Kardinal Robert Sarah
Kardinal Robert Sarah
Jan Hendrik Stens
Jan Hendrik Stens

12.07.2016

Eine Einschätzung zu den umstrittenen Äußerungen Kardinal Sarahs "Es geht um die innere Haltung"

Priester sollten wieder nach Osten gewandt zelebrieren, schlug Kardinal Sarah jüngst vor - eine Aussage, die für viel Wirbel sorgte. Eine Einschätzung von Jan Hendrik Stens aus der domradio.de-Liturgie-Redaktion.

domradio.de: Wie ist es denn zu den für Wirbel sorgenden Aussagen von Kardinal Sarah gekommen?

Jan Hendrik Stens (domradio.de-Liturgie-Reaktion): Rahmen war ein mehrtägiger Kongress des Vereins "Sacra Liturgia", der in London stattgefunden hat unter Beteiligung von Experten und hochrangigen Geistlichen. Bei diesem Kongress hat Kardinal Sarah das Einführungsreferat gehalten. In diesem Einführungsreferat soll er gesagt haben: "Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, dass wir so bald wie möglich zu einer gemeinsamen Ausrichtung von Priestern und Gläubigen nach Osten oder zumindest zur Apsis hinkommen". Da klingelt es bei manchen in den Ohren, sprich "sollen die Priester sich wieder in Richtung Osten beziehungsweise zur Apsis wenden und damit von der Gemeinde abwenden?"

Wir kennen ja normalerweise heute die Zelebration des Priesters mit dem Gesicht zur Gemeinde. Die Äußerung hat für viel Wirbel gesorgt, da gerade in unseren Breiten die Frage nach der Zelebrationsrichtung sehr emotional diskutiert wird. In traditionalistischen Kreisen hat man möglicherweise frohlockt, in progressistischen Kreisen wohl eher mit den Ohren geschlackert.

domradio.de: Wenn ein Präfekt der Gottesdienstkongregation aber solche Formulierungen wählt - will er vielleicht doch zurück zur Alten Messe?

Stens: Nein. Das ist eindeutig ein Missverständnis, was man sicher auch von seinen vorherigen Aussagen her ableiten kann. Die Richtung der Zelebration ist kein unabdingbarer Indikator dafür, ob wir jetzt alte oder neue Messe feiern. Wir kennen es aus dem Kölner Dom, dass in den Wintermonaten die Heilige Messe in der Sakramentskapelle stattfindet. Da steht der Altar aus bestimmten Gründen an der Wand. Und auch an anderen bestimmten Tagen, wenn die Messen im Kapellenkranz sind oder am Hochaltar des Domes, schauen alle nach Osten, weil der Dom eine gotische Kathedrale ist. Aber die Messen, die dort gefeiert werden, sind alle in der ordentlichen Form des römischen Ritus nach dem Missale von 1970 bzw. in der deutschen Fassung von 1975. Die Alte Messe hat eine ganz andere Dramaturgie und ist vom Aufbau her etwas anders gestaltet.

domradio.de: Der Erzbischof von Westminster, Kardinal Nichols, hat sich trotzdem gestern auch zu Wort gemeldet und sich gegen die allgemeine Rückkehr zur Messe in Richtung Osten ausgesprochen. Welche Gründe wird er für seine Intervention gehabt haben?

Stens: Ich denke mal, dass es die mediale Reaktion und auch die Verunsicherung von einigen Priestern und Gläubigen gewesen ist. Der Erzbischof von Westminster ist für das römisch-katholische Territorium, wo dieser Kongress stattgefunden hat, zuständig. Und offensichtlich hat es da Verunsicherung sowohl bei Priestern als auch bei Gläubigen gegeben. Denn in der medialen Berichterstattung wurde Sarahs Empfehlung mit seiner Aussage in Verbindung gebracht, Franziskus habe ihn darum gebeten, Möglichkeiten zum tieferen Verständnis der Liturgiefeier zu prüfen. Und vielleicht haben sogar einige erwartet, es käme jetzt zum 1. Adventssonntag ein entsprechendes Schreiben aus dem Vatikan, das die Priester um die Zelebration nach Osten hin bittet.

So sind die Äußerungen von Kardinal Nichols wohl als Klarstellung zu verstehen. Es gilt das, was in der Allgemeinen Einführung in das Römische Messbuch steht: Dass jede Kirche einen feststehenden, geweihten Altar haben soll, „der frei steht, damit man ihn ohne Schwierigkeiten umschreiten, und an ihm, der Gemeinde zugewandt, die Messe feiern kann.“ Das bedeutet allerdings nicht, dass der Priester in bestimmten Fällen nicht durchaus auch in der traditionellen Richtung - mit der Gemeinde in eine Richtung - zelebrieren darf.

domradio.de: Und dann zog gestern auch noch der Vatikan nach. Man habe Kardinal Sarah "falsch interpretiert". War das jetzt alles viel Rauch um nichts?

Stens: Das ist genau die Frage. Was die grundsätzliche Stoßrichtung Sarahs anbelangt, nämlich die Rückkehr zu einer stärkeren Verinnerlichung des Gebets, da wird sich der Präfekt der Gottesdienstkongregation sicherlich auch auf Papst Franziskus berufen können. Der konkrete Vorschlag mit der Zelebrationsrichtung ist aber wohl mehr aus eigenem Antrieb erfolgt. Und das hat dann auch im Vatikan für Irritationen gesorgt. Kardinal Sarah hat am Samstag eine Audienz bei Papst Franziskus gehabt und mit ihm über das Thema gesprochen. Und heraus kam dann die Stellungnahme des Vatikans von gestern.

Ich glaube, dass man sich darüber einig geworden sein wird, dass Kardinal Sarah eine innere Haltung ansprechen wollte. Also Liturgie ist nicht der Dialog Priester-Gemeinde, sondern der Dialog Gott-Mensch. Das heißt, Priester und Gemeinde richten sich im Wesentlichen in ihren Gebeten auf Gott aus. Das ist mehr als die bloße Frage nach der Zelebrationsrichtung.

Es darf aber auch nicht unerwähnt bleiben, dass der Priester, wenn er mit dem Gesicht zur Gemeinde steht, der einzige ist, der in eine andere Richtung als die Gläubigen schaut und dann in Versuchung steht, der Gemeinde etwas sagen zu müssen. Und da haben wir eine ganz andere Problematik, nämlich die hervorgehobene Rolle des Priesters auch in der neuen Liturgie, die ihm in dieser Art und Weise vom Konzil so gar nicht zugedacht sein dürfte: Nämlich, dass der Priester zum Moderator und im schlimmsten Fall vielleicht sogar zum Entertainer wird und die Gemeinde am Gebet zu Gott hin mehr hindert als ihr dabei hilft.

Deutlich wird das in einigen Fällen durch den vom Wiener Pastoraltheologen Paul Zulehner genannten Logorrhoe ("Wortdurchfall"), wenn die Gemeinde vom Priester zugetextet wird oder er ihr alles mögliche glaubt erklären zu müssen. Das wäre eine ganz schlimme Entgleisung. Aber so etwas gibt es leider auch. Insofern ist das eigentliche Anliegen, nämlich die innere Hinwendung von Gemeinde und Priester auf Gott hin und das grundlegende Verständnis von Liturgie als Dialog zwischen Gott und Mensch, sicherlich ein berechtigtes Anliegen, über das man durchaus auch in anderen Kontexten noch einmal miteinander sprechen müsste.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

(dr)

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