Die Illustration soll Lucrezia Borgia (m.) neben ihrem Bruder Cesare (l.) und Papst Alexander VI. zeigen
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Ulrich Nersinger trifft Franziskus
Ulrich Nersinger trifft Franziskus

24.06.2019

Wer war Lucrezia Borgia wirklich? Über das Leben der Papsttochter

Heutzutage unvorstellbar, vor einen halben Jahrtausend Realität: Als vor 500 Jahren Lucrezia Borgia, die uneheliche Tochter von Papst Alexander VI., starb, war der Trubel groß. Vatikanexperte Ulrich Nersinger über das Leben der Papsttochter.

DOMRADIO.DE: Wie kommt der Papst zu seiner Tochter?

Ulrich Nersinger (Vatikanexperte): Das ist eine Erscheinung, die es in der Renaissance durchaus öfters gab. Das waren andere Zeiten. Damals hatte man eine andere Lebensweise. Man muss auch bedenken, dass viele Kleriker nicht von Anfang an die hohen Weihen, also Priesterweihe oder Bischofsweihe, sondern niedere Weihen hatten. Ab einer gewissen Stufe gab es zwar auch schon eine Art Zölibat, aber man hat sich da nicht so daran gehalten. Viele sind eben auch Kardinal geworden, ohne die Priester- oder die Bischofsweihe zu haben. Zudem gab es auch die allgemeine Vorstellung in dieser Zeit, dass es kein so großes Verbrechen war.

DOMRADIO.DE: Lucrezia Borgia hatte nicht den besten Ruf. Warum hat man sie nicht so positiv in Erinnerung?

Nersinger: Sie ist quasi ein Beispiel aus der damaligen Zeit, das wir mit unserer heutigen Zeit vergleichen können. Sie ist nicht nur das Opfer von Fake News geworden, sondern auch von einer ziemlich brisanten und brutalen Verleumdungskampagne. Man hat ihr Leben entstellt. Das waren kirchenpolitische Interessen, die dahinter standen. Das wissen wir heute. Wir wissen heute auch, wer es gemacht hat. Wir haben eigentlich eine Frau vor uns, für die wir, wenn wir uns sie vorurteilsfrei anschauen und auch die historischen Quellen benutzen, eigentlich sogar eine Art Bewunderung aussprechen können.

DOMRADIO.DE: Das heißt, das Bild dieser späteren Herzogin von Ferrara in Nordostitalien ist nicht zu Recht so schlecht?

Nersinger: Nein. Man muss bedenken, dass es damals in der Umgebung des Papstes den berühmten Zeremonienmeister Johannes Burckard gab. Und der stand - das wissen wir erst heute oder seit einigen Jahrhunderten, aber nicht zu der Zeit selber - in Diensten eines römischen Adelsgeschlechts, der Orsini, die erbitterte Feinde des Papstes waren. Man muss wissen, dass der Papst aus einem katalanischen Adel kam. Das war natürlich für die römischen Adelsfamilien ein Unding. Man benutzte damals das Mittel der Verleumdung, also der "legenda nera", man schuf dann Berichte, Dokumente - sogar über diese Zeit - die absolut nicht stimmen.

DOMRADIO.DE: Wie konnte denn Papst Alexander VI. im Zentrum von Moral und Anstand im Vatikan überhaupt so herrschen?

Nersinger: Ich denke, auch bei ihm müssen wir Abstriche machen. Auch er war längst nicht so, wie er uns dargestellt wird, leider auch heute in manchen Fernsehserien und in berühmten Romanen, denken wir an Alexandre Dumas und Victor Hugo. Das ist natürlich erst einmal der Zeit geschuldet. Aber das ist natürlich auch Resultat dieser schon genannten Verleumdungskampagne, dieser "legenda nera".

Natürlich war Alexander VI. kein Heiliger. Und ich will auch jetzt nicht für seine Tochter einen Selig- oder Heiligsprechungsprozess anstreben. Man muss aber bedenken, dass uns Lucrezia Borgia von seriösen Quellen als eine sehr fromme, hochintelligente Frau geschildert wird, die ihren Vater sogar in Regierungsgeschäften vertrat. Nachdem ihr Vater gestorben war, zog sie sich ganz zurück aus der Öffentlichkeit und hatte ein sehr starkes, religiöses Leben. Sie war oft in Klöstern anzutreffen, unterstützte Hospitäler mit großen finanziellen Summen.

Als Regentin von Ferrara hatte sie zum Beispiel dafür gesorgt, dass die Juden in ihrem Herrschaftsbereich geschützt waren – auch keine Normalität in dieser Zeit. Und wir wissen, als sie gestorben ist, dass die Bevölkerung sie ehrlichen Herzens, genauso wie ihr Ehemann, betrauerte.

Das Interview führte Dagmar Peters.

(DR)

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