Rücktritte des Papstes sind äußerst selten
Rücktritte des Papstes sind äußerst selten
Mosaik von Papst Pontianus in der Basilika Sankt Paul vor den Mauern in Rom.
Mosaik von Papst Pontianus in der Basilika Sankt Paul vor den Mauern in Rom.
Der emeritierte Papst Benedikt XVI. und sein Privatsekretär, Kurienerzbischof Georg Gänswein im Dezember 2015.
Der emeritierte Papst Benedikt XVI. und sein Privatsekretär, Kurienerzbischof Georg Gänswein im Dezember 2015.

13.08.2019

Der wohl erste Papstrücktritt der Geschichte Als Pontianus die Brücke verließ

Die Idee des Papstrücktritts hat die Menschen schon immer fasziniert; vielleicht weil er in der Geschichte so selten vorkam. Bis Benedikt XVI. 2013 das Amt entzauberte. Der erste in der Reihe war vor 1.800 Jahren Pontianus.

Wo immer Unregelmäßigkeiten auftauchen, Amtsträger alt werden oder ein Skandal zu wittern ist, gehört heute der Ruf nach Rücktritt zu den Reflexen der medialen Gesellschaft. Wer dem nicht folgt, ist ein Aussitzer oder kommt vermeintlich seiner Verantwortung nicht nach. Rufe nach einem Verbleib im Amt sind da seltener - und meist viel weniger vernehmlich.

Vor allem der Rücktritt eines Papstes ist immer ein besonders spannender Gedanke gewesen - wohl weil er so selten und eigentlich in der Idee und Tradition des Papsttums gar nicht vorgesehen ist. Der Stellvertreter Christi auf Erden steige nicht vom Kreuz herab, so soll es der langjährige Sekretär Johannes Pauls II., Kardinal Stanislaw Dziwisz, formuliert haben. Benedikt XVI. (Papst von 2005-2013) hat es dann doch getan - weil er sich mit seinen damals fast 86 Jahren der Aufgabenlast des Amtes im 21. Jahrhundert nicht mehr voll gewachsen fühlte. Mancher sprach von einer "Entzauberung des Papstamtes".

Der erste Papst, der auf sein Amt verzichtete

Der 13. August ist ein Tag, an dem die katholische Kirche des ersten Bischofs von Rom gedenkt, der urkundlich belegt auf sein Amt verzichtete: der Römer Pontianus. Der römische Kaiser Maximinus Thrax (235-238) ließ damals gleich nach seinem Regierungsantritt die Spitzen der Kirche scharf verfolgen, wegen "illegalen Kultes". Die Argumentation war stets die gleiche; Christen wurden für alle möglichen Übel verantwortlich gemacht: verlorene Schlachten, Verfall der Gesellschaft, Seuchen, Naturkatastrophen. Die Stoßrichtung von Maximinus: die Spitzen zu kappen, um dann die verlorene Herde zu zerstreuen.

Gemeinsam mit anderen wurde Pontianus, seit 230 Bischof von Rom, in Ketten zur Zwangsarbeit auf die "Todesinsel" Sardinien verbracht. Darunter war auch sein schärfster Gegner, der römische Gegenbischof Hippolyt. Einer der frühen Kirchenschriftsteller in griechischer Sprache; ein spekulativer Kopf und einer der wichtigsten Theologen des frühen Christentums.

Turbulente Zeiten für die Kirche

Auch ohne Verfolgung waren die Zeiten eigentlich turbulent genug für die entstehende Kirche. Lehramtliche Streitigkeiten um das rechte Glaubensbekenntnis waren in vollem Gang; gleichzeitig verstetigten sich die liturgischen Frühformen des christlichen Gottesdienstes. So galt der auf Disziplin pochende Hippolyt, der aus dem Ostteil des Reiches stammte, lange als Verfasser der "Traditio Apostolica", der wichtigsten liturgischen und rechtlichen Kirchenordnung aus der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts.

Pontianus dagegen werden die Einführung der Psalmengesänge und des Confiteor (Schuldbekenntnis) im Gottesdienst sowie die Verwendung der Formel "Dominus vobiscum" (Der Herr sei mich euch) zugeschrieben. Diese ist allerdings auch schon im Alten Testament (in den Büchern Richter und Ruth) sowie im Neuen Testament belegt.

In hoffnungsloser Situation

All diese persönlichen Zuschreibungen sind in der modernen Forschung zum Teil höchst angefochten - doch sie belegen, wieviel "Musik" drin war in den theologischen Auseinandersetzungen jener Zeit. Jedenfalls überzogen sich Pontianus und der ehrgeizige Hippolyt - das damalige römische Schisma bestand schon seit Hippolyts Ablehnung des einstigen Sklaven Calixt I. (217-222) - gegenseitig mit dem Vorwurf, Irrlehren zu verbreiten.

In den Bergwerken Sardiniens, einem berüchtigten Verbannungsort ("damnatio ad metallas"), konnte es für keinen von ihnen Hoffnung auf Rettung oder gar Rückkehr ins Amt geben. Und so dankte Pontianus (lat. "der Brückenmann") am 28. September 235 ab, um einem in Rom zu wählenden Nachfolger Platz zu machen; die Wahl fiel auf Anterus (235-236). Und Hippolyt empfahl seiner kleinen (Gegen-)Gemeinde die Rückkehr zu den anderen - zumindest wenn man der wissenschaftlich doch wackeligen Überlieferung glaubt.

Heute als Märtyrer verehrt

Tatsächlich sind beide, Papst wie Gegenpapst, bald darauf ihren üblen Haftbedingungen erlegen. Pontianus wurde fortan als Märtyrer verehrt - vielleicht nicht der erste, jedoch der erste belegte Fall dieser Art. Sein Amtsverzicht ist zugleich das erste gesicherte Datum der gesamten Papstgeschichte überhaupt.

Unter dem Nachfolger Fabian (236-250) wurden Pontianus und Hippolyt nach Rom überführt und Pontianus an einem 13. August im Jahr 236 oder 237 in der soeben fertiggestellten Papstgruft der Calixtus-Katakombe beigesetzt. Teile seiner Grabplatte wurden 1909 wiederentdeckt. Seine mutmaßlichen sterblichen Überreste werden heute in der Kirche Santa Prassede verehrt.

Alexander Brüggemann
(KNA)

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