Katholikentag und Münster uneins in Geldfragen
Vatikanbank wird 75

27.06.2017

Finanzberater unterstreicht Entwicklung der Vatikanbank "Filmreife Geschichte"

Es liest sich wie ein Krimi. In der Vatikanbank wurden jahrzehntelang dubiose Geschäfte geführt. In diesem Jahr wird die Bank 75 Jahre. Im Interview äußert sich der Finanzexperte Wolfgang Hinzen zur wechselvollen Geschichte der Bank.

domradio.de: Man könnte sich ja fragen, ob hier nicht eine Null vergessen wurde? Aber in der Tat wird die Vatikanbank tatsächlich erst 75 Jahre alt. Zu welchem Zweck ist sie denn geschaffen worden?

Winfried Hinzen (Finanzberater und Ex-Vorstand der Pax Bank): Die großen Umwälzungen der Kirche sind historisch gesehen nicht lange her. Im 19. Jahrhundert zog Garibaldi (Anm. d. Red.: Freimaurer und Mitglied der Freiheitsbewegung, die sich gegen den Kirchenstaat stellte) durch die Lande und das Ergebnis war, dass die Kirche das vertraute schöne Staatswesen mit allem, was dazu gehört, verloren hat. Tatsächlich begannen Ende des 19. Jahrhunderts die Überlegungen, wie man die kirchlichen Verwaltungsstrukturen völlig neu ordnet. Zu der Zeit bestand die Kirche aus vielen, vielen Körperschaften wie beispielsweise Orden, aber es gab keinen gemeinsamen Verwaltungs-Überbau.

Aus diesen Überlegungen ist dann die "Vatikanbank“, wie sie im Volksmund genannt wird, entstanden. Tatsächlich heißt die Institution "Istituto per le Opere di Religione“, Institut für die religiösen Werke. Darum ging es auch. Insofern ist das Gründungsdatum 1942 sehr passend. Europa befand sich mitten im Zweiten Weltkrieg und selbstverständlich ist die Kirche dort, wo Krieg und Unterdrückung herrschen - ob das gestern war, heute ist oder morgen sein wird. Auf einmal war es durch die Veränderung in der Weltgeschichte zwingend notwendig geworden, dass die Kirche über eigene Möglichkeiten verfügte, Geld zu verwalten und auch Geld zu transferieren. 

domradio.de: Ende der 70er Jahre gab es einen großen Finanzskandal: Morde sind begangen worden, die Bank wurde zur Steueroase, Gelder wurden unbemerkt in die Schweiz und auf die Bahamas verschoben. Wie konnte es soweit kommen? Auch die Vatikanbank hat doch eine Aufsicht, oder? 

Hinzen: Ja und nein. Erst heute hat diese Bank eine Aufsicht. Seit der Pontifikate von Papst Benedikt XVI. und Papst Franziskus hat sich viel verändert. Heute ist die Vatikanbank ein modernes Bankinstitut, was auch von Dritten bestätigt wird. Das war aber früher nicht der Fall. Das hat sicher damit zu tun, dass die Kirche eine eigene Bank haben wollte, die kein anderer Staat kontrolliert. Das ist soweit erstmal nachvollziehbar, gerade im Jahr 1942. Schwierig ist, dass der Vatikan selbst nicht diese Bank kontrolliert hat. Die Aufsicht AIF, die die Bank kontrolliert, ist erst vor wenigen Jahren geschaffen worden. Jetzt wurde bestätigt, dass sie auch gegen Geldwäscheangelegenheiten wirksam ist. Das heißt, früher war es ein Eldorado: Man kannte den richtigen Prälaten und schon hatte man ein Konto bei der Vatikanbank, das niemand kontrollierte - weder ein Finanzamt noch eine Kriminalbehörde. 

domradio.de: Der Bank wurde immer wieder Geldwäsche vorgeworfen, vor wenigen Jahren wurde ein Ex-Geheimagent für 400.000 Euro angeheuert, um 20 Millionen Euro in bar in die Schweiz zu schaffen. Das ist doch filmreif, oder?

Hinzen: Das ist filmreif, ja. Die ganze Geschichte des IOR müsste man verfilmen. Dan Brown ist mit seinen Romanen über die Kirche nichts dagegen. Die Realität ist sogar noch schärfer. Es ist wirklich unglaublich, auf welchen sonderbaren Wegen man immer wieder versucht hat, die Dinge ins Reine zu bringen, anstatt dass man aufgeräumt hätte.

domradio.de: Wie steht die Bank aus Ihrer Sicht heute da?

Hinzen: Erst Papst Benedikt XVI. und Papst Franziskus haben aufgeräumt, neue Regeln eingeführt und Altbestände bereinigt. Die Vatikanbank hat ja rund 5.000 Leute entlassen, die da überhaupt nicht hingehören. Der Vatikan hat Vereinbarungen mit anderen Staaten über die Mitteilungen von Steuernachrichten und über Personen abgeschlossen, die anderswo steuerpflichtig sein könnten. Das alles ist geschehen.

domradio.de: Die Vatikanbank ist also im Jahr 2017 angekommen. Hat die Bank eigene Geldautomaten?

Hinzen: Ja, die Bank hat tatsächlich einen einzigen Geldautomaten. Das ist ein Unikat in vielfacher Hinsicht: Zum einen würden Sie und ich dort kein Geld bekommen. Dieser Automat bedient wirklich nur die Kunden des IOR, sonst niemand. Zum anderen müssen Sie, um mit diesem Automaten zu kommunizieren, Latein können. Jedenfalls gab es das vor zwei, drei Jahren noch nicht. Ich vermute, das wird auch so geblieben sein.

Das Gespräch führte Silvia Ochlast.

(DR)

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