50. Todestag des geschassten Leibarztes von Papst Pius XII.

Pleiten, Pech und Pannen

In Schimpf und Schande wurde der Leibarzt des Papstes, Riccardo Galeazzi-Lisi, aus dem Vatikan gejagt. Auf unwürdige Weise hatte er den Tod Pius XII. an die Medien verkauft. Doch ein paar Andenken nahm er sich mit.

Autor/in:
Alexander Brüggemann
Sein Tod wurde zum medialen Ereignis: Papst Pius XII. / © CNS photo (KNA)
Sein Tod wurde zum medialen Ereignis: Papst Pius XII. / © CNS photo ( KNA )

Das Sterben Pius XII. im Oktober 1958 war ein mediales Spektakel. Zum ersten Mal berichteten Sonderkorrespondenten, Fotografen und Kamerateams aus aller Welt; erstmals gab es auch Fernsehbilder. Und der Vatikan spielte das neue Spiel selbst mit: Radio Vatikan sendete direkt aus einem improvisierten Hörfunkstudio neben dem Krankenzimmer des Papstes, inklusive immer neuer Bulletins zum päpstlichen Puls und Blutdruck. Dass dieser Papsttod dennoch mehr Skandale verursachte als jeder andere der Neuzeit, dafür sorgte ausgerechnet der Leibarzt des Papstes, Riccardo Galeazzi-Lisi.

Geboren 1891 in eine stadtrömische Adelsfamilie, studierte er Medizin und spezialisierte sich in Augenheilkunde. Dass er von der Universitätsaugenklinik in Rom trotzdem zum Leibarzt eines eher magenkranken Papstes berufen wurde, schrieben damalige Beobachter auch dem Einfluss seines Halbbruders Enrico zu. Der Architekt und Bankier war ein persönlicher Freund Pius XII. und spielte unter anderem eine Rolle bei den Ausgrabungen unter dem Petersdom.

Uneindeutige Zeichen

1956 machte Riccardo Galeazzi-Lisi erstmals internationale Schlagzeilen, als er bei einem Kongress in Baden-Baden ein Serum zur Früherkennung und möglichen Heilung von Krebs vorstellte. Doch seine größte - und schwärzeste - Stunde schlug erst, als es mit dem seit langem kränklichen Pius XII. zu Ende ging. Offenbar verfolgte der Mediziner gleich mehrere Pläne, um von dem medialen Wettlauf zu profitieren, der sich draußen abspielte.

Angeblich, so hieß es damals, hatte er mit einem der Journalisten als Erkennungszeichen ausgemacht, er werde ein Fenster der Papstgemächer öffnen, wenn der Todeskampf beendet sei. Unglücklicherweise wollte wohl eine Ordensfrau für Frischluft sorgen, während Galeazzi-Lisi noch mit der Behandlung beschäftigt war. Das setzte eine Lawine in Gang: Zwei Nachrichtenagenturen meldeten vorzeitig den Tod des Papstes. Die Queen, der US-Präsident und das deutsche Kanzleramt hatten schon kondoliert, bevor das Dementi des Vatikan eintraf. Die italienische Polizei beschlagnahmte bereits gedruckte Sonderausgaben von Zeitungen.

Tags darauf, als der 82-Jährige dann tatsächlich gestorben war, verkaufte Galeazzi-Lisi sein medizinisches Dossier sowie geheim gemachte Fotos des Sterbenden und des Leichnams an die internationale Presse; unter anderem den Papst mit Kanüle im Mund. Einige Printmedien lehnten aus Pietät ab, mehrere druckten es. Sein ärztliches Schweigegebot sah Galeazzi-Lisi mit dem Tod des Patienten schlicht als erloschen an.

Konservierung geht schief

Und noch eine dritte Peinlichkeit lieferte der Leibarzt nach: Angeblich weil Pius XII., anders als seine Vorgänger, keine Organentnahme wünschte, sondern bestattet werden wollte, wie Gott ihn geschaffen hatte, wandte Galeazzi-Lisi ein neues Konservierungsverfahren an - mit einer Mischung, wie sie auch bei Jesus Christus verwandt worden sei, wie der Arzt der Weltpresse erklärte. Doch das Experiment schlug komplett fehl.

Schon bald setzte in der römischen Hitze Verwesungsgeruch ein. Zudem war der Papst in Cellophan eingerollt, damit die Wirkstoffe besser einziehen konnten. Ein keineswegs würdiger Einblick - den der Leibarzt gleichwohl am Tag nach der Beisetzung mit Farbfotos bei einer Pressekonferenz vorführte.

Der Vatikan erteilte Galeazzi-Lisi lebenslanges Hausverbot; die nationale Ärztekammer schloss ihn wegen Verstoßes gegen die Schweigepflicht aus. Zwei Andenken nahm er freilich aus den päpstlichen Gemächern mit, wie er später selbst beschrieb: den Dompfaff "Peter", den der deutsche Prälat Ludwig Kaas Pius XII. geschenkt hatte; und den elektrischen Rasierer des Papstes, ein Geschenk des New Yorker Kardinals Francis Spellman.

Aus dem Skandal gelernt

Immerhin: Der Skandal von 1958 löste in und unter den Medien selbstkritische Diskussionen aus, ähnlich jener nach der Geiselnahme von Gladbeck 1988: Wie weit darf Berichterstattung gehen? Und Pius' Nachfolger Johannes XXIII. verfügte, ein toter Papst dürfe künftig nur noch in Pontifikalgewändern fotografiert werden. Auch Filmaufnahmen aus den Gemächern während Krankheit und Todeskampf wurden untersagt.

Vor 50 Jahren, am 29. November 1968, ist Galeazzi-Lisi gestorben. Bis zum Schluss kämpfte er vergeblich gegen seine Verbannung an - unter anderem mit einem 1960 erschienenen Buch, das weitere intime Details enthielt. Darin heißt es etwa, Pius XII. habe lebenslang an einer Fliegen-Phobie gelitten. Unter seinem Gewand habe er stets ein Drahtklatsche getragen - und erbarmungslos zugeschlagen.


Quelle:
KNA