Papst Pius XII.
Papst Pius XII.
Norbert Köster, scheidender Generalvikar in Münster
Dr. Norbert Köster
Nuntius Pacelli, später Papst Pius XII., in einem italienischen Kriegsgefangenenlager
Nuntius Pacelli, später Papst Pius XII., in einem italienischen Kriegsgefangenenlager
Papst Pius XII. empfängt im März 1957 Bundeskanzler Konrad Adenauer mit seiner Ehefrau
Papst Pius XII. empfängt im März 1957 Bundeskanzler Konrad Adenauer mit seiner Ehefrau
Papst Pius XII.
Papst Pius XII.

10.10.2018

Kirchenhistorischer Blick zum 60. Todestag von Papst Pius XII. Ein kränkelnder Hochbegabter und die Nazis

Vor 60 Jahren starb Papst Pius XII. Nach seinem Tod zollte ihm die Gesellschaft Respekt. Später wurde kritisiert, er habe nicht genug gegen die Nationalsozialisten getan. Ein historischer Blick auf Papst Pius XII. und die Frage: Was wäre wenn gewesen?

DOMRADIO.DE: Die Familie, aus der Eugenio Pacelli stammt, war seit Generationen mit dem Vatikan ganz eng verbunden. Hatte das Auswirkungen auf seine Kindheit und Jugend?

Dr. Norbert Köster (Kirchenhistoriker aus Münster): Das hatte eine große Auswirkung. Eugenio Pacelli war ja hochbegabt und in der Schule immer äußerst gut unterwegs. Aber er war kränklich. Das war damals für einen Priesteramtskandidaten durchaus gefährlich, weil Kränkliche eigentlich nicht genommen wurden. Er hatte aber durch die großen Kontakte seiner Familie in den Vatikan einen Protegé, Kardinal Vannutelli. Dadurch konnte er dann auch zum Priester geweiht werden und dann relativ zügig eine Karriere in der vatikanischen Verwaltung beginnen. Er ist nie als Priester in einer Pfarrei gewesen, sondern sehr früh in die Verwaltung gegangen.

DOMRADIO.DE: Zum Beispiel dann als Nuntius in Deutschland. Wenn wir auf diese Zeit schauen: Das war die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen mit sehr viel Unruhe. Welches Bild hat Pacelli da von Deutschland mitbekommen?

Köster: Das sind, glaube ich, zwei Dinge. Das eine ist, dass er das Ende des Kaiserreichs und damit auch die Räterepublik in München mitbekommen hat. Da zeigte sich für ihn dann das Schreckbild des Kommunismus. Was bricht da alles an Ordnung zusammen, wenn die Kommunisten plötzlich die Herrschaft übernehmen? Das war ein Trauma für ihn. Das ist so die eine Spur, die sich durchzieht, also wie man das verhindern kann.

Das andere ist aber ganz stark das, was in Rom immer eigentlich die Sichtweise auf Deutschland war: Das protestantische Land und dass es hier besonders notwendig ist, die Katholiken vor protestantischen Einflüssen zu schützen. Das ist sicher auch in seiner Arbeit als Nuntius in Deutschland ein ganz, ganz wesentlicher Aspekt gewesen.

DOMRADIO.DE: Sie haben seine antikommunistische Ausrichtung angesprochen. Stammt die tatsächlich auch aus dieser Zeit? Die hat dann ja später sein Pontifikat ganz stark geprägt.

Köster: Auf jeden Fall. Er hat es erlebt, wie seine Nuntiatur besetzt worden ist, wie er um die Herausgabe seines Autos betteln musste und verschiedene andere Dinge. Das war für einen römischen Patrizier, der immer nur eine äußerst gepflegte Umgebung hatte und sich vor allem auf diplomatischem Parkett bewegte, der "Horror", wie wir heute sagen würden, plötzlich mit diesen Leuten, die diese ganze Etikette überhaupt nicht kannten und auch gar nicht wollten, umzugehen. Das war etwas, was sicherlich ihn und den Vatikan immer auch erst einmal in die Nähe derjenigen gebracht hat, die Kommunismus verhindern wollten. Das ist sicherlich seine Erfahrung aus dieser Zeit.

DOMRADIO.DE: Als später die deutschen Rom im Zweiten Weltkrieg besetzten, da soll Pius XII. Vorkehrungen getroffen haben, als Papst zurückzutreten, sollte er in die Hände der Nazis fallen. Spekulieren Sie doch mal: Was wäre in diesem Fall wohl passiert? Wie wäre die Kirchengeschichte dann verlaufen?

Köster: Das ist sehr schwierig. Wir können erst eine sichere Aussage treffen, wenn die Archive zu Pius XII. geöffnet werden. Das sind sie aber noch nicht. Wenn er damals schon zurückgetreten wäre, hätte ein Konklave - das ist ja genau kirchenrechtlich vorgegeben - einen neuen Papst gewählt. Man könnte jetzt darüber spekulieren, wen das Konklave gewählt hätte. Vielleicht jemanden, der tatsächlich gewohnt ist, auf eine andere Art und Weise mit solchen Regimen umzugehen. Also ein Papst, der sich weniger als Diplomat versteht und vor allem das Papsttum in Neutralität wissen wollte. Das ist ja eine Spur in seinem Leben.

Wahrscheinlich hätte das Konklave dann jemand anders gewählt, der sein Amt ausgeübt hätte, wenn es denn überhaupt möglich gewesen wäre; also wenn nicht die Nationalsozialisten dann auch den Vatikan so besetzt hätten, dass eine Papstwahl gar nicht möglich gewesen wäre. Auch das wäre ja durchaus denkbar.

DOMRADIO.DE: Schauen wir auf den Tod von Papst Pius XII. vor 60 Jahren. Er starb am 9. Oktober 1958. Es wurde zum ersten Papsttod, der zugleich ein Medienereignis war - von Pannen und Indiskretionen überschattet. Was war bei seinem Tod anders, als bei den vorherigen Päpsten?

Köster: Die Papsttode bekommen bereits im19. Jahrhundert eine öffentliche Wirkung durch die Presse, die anwesend ist. Das gab es zwar durchaus auch schon vorher, aber der Tod Pius XII. ist der erste, wo auch Kameras anwesend sind. Und damit musste völlig neu überlegt werden, wie und wo die Verabschiedung stattfindet, damit auch Kameras da sein können.

Damit war der Vatikan erst mal völlig überfordert. Und damit ist auch vieles in der Vorbereitung dieser Beerdigung schiefgegangen. Das ist einfach etwas, was der Vatikan nicht gewohnt war, so öffentlich die Dinge zu inszenieren, die bislang ja sehr im Verborgenen und geheim waren: die Aufbewahrung des Papstes, die Verabschiedung und die Beerdigung. Das war eigentlich bis ins 19. Jahrhundert hinein etwas sehr Diskretes und plötzlich ist es ein großes Medienereignis.

DOMRADIO.DE: Der Seligsprechungsprozess für Pius XII. läuft, aber er kommt nicht richtig voran, was vor allen Dingen auch an seiner äußerst umstrittenen Haltung während des Nationalsozialismus liegt. Wie würden Sie diesen Papst aus heutiger Sicht bewerten?

Köster: Pius XII. ist jemand, der sicherlich persönlich äußerst integer gewesen ist. Die Menschen seiner Zeit haben ihn sehr verehrt – auch hier in Deutschland, auch nach seinem Tod. Das ist dann erst durch die Kritik Rolf Hochhuths (Anm. der Red.: Schriftsteller, der sich mit seinem Theaterstück "Der Stellvertreter" kritisch mit Pius XII. auseinandersetzt) und anderer anders gewesen. Ich glaube, von seiner Persönlichkeit her ist er jemand, der sicherlich auch sehr heiligmäßig gelebt hat.

Auf der anderen Seite hat er das Papsttum auf eine Art und Weise verstanden, die wir heute nicht mehr verstehen. In der Tradition der Pius-Päpste war das Papsttum für ihn sozusagen das Symbol der übernatürlichen, heiligen Kirche, die sich mit dem Schmutz dieser Welt nicht abgibt und sich da nicht rein begibt. Deshalb hat er immer diese Position vertreten: Der Papst muss neutral bleiben, während er von den Bischöfen sehr wohl starke Äußerungen erwartet hat, auch von den deutschen Bischöfen gegen den Nationalsozialismus.

Heute würden wir das anders sehen. Wir sehen das Papsttum durchaus auch in einer moralischen Aufgabe, als moralisches Wächteramt. Aber, auch das kann der Kirche durchaus auf die Füße fallen. Das sehen wir im Moment im Missbrauchsskandal, wie schwierig das sein kann, wenn das Papsttum einen moralischen Anspruch erhebt etwas zu sagen, wenn aber durchaus auch in den eigenen Reihen und in der Kirche manches zu kritisieren ist.

Der Prozess stockt meines Wissens gerade daran, dass diese Bewertung des Papstes bislang nicht ganz eindeutig ist und die Archive auch nicht geöffnet sind. Erst wenn das wirklich alles zum Vorschein tritt, was man zu ihm sagen kann, kann auch ein solcher Prozess wirklich zum Abschluss gebracht werden.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(DR)

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