Tagung im Vatikan: Deutsch-Römer zwischen Risorgimento und Kulturkampf

"Päpstlichkeit und Patriotismus"

Der Campo Santo Teutonico ist die älteste deutschsprachige Stiftung in Rom. Während zeitgleich wieder mal über seine Zukunft beraten wird, befasst sich ein Symposium mit seinen neuzeitlichen Gründerjahren.

Autor/in:
Johannes Schidelko
Blick über den Campo Santo Teutonico im Vatikan / © Stefano Dal Pozzolo (KNA)
Blick über den Campo Santo Teutonico im Vatikan / © Stefano Dal Pozzolo ( KNA )

Der Campo Santo Teutonico ist nicht nur ein geschätztes Ziel für deutschsprachige Besucher und Touristen, die auf diesem Wege ins Innere des Vatikan gelangen. Mit seinem Friedhof, seiner Kirche, dem anliegenden Priesterkolleg, dem Görres-Institut und einer Erzbruderschaft ist er zugleich eine wissenschaftliche und geistliche Anlaufstätte für Deutsch-Römer wie für internationale Gäste.

Zwischen 1870 und dem Ersten Weltkrieg

Auf besonderes Interesse stoßen die Vorträge und Tagungen, die hier meist zu kirchenhistorischen Themen organisiert werden. Nächstes Thema (22. bis 25. November) sind "Päpstlichkeit und Patriotismus" - der Campo Santo als Ort der Deutschen in Rom in den schicksalsträchtigen Jahren zwischen 1870 und dem Ersten Weltkrieg.

Während derzeit über eine Erneuerung der ältesten deutschsprachigen Stiftung in der Ewigen Stadt diskutiert wird, steht beim nächsten Symposium deren neuzeitlicher Gründer im Mittelpunkt.

Schlüsselfigur des deutschen Katholizismus

Der vom Niederrhein stammende Theologe und Archäologe Anton de Waal hatte 1876 das Priesterkolleg unmittelbar neben dem Petersdom begründet und bis zu seinem Tod am 23. Februar 1917 geleitet. Er war eine Schlüsselfigur des deutschen Katholizismus in Rom. Seine besonderen Anliegen galten neben der archäologischen Forschung dem Aufbau einer Bibliothek sowie einer frühchristlichen Sammlung, die er energisch, kreativ und erfolgreich vorantrieb.

Die Tagung Ende November beschäftigt sich aber nicht so sehr mit der Person de Waals, der 1870 auch als Militärseelsorger der Päpstlichen Truppen bei der Belagerung und Eroberung Roms wirkte. Es geht auch nicht um seine ausgedehnten Streifzüge durch die Antiquariate Roms, bei denen er - teilweise am Rand der Legalität - frühchristliche Kleinkunst zusammentrug, darunter auch manche Fälschungen.

Politische Suche und Positionierung der deutschen Katholiken in Rom

Auch geht es weniger um seinen vergeblichen Traum, den Zirkus des Nero zu finden und dort einen unterirdischen Andachtsraum für das Märtyrergedenken zu errichten. Vielmehr befasst sich die Konferenz mit den damaligen politischen und kulturellen Fragen, die de Waal und den Campo Santo beschäftigten.

Es geht um die religiös-konfessionelle und politische Suche und Positionierung der deutschen Katholiken in Rom in der angespannten Zeit zwischen dem italienischen Risorgimento mit dem Ende des Kirchenstaates und der Katastrophe des Ersten Weltkriegs. Das Epochendatum 1870/71 markierte den Einmarsch der italienischen Truppen in die Stadt des Papstes, aber auch die Reichsgründung in Deutschland.

Innere Konflikte

Beide Ereignisse hätten den Katholizismus in die Defensive gedrängt und innere Konflikte geschaffen, so die Organisatoren der Konferenz. In Italien schwelte die ungelöste römische Frage, die erst mit den Lateran-Verträgen 1929 zu Ende ging. Im Reich tobte der Kulturkampf. "Alles war überlagert von wachsendem Nationalismus, der 1914 in die Katastrophe des Ersten Weltkriegs führte".

Die einzelnen Vorträge befassen sich mit Themen wie "Deutsch, großdeutsch, oder reichsdeutsch? Die nationale Positionierung des Campo Santo". Ein Titel lautet "Ultramontanismus in Rom. De Waal und vier Päpste" oder "Die Deutschen in Rom zwischen Risorgimento und Kulturkampf". Weiter geht es um die Bedeutung des jahrhundertelang bestehenden Hospizes für Pilger und Arme am Campo Santo als nationale Anlaufstelle. Stefan Heid, Leiter des römischen Görres-Instituts, referiert über "die politische Bedeutung der deutschen Pilgerzüge unter Pius IX. und Leo XIII."

"Der deutsche Nationalkatholizismus in Rom"

Andere Beiträge vermitteln Einblicke in das Leben der Kollegiaten um 1900 oder thematisieren den Anspruch der Belgier auf den Campo Santo bis zum Ersten Weltkrieg. Und Karl-Joseph Hummel, früherer Chef der Bonner Kommission für Zeitgeschichte und Mitorganisator der Tagung, spricht über "Der deutsche Nationalkatholizismus in Rom". - Mit der Tagung wird in den Räumen des Campo Santo auch eine Ausstellung "Anton de Waal" mit Dokumenten, Fotos und Fundstücken eröffnet.


Quelle:
KNA