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Vatikan
Michael Kahle
Michael Kahle

30.12.2016

Eine Bilanz des Heiligen Jahres “Der Papst hat selber Hand angelegt“

2016 hat die katholische Kirche das Heilige Jahr der Barmherzigkeit gefeiert. Unangekündigt hat Papst Franziskus Obdachlose und Erdbebenopfer besucht. Ein ungewöhnliches Jahr, auch für den Vatikan, wie Msgr. Michael Kahle im Interview zusammenfasst.

domradio.de: Eröffnet wurde das Heilige Jahr bereits im Dezember 2015, kurz nach den Attentaten von Paris. Ein holpriger Start?

Msgr. Michael Kahle (Gottesdienst- und Sakramenten-Kongregation im Vatikan): Der Morgen des 8. Dezember war ein ganz wunderbarer Anfang, mit der feierlichen Eröffnung der Heiligen Pforte. Ich erinnere mich, weil ich selbst bei den Zeremoniaren mitgewirkt habe, als Papst Franziskus durch die geöffnete Peterspforte gegangen ist, aber auch, dass Papst Benedikt als emeritierter Heiliger Vater als zweiter durch die Pforte ging und wir einen ganz herrlichen Gottesdienst begangen haben. Der Abend mit der Vesper zum Fest der unbefleckten Empfängnis hatte dann einen anderen Charakter. Ich wollte etwa eine Stunde vorher in die Petersbasilika und der gesamte Vatikan war rundherum mit Militär abgesperrt. Man konnte etwas von der Bedrückung, Angst und Sorge hautnah erfahren, die Sorge, dass etwas passiert an diesem Abend. Selbst mit meinem Vatikan-Ausweis bin ich nur sehr schlecht vorangekommen. Es hat lange gedauert, bis ich endlich im Petersdom war.

domradio.de: Leider stand das Jahr 2016 auch im Zeichen des Terrors. Der Vatikan ist einer der öffentlichsten Plätze der Welt, wie hat sich das bemerkbar gemacht?

Kahle: Die Via della Conciliazione, die große Straße, die zum Petersdom führt, ist seit dem Heiligen Jahr für den Verkehr gesperrt. Diesen Beschluss hat man zunächst mal im Hinblick auf die große Zahl der erwarteten Pilger getroffen. Es hat sich aber im Laufe der Zeit herausgestellt, dass es eben auch ein guter Schutz ist, indem man eben keine Autos oder Lastwagen unmittelbar an den Vatikan heran lässt.

Bei den großen Audienzen ist es so, dass nicht nur die Sicherheitsvorkehrungen am Petersplatz stattfinden, sondern bereits vorher, auf der Via della Concilizione und den anderen Zugängen. Dort stehen Polizisten, kontrollieren Handtaschen, eigentlich ein ganz normales Prozedere. Wenn ich es am Morgen so betrachte und miterlebe: Die Pilger lassen sich da mit einer großen Geduld darauf ein. Es hat eigentlich nie Hektik oder Zorn gegeben. Man ist sich bewusst: Diese Kontrolle hilft mir, dass auch ich sicher sein kann.

domradio.de: Das Programm für Papst Franziskus war einiges voller als noch im Vorjahr, weil zum Beispiel im Heiligen Jahr noch mehr Besuche und Audienzen durchgeführt wurden. Was ist Ihr Eindruck, kann der Heilige Vater das gut verkraften?

Kahle: Der Heilige Vater sieht, wie er selbst einmal gesagt hat, dass sein Pontifikat höchstwahrscheinlich nicht sehr lange andauern wird. Deshalb investiert er so viele Kräfte. Es war sein persönliches Anliegen, dieses außergewöhnliche Heilige Jahr der göttlichen Barmherzigkeit zu feiern, um uns eben als Kirche, als Glaubende, als Christen auf die zentrale Botschaft der Barmherzigkeit noch mal aufmerksam zu machen. Da hat er wirklich ganz viel hinein investiert.

domradio.de: Franziskus hat 2016 im Heiligen Jahr auch mehr Audienzen und Gottesdienste durchgeführt und gefeiert. War es dieses Jahr voller in Rom als gewöhnlich?

Kahle: Der Anfang des Heiligen Jahres lief etwas schleppend. Die Vorbereitung muss zu einem großen Teil auch in den Ortskirchen stattfinden. Reisen müssen gebucht werden. All das war wohl sehr kurzfristig geplant. Aber: Man hat im Verlauf des Heiligen Jahres festgestellt, wie viele Menschen doch gekommen sind und an den Audienzen, Gottesdiensten und Jubiläen teilgenommen haben. Wobei man aber auch sagen muss, dass die Intention von Papst Franziskus die war, dieses Jahr nicht nur in Rom zu feiern, sondern vor allem auch in der Ortskirche. Es ging nicht darum, das Heilige Jahr mit einer Pilgerfahrt nach Rom abzuschließen, sondern die Barmherzigkeit vor Ort zu leben.

domradio.de: So hat Papst Franziskus ja auch Kranke und Gefangene aufgerufen ihre persönliche Zimmer- oder Zellentür zur Heiligen Pforte zu machen.

Kahle: Ganz genau. Oder: Der Papst war am großen Hauptbahnhof in Rom, an Termini, und hat dort die Eingangstür für die Obdachlosen zum Speise- und Aufenthaltsraum zur Heiligen Pforte erklärt. Er hat ganz außergewöhnliche Heilige Pforten geschaffen, um den Menschen zu zeigen, dass Barmherzigkeit auch außergewöhnliche Wege geht.

domradio.de: Die größte Medienaufmerksamkeit hat der Papst im Heiligen Jahr sicher durch seine Gesten der Barmherzigkeit erhalten. Jeden Freitag hat er unangekündigt Menschen besucht: Obdachlose, Kranke, ehemalige Prostituierte. Wie hat man denn im Vatikan darüber gesprochen? Wusste man das vorher?

Kahle: Am Anfang haben wir das auch nur aus der Vatikan-Zeitung, dem L'Osservatore Romano, erfahren. Im Laufe des Heiligen Jahres haben wir uns dann in der Kurie Woche für Woche die Frage gestellt: Wo wird der Papst denn an diesem Freitag hin gehen? Selber wussten wir dies auch nicht. Der Papst hatte das wirklich im ganz kleinen Kreis vorbereiten lassen. Es war jeden Freitag eine Überraschung, wo er denn auftaucht. Einer der letzten Besuche hat große Medienaufmerksamkeit bekommen, als er ehemalige Priester besucht hat, die geheiratet und das Priesteramt verlassen haben. Er war aber auch in einem Altenheim, in dem alte und bedürftige Priester untergekommen sind, oder eben bei Strafgefangenen im Gefängnis. Er ist auch raus gefahren und hat nach dem verheerenden Erdbeben im Herbst die Erdbebenopfer besucht. Der Papst hat also wirklich selber Hand angelegt, hat ein Auge drauf geworfen und entschieden, wo möchte ich hin fahren, um zu zeigen: Hier bringe ich ein Stück menschliche Nähe und göttliche Barmherzigkeit hin.

domradio.de: Welche dieser Gesten und Besuche ist Ihnen da besonders in Erinnerung geblieben?

Kahle: Der Besuch der älteren Priestern war das, die oft ein Rand-Dasein führen. Sobald sie aus dem aktiven Dienst in den Pfarreien ausgeschieden sind, stellt sich die Frage: Wo sollen sie bleiben? Da war es ein sehr väterliches Zeichen, dass der Papst zu ihnen hin gegangen ist und ihnen noch einmal neu Würde und Aufmerksamkeit geschenkt hat. Ich habe die strahlenden Gesichter bei dieser Begegnung gesehen, die wirklich erfüllt waren von Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass man auf die, die wirklich jahrelang ihren Dienst getan haben, jetzt noch einmal zukommt. Das hat mich sehr bewegt.

domradio.de: Besondere Aufmerksamkeit weltweit hat Rom dann noch mal im September bekommen, als Mutter Teresa von Kalkutta heilig gesprochen wurde. Wie haben Sie dieses Wochenende erlebt?

Kahle: Ich hatte Dienst mit den Zeremoniaren und war am Morgen sehr früh am Petersplatz. Man konnte viele Missionarinnen der Barmherzigkeit, die Ordensschwestern Mutter Teresas, im blau-weißen Ordensgewand dort sehen. Es waren aber auch viele junge Familien dort, mit strahlenden, leuchtenden Gesichtern. Das hatte eine ganz eigene Prägung. Obwohl es sehr voll war, war es kein Tumult. Man hat sich in einer frohen, geistlichen Stimmung auf diesen Akt der Heiligsprechung mit Papst Franziskus eingestimmt. So haben wir dann gemeinsam den Gottesdienst gefeiert. Der Morgen war vom Wetter her erst noch etwas verhalten, dann kam aber die Sonne heraus. Ein ganz wunderbarer Sonntag war das.

domradio.de: Wenn Sie zurückblicken auf dieses auch für Rom und die Kirche ungewöhnliche Jahr der Barmherzigkeit, was wird davon auch 2017 noch bleiben?

Kahle: Papst Franziskus hat keinen Moment ausgelassen um die Anwesenden, aber auch die Gläubigen der Weltkirche mit diesem Thema der Barmherzigkeit zu konfrontieren. Was sind die leiblichen Werke der Barmherzigkeit, die geistlichen, alles wurde durch-dekliniert. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass er durch diese ständige Wiederholung in das lebendige Gedächtnis der Glaubenden diese Dimension der göttlichen Barmherzigkeit eingeschrieben hat. Manchmal hatte ich in Rom den Eindruck, der Papst spricht nur noch von der Barmherzigkeit. Ich hätte mir manchmal in einer Predigt vielleicht noch ein anderes Thema gewünscht, aber ich ich glaube das war wirklich die gute Manier eines Lehrers, eines Pädagogen, es so tief in die Herzen einzuschreiben, das es auch wirklich bleibt.

Das Gespräch führte Renardo Schlegelmilch.

(DR)

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