Papst Franziskus empfängt Vertreter des Malteserordens
Papst Franziskus empfängt Vertreter des Malteserordens

26.01.2017

Der Streit zwischen Vatikan und Malteserorden eskaliert Ein Blick durchs Schlüsselloch

Erst schmiss er seinen Großkanzler raus, dann widersprach er dem Papst, nun geht er selbst: Der Großmeister des Malteserordens tritt zurück. Franziskus selbst habe ihn dazu aufgefordert, heißt es aus den Reihen des Ordens.

Mit dem Malteserorden verbinden Rom-Touristen einen Blick durchs Schlüsselloch. Auch am Mittwoch pilgerten in der italienischen Hauptstadt Hunderte auf den Aventin-Hügel zum Sitz des Ordens. Dort bietet das Schlüsselloch im Tor zu den Orangen-Gärten der Malteser einen spektakulären Blick: Durch einen Laubengang sieht der Betrachter auf die Kuppel des Petersdoms. Noch spektakulärer ist allerdings, was sich am gleichen Tag im Orden selbst abspielte. Der Streit zwischen dem Großmeister der Malteser, Matthew Festing, und dem Vatikan nahm eine überraschende Wendung:

Festing trat von seinem Amt zurück. Der Papst habe ihn in einer Audienz am Dienstag dazu aufgefordert, erklärte der Orden. Der Vatikan selbst formulierte freundlicher: Franziskus habe Festings Rücktritt angenommen und schätze seine "Loyalität und Ergebenheit".

Eskalation kurz vor Weihnachten

Der Großmeister des Malteserordens hatte sich weit aus dem Fenster gelehnt. Kurz vor Weihnachten verweigerte der Brite einer päpstlichen Untersuchungskommission zur Amtsenthebung des Deutschen Albrecht von Boeselager als Großkanzler die Zusammenarbeit. Er bestritt öffentlich die Legitimation des Gremiums und forderte alle Mitglieder zum Boykott der Kommission auf.

Festing hatte die Entlassung Boeselagers im Dezember mit "schwerwiegenden Problemen" begründet, die während Boeselagers Zeit als Verantwortlicher für die Koordination der humanitären Hilfe des Ordens aufgetreten seien. Angeblich soll die Verteilung von Kondomen durch Malteser International konkreter Anlass für die Amtsenthebung gewesen sein. Boeselager selbst wurde mit der Äußerung zitiert, er gelte als zu liberal. Der Deutsche betrachtete seine Amtsenthebung als unrechtmäßig und wehrte sich dagegen. Schließlich schaltete sich der Papst persönlich ein und berief eine Untersuchungskommission. Dem Vernehmen nach soll Boeselager einflussreiche Fürsprecher gehabt haben.

Zwischen geistlichem Ritterorden und dem Status eines Völkerrechtssubjekts

Die Malteser sind ein Kuriosum. Nur so erklärt sich die Eskalation des Streits. Einerseits sind sie ein geistlicher Ritterorden, dessen oberste Rangklasse dem Papst Armut, Keuschheit und Gehorsam gelobt. Zugleich hat der Malteserorden jedoch den Status eines Völkerrechtssubjekts. Darauf berief sich Festing, als er dem Vatikan die Zusammenarbeit verweigerte. Der Orden wird rechtlich behandelt wie ein Staat; Festing war also Staatsoberhaupt; die Malteser stellen eigene Pässe aus und unterhalten Botschaften. In der Malteser-Villa auf dem Aventin etwa ist unter anderem die Botschaft beim Heiligen Stuhl untergebracht.

Ausschlaggebend für die Rücktrittsforderung des Papstes soll der Bericht der vatikanischen Untersuchungskommission sein. Über den genauen Inhalt ist bislang nichts bekannt. Vieles spricht nach Ansicht von Beobachtern jedoch dafür, dass es in dem Streit nicht nur um Kondome ging. Sie vermuten einen ordensinternen Machtkampf. Ein starkes Indiz dafür ist der Zeitpunkt der Amtsenthebung. Boeselager war bereits seit Juni 2014 Großkanzler des Ordens. Die Vorwürfe gegen ihn betreffen jedoch die Zeit davor, als der Deutsche Koordinator für die humanitäre Hilfe des Ordens war. Warum tauchten diese Anschuldigungen erst gut zwei Jahre nach seiner Wahl zum Großkanzler auf?

Konflikt zwischen Konservativen und Progressiven

Aus Sicht der deutschen Malteserritter handelt es sich um einen Konflikt zwischen Konservativen und Progressiven. Der Präsident der deutschen Assoziation des Malteserordens, Erich von Lobkowicz, sprach von einem "Kampf zwischen all dem, was Papst Franziskus repräsentiert, und einer kleinen Clique von ultrakonservativen Hardlinern".

Hier kommt Kardinal Raymond Leo Burke ins Spiel. Der prominenteste Kritiker des Papstes unter den Kardinälen ist seit November 2014 Kardinalpatron des Ordens und damit für dessen geistliches Profil verantwortlich. Er ist einer der vier Kardinäle, die von Franziskus öffentlich mehr Klarheit im Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen aufgefordert haben. Zuletzt brachte er sogar einen "formalen Akt der Korrektur" des Papstes ins Spiel, falls Franziskus nicht auf den Brief der Kardinäle antworte. Insider sagen, er habe auch bei den Maltesern seine Hände im Spiel. Beim nächsten Treffen zischen Burke und Franziskus würde man gerne durchs Schlüsselloch schauen.

Thomas Jansen
(KNA)

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