Muttergottesstatuen in Medjugorje (Bosnien-Herzegowina)
Muttergottesstatuen in Medjugorje (Bosnien-Herzegowina)
Jahr für Jahr pilgern Hunderttausende Menschen nach Medjugorje
Jahr für Jahr pilgern Hunderttausende Menschen nach Medjugorje

18.07.2017

Marienerscheinungen in Medjugorje in der Diskussion Wunder oder Lug und Trug?

Seit 36 Jahren soll im bosnischen Wallfahrtsort Medjugorje die Gottesmutter erscheinen. Die katholische Kirche ist darüber tief gespalten, Kritik kam von Bischof Ratko Peric aus Mostar. Jetzt scheint die Entscheidung des Vatikans bevorzustehen.

Wer studieren will, wie aus einem unbekannten öden, heißen Flecken ein weltweit bekannter Touristen-Hotspot werden kann, muss sich Medjugorje im südlichen Bosnien-Herzegowina ansehen. Bis Anfang der 80er Jahre gab es keine Pension, keine Kneipe und nicht einmal Trinkwasser. Heute können hier 30 000 Menschen in Hotels und Fremdenzimmern nächtigen, ein Restaurant reiht sich an das nächste, die Zahl der Souvenirshops ist fast unübersehbar.

Bis zu 2,5 Millionen Menschen kommen jährlich hierher. Vor allem Italiener, aber auch Deutsche, Österreicher, Polen und Tschechen. Aus rund 80 Ländern stammen die Besucher - selbst aus Südkorea, Mexiko und Argentinien und aus den USA sowieso. Sie alle kommen zu einem Wallfahrtsort, an dem seit dem Sommer 1981 täglich die Gottesmutter erscheinen soll. Von den sechs Sehern haben Marija (geb. 1964), Ivan (1965) und Vicka (1964) angeblich bis heute täglich Marienkontakte.

"Organisiertes Chaos"

Sie müssten nicht unbedingt in Medjugorje sein, sondern könnten diese Erscheinungen auch an vielen anderen Orten selbst im Ausland haben. Die dabei erhaltenen Botschaften der "Friedenskönigin" drehen sich ums Beten, Fasten, den Glauben und die Nächstenliebe, wie es heißt.

Die Franziskaner, die hier von Anfang an die Zügel in der Hand haben, sehen Medjugorje in einer Reihe mit den Wallfahrtsorten Lourdes in Frankreich und Fatima in Portugal, wo Papst Franziskus jüngst den 100. Jahrestag der dortigen Marienerscheinung begangen hat.

Der kometenhafte Aufstieg Medjugorjes aus dem Nichts verlief als "organisiertes Chaos", urteilt Vencel Culjak, der über diese Entwicklung eine Doktorarbeit geschrieben hat. Ohne Raumordnungs- oder Bebauungsplan entstanden alle Bauten wild und ohne Kontrolle, erzählte er dem kroatischen Magazin "Globus". Sickergruben statt Kanalisation. Kroaten und Italiener sollen sich die Investitionen halbe-halbe geteilt haben. Der Ort sei ein Dorado für Geldwäsche. Um welche Geldsummen es geht, zeigten einzelne Kollekten bei Messfeiern mit Einnahmen von 10 000 Euro.

"Nicht authentisch, ja skandalös"

Bischof Ratko Peric im nahegelegenen Mostar, zu dessen Diözese Medjugorje gehört, kritisiert wie sein Vorgänger seit langem die angeblichen Marienwunder. 47.000 sollen es bisher gewesen sein, rechnete er aus. "Solche Geschichten vom Berühren des angeblichen Körpers der Muttergottes, ihres Kleides, das Beschmutzen ihres Schleiers, lässt uns zu dem Gefühl und der Überzeugung kommen, dass es unwürdig, nicht authentisch, ja skandalös ist", kritisiert er regelmäßig. "Wir können nur sagen: Das ist nicht die katholische Gottesmutter!".

Auch die übrige Amtskirche tut sich schwer mit einer Einschätzung. Schon 1991 hat die damalige jugoslawische Bischofskonferenz die Wunder in Zweifel gezogen, aber den Priestern doch erlaubt, die Pilgermassen zu betreuen. Eine hochrangige Kommission unter Leitung von Kardinal Camillo Ruini kam Anfang 2014 nach fünf Jahren offenbar zu dem Schluss, die ersten Erscheinungen Anfang der 80er Jahre seien möglicherweise glaubhaft, die vielen späteren zumindest zweifelhaft, sickerte durch.

Daher müsse man mit der Untersuchung der ersten Marienwunder fortfahren, sagte zuletzt auch Papst Franziskus nach dem Besuch in Fatima im Mai. Über die späteren täglichen Erscheinungen witzelte das Kirchenoberhaupt sogar: "Ich bevorzuge die Gottesmutter nicht als Leiterin eines Telegrafenamtes, das jeden Tag eine Nachricht zu der und der Stunde versendet. Das ist nicht die Mutter Jesu und diese angeblichen Erscheinungen haben keinen großen Stellenwert."

Religiös "fruchtbarer Boden"

Allerdings will die Kirche die Millionen Gläubigen offensichtlich auf keinen Fall vor den Kopf stoßen. Daher schickte der Vatikan im April den Warschauer Bischof Henryk Hoser für zwei Wochen nach Medjugorje, um Vorschläge für die pastorale Betreuung der Gläubigen zu machen.

Hoser wirkte jahrzehntelang in Afrika und hatte sich auch mit den vom Vatikan anerkannten Marienwundern im ruandischen Kibeho beschäftigt. Medjugorje sei religiös "fruchtbarer Boden", der schon 610 Männer zum Priesterberuf geführt habe, sagte er bei seiner bosnischen Mission.

Dem Vatikan unterstellt ?

Nach allen offiziellen und inoffiziellen Äußerungen vieler Beteiligter erwarten die Medien jetzt diese Lösung für Medjugorje: Die ersten Erscheinungen von 1981 werden vom Vatikan als Wunder anerkannt; die Pilger werden von der Kirche organisierter als bisher seelsorgerisch betreut und der Wallfahrtsort wird direkt dem Vatikan unterstellt, um Ordnung in die angeblichen oder tatsächlichen Geldgeschäfte zu bringen.

Thomas Brey
(dpa)

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