Papst Pius XII.
Papst Pius XII.

09.10.2018

Vor 60 Jahren starb Pius XII. - Pannen, Bilder und Skandale Das erste öffentliche Sterben eines Papstes

Nach dem Tod Gregors XVI. 1846 trafen die News erst nach einer Woche in England ein. Mit den Massenmedien entstand ein regelrechter "Exitus-Wettlauf". Bei Pius XII. sorgte das gar für ein öffentliches, würdeloses Sterben.

Pius XII. war tot. Die elegisch, stets entrückt wirkende Papstgestalt, die die katholische Weltkirche durch den Zweiten Weltkrieg und die schwierigen Nachkriegsjahre geleitet hatte. Am 9. Oktober 1958, um 3.52 Uhr; "ruhig entschlafen", wie es hieß, mit 82 Jahren und 7 Monaten.

Das Sterben Pius' XII. spielte sich quasi öffentlich ab, weit öffentlicher als jeder Papsttod zuvor. Denn es gab nun Fernsehbilder, die in kürzester Zeit um die Welt gingen. Bilder, die für alle künftigen Papsttode stilbildend wurden: weinende Ordensfrauen auf dem Petersplatz, bangende Blicke hoch zu den Fenstern des Papstes im Vatikanischen Palast.

Rituale zum Papsttod sind schon alt

"Hat jedes frei athmende Menschenkind das unveräußerliche Recht, zu sterben, wie es will und kann -, so ist der Mann auf dem Stuhle Petri, der 'Knecht der Knechte Gottes', in dieser Hinsicht in der That sklavischen Vorschriften unterworfen." Aus den Worten des Rom-Korrespondenten der "Frankfurter Zeitung" vom 11. Februar 1878 klingt noch Mitgefühl für Papst Pius IX., der kurz zuvor nach fast 32 Amtsjahren aus dem Leben geschieden war.

Die festen Rituale zum Papsttod sind schon alt. Doch die wechselseitigen Wahrnehmungen und Wirkungen zwischen Vatikan und wettlaufenden Massenmedien waren damals noch in voller Entwicklung. Ja, sie sind es eigentlich bis heute, schaut man auf jenen Spätwinter 2013, in dem sich etwas seit Jahrhunderten Einzigartiges ereignete: ein Pontifikatswechsel ohne Papsttod. Mit dem freiwilligen Amtsverzicht von Benedikt XVI. (2005-2013) vollzog sich eine Trennung von päpstlicher Amtsgewalt und Tod, von Papsttod und Neuwahl. Ein Papst, der mit dem Helikopter gleichsam aus dem Amt entschwebt.

Bei Pius XII. verlief die Sache noch viel gravitätischer - wenn auch nicht unbedingt respektvoller. Der seit langem kränkelnde Papst weilte in jenem Oktober in der Sommerresidenz Castel Gandolfo, wo ihn beim mittäglichen Gruß an die Pilger die Stimme verließ. Die Ärzte verordneten dem 82-Jährigen strenge Bettruhe, doch kurz hintereinander nahmen mehrere Schlaganfälle alle Hoffnung auf Genesung.

Vorzeitiger Papsttod vermeldet

Sonderkorrespondenten, Fotografen und Kamerateams eilten nach Castel Gandolfo und natürlich zum Petersplatz, wo besorgte Gläubige zusammenliefen. Selbst nachts waren die Schauplätze hell erleuchtet von Scheinwerfern - damals ein noch sehr ungewohntes Bild. Radio Vatikan sendete direkt aus einem improvisierten Hörfunkstudio neben dem Krankenzimmer des Papstes, inklusive immer neuer Bulletins zum päpstlichen Puls und Blutdruck.

Dennoch passierte in diesem medialen Wettlauf, was nicht passieren durfte: Infolge eines Informationslecks, das nicht richtig funktionierte, vermeldeten zwei Nachrichtenagenturen einen vorzeitigen Papsttod. Die Queen, der US-Präsident und das deutsche Kanzleramt hatten schon kondoliert, bevor das Dementi des Vatikan eintraf. Die italienische Polizei beschlagnahmte bereits gedruckte Sonderausgaben von Zeitungen.

Als Pius XII. am frühen Morgen des Folgetages tatsächlich das Zeitliche segnete, setzte eine Würdigungswelle ein. Die "Welt" schrieb etwa unter dem Titel "Apostel des Friedens": "Einstimmig erhebt sich aus den Herzen der Gläubigen und der ganzen Christenheit das Gebet für seine erwählte Seele, die heute, wie wir hoffen, in das Reich der Gerechten übergegangen ist." Da war von Rolf Hochhuths "Stellvertreter" noch keine Rede.

Viele, auch renommierte internationale Blätter wie die "Times", der "Figaro" oder die "Süddeutsche" übernahmen noch wortwörtlich die Deutung des Pontifikats vom Papstsender Radio Vatikan. Selbst die liberal-kritische "Zeit" wirkt noch hagiografisch. Es gab allerdings auch schon kritische Töne, vor allem mit Blick auf die Rolle Pius' XII. im Umgang mit dem Nationalsozialismus; so etwa in "Le Monde" oder der kommunistischen "L'Humanite".

Zehn Verletzte, ein Toter am Sarg

In einer Art Triumphzug wurde der Leichnam von Castel Gandolfo nach Rom überführt. Pius XII. war der erste Papst seit 1799 gewesen, der nicht im Vatikan gestorben war. Zehntausende defilierten am Sarg; in und um den Petersdom kam es zu tumultartigen Zuständen: ein Toter und zehn Verletzte waren zu beklagen; 15 Taschendiebe wurden verhaftet. Und erst die Bilderflut. Der Vatikan öffnete erstmals neue Perspektiven auf den Leichnam des Papstes, etwa auch aus der Kuppel des Petersdoms.

Doch das Schlimmste stand noch bevor: der sogenannte Leibarzt-Skandal. Riccardo Galeazzi-Lisi (1891-1968), der Pius XII. schon seit 1939 behandelte, verkaufte sein medizinisches Dossier vom Sterben des Papstes sowie geheim gemachte Fotos des Sterbenden und des Leichnams an die Presse. Sein ärztliches Schweigegebot sah er mit dem Tod des Patienten schlicht als erloschen an. Vom "Schakal" schrieb der "Spiegel" in seiner Nummer 44/1958. Immerhin: Der Skandal löste in und unter den Medien einen selbstkritischen Diskussions- und Lernprozess aus, ähnlich dem nach der Geiselnahme von Gladbeck 1988: Wie weit darf Berichterstattung gehen?

Leibarzt bekam Hausverbot

Und noch einen zweiten Skandal lieferte Galeazzi-Lisi nach: Zur Konservierung des Leichnams hatte er ein neues Verfahren angewandt, das allerdings komplett fehlschlug. Nicht nur, das schon rasch erbärmlicher Verwesungsgeruch einsetzte. Der Papst wurde dafür auch in Cellophan eingerollt, damit die Wirkstoffe besser einziehen konnten. Ein keineswegs würdiger Einblick - den der Leibarzt gleichwohl am Tag nach der Beisetzung mit Farbfotos bei einer Pressekonferenz vorführte. Der Vatikan erteilte Galeazzi-Lisi Hausverbot; die nationale Ärztekammer schloss ihn aus.

All diese bis dahin beispiellosen medialen Auswüchse nötigten den Nachfolger zum Handeln: Johannes XXIII. (1958-1963) verfügte per Dekret, ein toter Papst dürfe künftig nur noch in Pontifikalgewändern fotografiert werden. Auch Filmaufnahmen aus den Gemächern während Krankheit und Siechtum wurden untersagt.

Der Gießener Historiker Rene Schlott hat die zehn Papsttode zwischen 1878 (Pius IX.) und 1978 (Johannes Paul I.) wissenschaftlich analysiert. Sein Fazit: Vatikanische Gesundheitsbulletins, das Ausharren der Gläubigen auf dem Petersplatz, der besorgte Blick zum erleuchteten Fenster des Papstes und das Heischen nach theologisch "wertvollen" letzten Worten sind heute Reflexe der medialen Berichterstattung - und selbst schon zu sekundären Ritualen beim Papsttod geworden.

Von Alexander Brüggemann

(KNA)

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