Gerhard Ludwig Müller im Dezember 2015, nachdem er Papst Franziskus begrüßt hat
Gerhard Ludwig Müller im Dezember 2015, nachdem er Papst Franziskus begrüßt hat
KNA-Chefredakteur Ludwig Ring-Eifel
KNA-Chefredakteur Ludwig Ring-Eifel

13.07.2017

Gerüchte um Zerwürfnis zwischen Papst und Kardinal Müller "Ruheanker im Sturm"

Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller war Präfekt der Glaubenskongregation bis Papst Franziskus sein Amt nicht mehr verlängerte. Ein Indiz für einen Streit zwischen Konservativen und Liberalen im Vatikan? Der Versuch einer Aufklärung.

domradio.de: Wollen wir mal bei den Fakten bleiben – was weiß man sicher über die Abberufung von Kardinal Gerhard-Ludwig Müller als Präfekt der Glaubenskongregation?

Ludwig Ring-Eifel (Chefredakteur der Katholischen Nachrichtenagentur): Was man sicher weiß, ist, dass es ziemlich überraschend war und dass es ein ziemlich kurzer Prozess war. Das hat Müller selbst hinterher auch öffentlich erklärt und dass es eine Angelegenheit von nur einer Minute war. Nach dem normalen Audienztermin, den er hatte, wurde ihm mitgeteilt, dass jetzt seine Amtszeit nicht verlängert wird. Ihm wurde gedankt und das war es.

domradio.de: Ist die fünfjährige Amtszeit eine neue Erfindung von Papst Franziskus?

Ring-Eifel: Sie gibt es seit 1988. Das ist in der geltenden Kurienverfassung im Vatikan so festgeschrieben. Die Amtszeit dauert fünf Jahre, dann steht in Paragraph sechs der Kurienverfassung nichts über eine mögliche Verlängerung. In der Praxis war es aber in den letzten 30 Jahren so, dass in der Regel das Amt nochmal fünf Jahre verlängert wurde oder sogar zehn Jahre oder noch länger. Rekordhalter war Ratzinger, er wurde insgesamt vier oder fünf Mal verlängert. Dass jetzt einer, der sich eigentlich nichts zu Schulden hat kommen lassen und der auch noch in einem guten Alter ist mit 69 Jahren, nicht verlängert wird, das ist wirklich etwas Neues.

domradio.de: Wenn man die inhaltlichen Standpunkte von Papst Franziskus und Gerhard-Ludwig Müller miteinander vergleicht – wo sind die heftigsten Streitpunkte?

Ring-Eifel: Ich würde zwei Streitpunkte benennen: Der eine Streitpunkt ist die Rolle der römischen Kurie und insbesondere der Glaubenskongregation. Da hat Müller eher die ältere Auffassung vertreten, dass die Kurie Teil des Papstamtes ist, Teil des päpstlichen Lehramtes und auch über die Weltkirche mitzubestimmen hat. Das sieht der Papst anders. Er sieht die Kurie eher als eine dienende Behörde, die der Weltkirche zu dienen hat. Da liegen die beiden also auseinander.

Das Zweite, wo sie auseinander lagen, war die Auslegung von Amoris Laetitia, das berühmte Papstschreiben, wo es unter anderem um die wiederverheiratet Geschiedenen geht. Da will der Papst ja ein bisschen die Tür aufstoßen und will in bestimmten Fällen ermöglichen, dass wiederverheiratet Geschiedene auch wieder zu den Sakramenten zugelassen werden können. Da hat Müller sich eher für eine restriktive Auslegung stark gemacht. Das waren zwei Standpunkte, die letztlich doch nicht miteinander vereinbar waren.

domradio.de: Der Vatikan ist ja kein demokratisches Gremium, in dem Streitpunkte offen dargelegt und wie in einem Parlament offen diskutiert werden. Wie geht man dort mit inhaltlichen Kontroversen um? Darf der Papst nur unter vorgehaltener Hand kritisiert werden oder diskutieren die Kardinäle da auch schon mal recht deutlich?

Ring-Eifel: Papst Franziskus hat selbst das Gremium, wo diskutiert wird und wo auch kontrovers diskutiert werden soll, die Bischofssynode, aufgewertet. Er hat gesagt, er wolle eine synodale Kirche. In den Synoden wird, seitdem er Papst ist, wirklich Tacheles geredet. Da gehen die Debatten hin und her, es wird abgestimmt, die Abstimmungsergebnisse werden auch veröffentlicht. Das ist wirklich ein Stück demokratischer durch ihn geworden.

Was er auf der anderen Seite reduziert hat, ist die Möglichkeit für die Kardinäle untereinander zu diskutieren. Bei dem sogenannten Konsistorium, was ein, zweimal im Jahr stattfindet, gab es früher einmal einen Teil, bei dem die Kardinäle untereinander debattiert haben. Das hat er jetzt schon länger nicht mehr stattfinden lassen und hat damit ein bisschen ein Ventil weggenommen, was für solche Debatten vielleicht notwendig und nützlich war.

Insgesamt ist es so: Der Papst meint, wenn Synoden diskutiert und beschlossen haben und dann hat anschließend der Papst das zusammengefasst und die Lehre definiert, dann ist auch Schluss. Der Papst ist derjenige, der feststellt, wo es lang geht und danach haben sich bitte alle daran zu halten.

domradio.de: Sind diese Diskussionen, über die wir jetzt sprechen, die sich gerade in der Kirche abspielen, besonders kontrovers oder vielleicht auch alarmierend oder hat sich das, was wir jetzt beobachten, über die Jahrhunderte genauso abgespielt?

Ring-Eifel: Es hat jetzt eine andere Dynamik bekommen. Natürlich auch durch die Rolle der Medien, auch der neuen Medien. Sowas hatten wir vorher noch nicht, dass jetzt zum Beispiel in Blogs, in Twitter-Mitteilungen verbreitet wird, wie angeblich das Gespräch zwischen Müller und dem Papst wirklich war. Die ganze Dimension von "Fake News" kommt da rein. Sowas hat es natürlich früher gegeben, als mündliche Gerüchte oder auch mal als Zeitungsspekulation, aber jetzt durch die neuen Medien hat das eine neue Dynamik und eine neue Dimension bekommen.

domradio.de: Wie geht der Vatikan mit dieser neuen Dimension um?

Ring-Eifel: Der Vatikan hat seine Informationspolitik verändert. Früher war die eher restriktiv. Heute beginnt der Vatikan Informationen zu dementieren. Was die inhaltliche Dimension betrifft, so ist es dem Papst ganz Recht, wenn eine solche Dynamik durch die sozialen Medien entsteht. Es ist in seinem Sinne, denn er bleibt dadurch sozusagen ein Ruheanker im Sturm. Seine Stellung als Papst wird, aus seiner Sicht, somit eigentlich nur gestärkt.

Das Interview führte Tobias Fricke

(dr)

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