. Nach der pandemiebedingten Pause öffnen am Montag die päpstlichen Sammlungen ihre Pforten - zunächst nur für kleine Gruppen von maximal zehn Personen.

Bis zur Schließung am 8. März glichen die Museen einem Jahrmarkt. Vom Torso von Belvedere in der Antikensammlung zum Weltenrichter Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle drängten im Schnitt täglich 20.000 Besucher; zu Spitzenzeiten mochten es die Hälfte mehr sein. Konservatoren sorgten sich über vibrierende Böden und Keime in der feuchten Atemluft. Über Nacht verwandelte das Coronavirus den touristischen Bienenstock in eine stille Schatzkammer der Menschheitserbes.

Besuch mit Maske

Von Pfingstmontag an sind die Reichtümer wieder zu besichtigen. Schon seit einigen Tagen konnten Interessierte auf der Internetseite der Museen Karten erwerben. Die Vorausbuchung ist obligatorisch, dafür entfällt der bisher übliche Vorverkaufszuschlag. Der Einlass erfolgt in engen Zeitfenstern. Besucher müssen Mund-Nase-Masken tragen, sich einer Temperaturmessung unterziehen und die Hände desinfizieren.

Einzelheiten zu den neuen Modalitäten wollte die Museumsleitung unter Barbara Jatta zur Eröffnung vorstellen. Bis auf Weiteres sollen die Besucher nur in Kleingruppen im Viertelstundentakt mit einem Museumsführer auf einen etwa zweistündigen Rundgang gehen - wer bestimmte Werke länger studieren will, hat das Nachsehen.

Trotz ausgedehnter Öffnungszeiten dürften nach dem aktuellen Plan nur 320 bis 400 Besucher pro Tag in die Sammlungen - ein Bruchteil gegenüber früher. Und selbst das ist hoch gegriffen. "Ich glaube nicht, dass wir diese Zahl erreichen werden", sagt ein Mitarbeiter. Solange der internationale Fremdenverkehr brachliegt, fehlen die Hauptinteressenten.

Ungestörtes Kunsterlebnis

Erfahrungen anderer Museen bestätigen das. Die staatliche Galleria Borghese in Rom setzte die Obergrenze für gleichzeitig anwesende Besucher von 370 auf 80 herab und wirbt mit der "einzigartigen Gelegenheit" eines ungestörten Kunstgenusses. Gerangel um die Plätze gab es in den ersten beiden Öffnungswochen dennoch nicht. Lediglich am Wochenende sei das Haus ausgebucht gewesen, sagt eine Sprecherin.

Mit ihrem behutsamen Neustart leisten die Vatikanischen Museen vorerst einen Dienst an den Freunden des Schönen bar jeder Wirtschaftlichkeit. Ein paar Hundert verkaufte Tickets wiegen die laufenden Kosten für Betrieb und Personal bei weitem nicht auf. Allein seit Anfang März dürften den Sammlungen Eintrittsgelder in der Größenordnung von 25 bis 30 Millionen Euro entgangen sein - praktisch die einzigen stabilen Einnahmen des Heiligen Stuhls neben Spenden, Zuwendungen von Bistümern und den wackligen Renditen aus Kapitalanlagen.

Langsames Erwachen

Die Schließung hatte das Museum wie ein Dornröschenschlaf überfallen: Lange warben im Eingangsbereich Plakate für Sonderausstellungen, die ungesehen zu Ende gingen. Doch seit Tagen erwachten die Sammlungen sanft: Im Foyer wurden Deckenleuchten ausgetauscht, Thermoscanner und Spender für Desinfektionsgel installiert, die Souvenirshops neu bestückt. Mund-Nase-Masken mit Vatikan-Emblem wird man vergeblich suchen - vorerst.

Restauratoren führten unterdessen mit nur dreiwöchiger Unterbrechung die Reinigung der Stanzen des Raffael fort. Ein Lichtblick - die Fresken der Sala di Costantino erstrahlen in neuer Farbigkeit und offenbaren unbekannte Details. Ohne den früheren Massentrubel lassen sich auch in der Sixtinischen Kapelle übersehene Einzelheiten entdecken. Was vor kurzem noch undenkbar war: Einmal fast allein vor dem Jüngsten Gericht Michelangelos, dem wunderbaren Gewölbe, all den Meisterwerken Botticellis, Peruginos, Ghirlandaios, gewinnt das Staunen neuen Raum. Nur dass, anders als bei Goethe, der Museumsführer nach einer Weile drängelt, damit die Besuchergruppen sich nicht zu nahe kommen.

Burkhard Jürgens
(KNA)

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