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22.04.2016

Vatikan-Konferenz fordert Änderung der kirchlichen Lehre Abschied vom "gerechten Krieg"?

Kann militärische Gewalt aus christlicher Sicht zulässig sein? Die kirchliche Lehre sagt "Ja" - aber nur im Extremfall. Eine vom Vatikan mitorganisierte Konferenz sieht das anders.

Die Taliban in Afghanistan, Gaddafi in Libyen, das Assad-Regime in Syrien und der Vormarsch des "Islamischen Staates": Die Frage, ob die Anwendung von Gewalt aus christlicher Sicht erlaubt oder sogar ethisch geboten sein kann, ist derzeit aktueller denn je.

Die traditionelle katholische Lehre bejaht dies, allerdings nur unter bestimmten Bedingungen. Doch unumstritten war diese sogenannte Lehre vom gerechten Krieg in der Kirchengeschichte nie. Nun sorgt eine vatikanische Konferenz für Aufsehen, die in ihrer Schlusserklärung einen Abschied vom "gerechten Krieg" fordert.

Schreiben: Moralische Verpflichtung unterhöhlt 

"Wir glauben, dass es keinen gerechten Krieg gibt", heißt es in dem Papier. Zu oft sei diese Lehre mehr dazu benutzt worden, "den Krieg zu fördern, als ihn zu verhindern oder zu begrenzen". Bereits die Annahme, dass ein gerechter Krieg überhaupt möglich sei, "unterhöhlt die moralische Verpflichtung, Mittel und Möglichkeiten einer gewaltfreien Beilegung von Konflikten zu entwickeln", so das zwei Seiten lange Schreiben. Es mündet in der Forderung, die Lehre vom gerechten Krieg "weder länger zu zitieren noch zu lehren".

Organisatoren der Konferenz mit dem Titel "Gewaltfreiheit und Gerechter Friede" waren der Päpstliche Rat für Gerechtigkeit und Frieden und Pax Christi International. Mitte April debattierten hierbei Laien, Theologen und Ordensleute aus allen Kontinenten, darunter auch Bischöfe.

Lehre: Vier Bedingungen für militärische Gewalt 

Die traditionelle Lehre vom gerechten Krieg nennt vier Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit militärische Gewalt gerechtfertigt ist: "Der Schaden, der der Nation oder der Völkergemeinschaft durch den Angreifer zugefügt wird, muss sicher feststehen, schwerwiegend und von Dauer sein", heißt es im Katechismus der Katholischen Kirche.

Weitere Bedingungen sind demnach, dass "alle anderen Mittel sich als undurchführbar oder wirkungslos" erwiesen haben und eine "ernsthafte Aussicht auf Erfolg" besteht. Schließlich darf der Gebrauch von Waffen laut dem Katechismus nicht "Schäden und Wirren" hervorrufen, "die schlimmer sind als das zu beseitigende Übel".

Argumentation aus dem 5. Jahrhundert 

Der Katechismus schränkt militärische Gewalt weiter auf die Selbstverteidigung eines Volkes ein. Dieses Recht gilt allerdings nur, solange es "noch keine zuständige internationale Autorität gibt, die mit entsprechenden Mitteln ausgestattet ist". Ein Übel bleibt der Krieg allerdings auch nach dieser Lehre in jedem Fall - auch wenn er "gerecht" in diesem Sinne ist.

Im Kern geht diese Argumentation auf den antiken Kirchenvater Augustinus von Hippo (354-430) zurück. Der heilige Augustinus reagierte damit zum einem auf eine wachsende Zahl römischer Soldaten in der Kirche. Zum anderen ergab sich die Fragestellung aus dem neuen Status der Kirche, die im vierten Jahrhundert von der Untergrundbewegung zur Staatsreligion im Römischen Reich avanciert war.

Noch keine Äuerßung von Papst Franziskus 

Die vatikanische Konferenz fand ein internationales Medienecho: "Verrückte Idee: Der gerechte Krieg auf den Index", betitelte die konservative italienische Zeitung "Il Foglio" einen Bericht darüber. Der US-Wochenzeitung "National Catholic Register" kritisierte die Forderung nach einer Abschaffung dieser Lehre als einen Bruch mit dem Katechismus und als eine Distanzierung vom heiligen Augustinus.

Papst Franziskus selbst hat sich bislang nicht ausdrücklich zur Lehre vom gerechten Krieg geäußert. Er sagte aber mit Blick auf den "Islamischen Staat", dass es zulässig sei, einen Aggressor zu "stoppen". Dies dürfe jedoch nicht durch Bombardierungen und Krieg geschehen. Zudem müsse eine entsprechende Aktion im Einklang mit dem internationalen Recht stehen.

Was ist mit Völkermord, ethnische Säuberungen, Kriegsverbrechen? 

Diese Aussage deuteten einige Kommentatoren als Zustimmung für ein militärisches Eingreifen nach der UN-Richtlinie "responsiblity to protect" von 2005. Demnach ist eine solche Intervention legitim, wenn Völkermord, ethnische Säuberungen, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit stattfinden. Ob mit der Ablehnung der Lehre vom gerechten Krieg auch solche Aktionen gemeint sind, ließ die Vatikan-Konferenz in ihrer Schlusserklärung allerdings offen.

Thomas Jansen
(KNA)

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