Klaus Prömpers
Klaus Prömpers
Der französische Autor Frédéric Martel stellt in Rom sein Buch "Sodoma" vor
Der französische Autor Frédéric Martel stellt in Rom sein Buch "Sodoma" vor

21.02.2019

Buch über "Homosexuellen-Szene" im Vatikan veröffentlicht Mehr Gerüchte als Fakten?

Gibt es eine "Schwulen-Lobby" in der Kurie? In seinem Buch "Sodoma" stellt Frédéric Martel die These auf, der Vatikan sei eine der größten homosexuellen Gemeinschaften der Welt. Basiert das Werk aber mehr auf Gerüchten denn auf Fakten?

DOMRADIO.DE: In dem Buch nennt Martel die Zeit unter Papst Benedikt XVI. das "schwulste Pontifikat der Geschichte" – muss man so ein Buch ernst nehmen? Oder ist es nicht angesichts solcher Sätze vor allem auf Skandale und Verkaufszahlen aus?

Klaus Prömpers (ehemaliger USA-Korrespondent für das ZDF in Washington): Man muss im Grunde sehr genau hinschauen, was der Autor Frédéric Martel da zusammengestellt hat. Martel hat als schwuler Soziologe in Frankreich  Karriere gemacht und auch vorher recht erfolgreich Bücher über Homosexualität geschrieben. In Frankreich hat er auf Seiten der Sozialistischen Partei für die Gleichberechtigung von Homosexuellen bei Partnerschaft und Ehe gekämpft.

Aber wenn man beispielsweise auf die Zahl guckt, die er nennt, dass 80 Prozent der vatikanischen Kardinäle, Bischöfe, Prälaten, Priester schwul sei – so stößt man schnell auf den Vorbehalt, dass ihm dies eine Quelle gesagt habe. Und das ist journalistisch betrachtet erheblich zu wenig, gerade bei einem solchen Vorwurf. Der Vorwurf basiert ja nicht nur auf der Analyse des Pontifikats von Benedikt XVI., sondern auch von Paul VI., der massenhaft homosexuelle Priester eingestellt habe.

Auch da bleibt der Autor eine Konkretisierung schuldig, nämlich wenn es darum geht, wie substanziell diese Vorwürfe in dem Buch belegt sind. Und das geistert im Grunde durch das gesamte Buch hindurch. Zwar sagt er auf der einen Seite, er habe mit 1.500 Personen gesprochen, davon mit 41 Kardinälen, 52 Bischöfen oder Prälaten und 45 Vatikanbotschaftern, sowie ausländischen Botschafter beim Vatikan. Aber dennoch vermischen sich in dem Buch meines Erachtens immer sehr stark Fakten und Gerüchte.

DOMRADIO.DE: Dass es Kleriker im Vatikan gibt, die homosexuell sind und das auch ausleben, ist mittlerweile bekannt. Auch der Papst hat das schon zur Kenntnis genommen. Liefert denn das Buch trotzdem neue Erkenntnisse aufgrund dieser Recherche?

Prömpers: Im Grunde kann man sagen, es ist wirklich eine Glaubensfrage: Glaubt man dem Autor aufgrund der verhältnismäßig schmalen Konkretisierungen, die er in seinem Buch bringt. Oder aber glaubt man ihm eben nicht. Das kann man dem einzelnen Leser nicht abnehmen.

Ich bin im Zweifel, ob das wirklich ein solch erfolgreiches Buch werden wird, was skandalträchtige Thesen beinhaltet, denn viele seiner geäußerten Thesen sind eben nicht hundertprozentig belegt. Das widerspricht meines Erachtens journalistischer Sorgfaltspflicht.

Es müsste beispielsweise für die These "80 Prozent der Geistlichen im Vatikan sind schwul" mehr als eine Quelle geben. Bei so einem schwerwiegenden Vorwurf müsste man schon mindestens vier Quellen haben, die unabhängig voneinander belegen, dass da wirklich eine solche breite Front aufgestellt ist. Dass das schwierig zu belegen ist, ist mir auch klar. Dass es Schwule im Vatikan gibt, ist gar keine Frage. Aber dass die nun quasi ein Netzwerk gebildet haben, das halte ich für eine zunächst einmal durch das Buch nicht wirklich bestätigte These.

DOMRADIO.DE: Sie haben es schon angedeutet, Martel ist selber schwuler Aktivist. Was bezweckt er denn Ihrer Meinung nach mit dem Buch?

Prömpers: Zunächst einmal will er, glaube ich, Geld verdienen. Das ist ja durchaus legitim als Autor, selbstständiger Schriftsteller und Soziologe. Das ist durchaus ein Thema, das attraktiv sein kann für manche Leser, die Vorbehalte gegen die Sexualpädagogik der katholischen Kirche haben. Es macht Sinn zu versuchen, darüber ein Buch zu schreiben und damit Geld zu verdienen.

Er will vielleicht auch eine neue Lanze dafür brechen, dass Homosexualität in der Kirche stärker anerkannt wird als normal – nicht als Abgeirrtes von der Norm, wie es unlängst verschiedene Bischöfe wieder benannt haben. Das Anliegen ist von vornherein nicht schlecht, ob er trotzdem über das Ziel hinausschießt, ist meines Erachtens die Frage.

DOMRADIO.DE: Das Buch erscheint heute in acht Sprachen und in 20 Ländern, aber nicht auf Deutsch. Warum nicht?

Prömpers: Nach meinem Wissen haben verschiedene deutsche Verlage das Angebot bekommen, dieses Buch zu publizieren und sich dann sehr genau diese 600 Seiten angesehen. Sie kamen dann wohl tendenziell zu dem Schluss, dass zu viele Gerüchte und zu wenig Fakten in dem Buch vorhanden sind, sodass sie lieber davon Abstand genommen haben, dieses Buch zu publizieren.

Denn das Buch kann ja durchaus auch ein Rohrkrepierer werden, der im Grunde zwar zunächst mal eine schnelle Auflage macht, aber dann in der Substanz wirklich so schwach ist, dass es sehr schnell wieder in Vergessenheit gerät.

DOMRADIO.DE: Meinen Sie, es ist Zufall, dass das Buch ausgerechnet heute erscheint, wenn im Vatikan der Missbrauchsgipfel beginnt?

Prömpers: Ja, das glaube ich schon. Denn wenn er recht hat, und da bin ich geneigt ihm zu glauben, dass er vier Jahre lang darin recherchiert hat, konnte er nicht wissen, dass heute ausgerechnet der Missbrauchsgipfel beginnt. Der wurde ja schließlich erst im Herbst letzten Jahres von Papst Franziskus ausgerufen.

Er schiebt es jetzt auf die Tatsache, dass die Übersetzungen lange gedauert haben. Es erscheint heute in acht Sprachen – also in Portugal, Spanien, Lateinamerika, Frankreich, Großbritannien und den USA. Übersetzungen dauern natürlich lange bei fast 600 Seiten.

Aber das Timing ist natürlich sehr bewusst von den Verlagen so gewählt worden, an diesem Tag zu erscheinen und in diese Diskussion hinein verwoben zu werden, wobei er damit meines Erachtens von der eigentlich notwendigen Diskussion etwas ablenkt.

Die Diskussion geht ja um anderes, wie wir auch aus den ersten Worten des Papstes bei der Eröffnung der Konferenz heute hören konnten: Es braucht Transparenz, Ernstnehmen der Opfer und Veränderung der Strukturen in der Kirche. Darauf sollten die Bischöfe achten.

Ich zitiere da gerne den Jesuiten Klaus Mertes, der in puncto Homosexualität sagt, wenn man Schwulen-Bashing macht, dann ist das Teil des Problems der Kirche. Das ist aber nicht dessen Lösung. Also die Lösungen liegen zweifelsohne woanders.

Das Interview führte Heike Sicconi.

(DR)

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