Gudrun Sailer
Gudrun Sailer

Mehr als 750 Frauen arbeiten heute im Vatikan. Das hat die österreichische Journalistin und Autorin Gudrun Sailer für ihr Buch "Papst Franziskus - Keine Kirche ohne Frauen" (Verlag Katholisches Bibelwerk) recherchiert. Seit 13 Jahren ist sie Redakteurin bei Radio Vatikan. Zum Weltfrauentag spricht sie über die Rolle der Frauen in der Kirche.

08.03.2016

Vatikan-Journalistin sieht neue Spielräume für Frauen in Kirche "Neue Ära der Öffnung"

Vatikan-Journalistin Gudrun Sailer sieht unter Papst Franziskus mehr Möglichkeiten für Frauen in der Kirche. So gebe es den Vorschlag, eine Funktion für Frauen ähnlich dem Kardinalsamt zu schaffen.

KNA: Frau Sailer, am Weltfrauentag 2015 hat Papst Franziskus beim Angelus einen besonderen Gruß an die Frauen gerichtet. Wie wird der Weltfrauentag dieses Jahr im Vatikan begangen?

Sailer: Es gibt zum dritten Mal im Vatikan einen Kongress mit Katholikinnen aus der ganzen Welt. Einige von ihnen sprechen im Podium über ihren Dienst an den Mitmenschen, an Gott, an der Kirche.

Vergangenes Jahr kamen bei einer Podiumsdiskussion dort auch deutliche Forderungen von Frauen an die Kirche zur Sprache. Dass das in dieser Offenheit geschehen kann, ist auch der Geist des Pontifikats von Papst Franziskus.

KNA: Welche Forderungen gibt es da?

Sailer: Das Grundproblem für Frauen in der Kirche heute ist, dass sie oft nicht wahrgenommen werden, weil immer noch ein stark hierarchisches Denken herrscht. Ich kann das an einem Beispiel verdeutlichen. Bei Radio Vatikan sind die Hälfte der journalistischen Mitarbeiter Frauen. Vor kurzem gab es hier eine feierliche Messe, bei der Fürbitten, Lesungen, alles von Männern vorgetragen wurde. Bei so viel weiblicher Präsenz immer noch Frauen zu übersehen, fand ich eine schwache Leistung. Das lässt sich auf viele Ebenen und Ortskirchen übertragen.

KNA: Weltfrauentag im Vatikan, ist das überhaupt Anlass zu feiern für die Frauen dort?

Sailer: Solange man sich nicht selbst feiert, sondern sich öffnet - das gilt jetzt ganz allgemein - ist es immer ein Anlass zu feiern.

Zum anderen gilt: Mehr Wahrnehmung für die Frauen schadet nicht. Und zwar auf allen Ebenen der Kirche. In unserer Ortskirche in Deutschland und Österreich gibt es ein wachsendes Bewusstsein unter den Bischöfen, dass dringend etwas getan werden muss, um Frauen stärker gerecht zu werden und sie mehr in Entscheidungsprozesse einzubeziehen. In Indien, wo beispielsweise weibliche Föten gezielt getötet werden, geht es um ganz andere Probleme. Ich denke, es ist sehr wichtig, dass die ganze Bandbreite weiblicher Anliegen im Vatikan zur Sprache kommt.

KNA: In Ihrem aktuellen Buch "Papst Franziskus. Keine Kirche ohne Frauen" legen Sie alle bisherigen Stellungnahmen des Papstes zum Thema Frau vor. Die Hinführung bietet einen Blick auf die Lage von Frauen im Vatikan. Wie sieht es da aktuell aus?

Sailer: Der Frauenanteil im Vatikan liegt bei mittlerweile fast 20 Prozent. Frauen sind anteilsmäßig hoch in Ebenen vertreten, die einen akademischen Abschluss benötigen, zum Beispiel Archivarinnen, Journalistinnen, Restauratorinnen, Kunsthistorikerinnen. Es gibt auch Abteilungsleiterinnen in einzelnen Behörden. Aber in Ämtern, die mit hoher Verantwortung verbunden sind, gibt es nur wenige Frauen. Da ist auf jeden Fall noch Luft nach oben. Welche Jobs Frauen im Vatikan haben, ist aber nur eine Seite der Medaille. Papst Franziskus hat ganz deutlich gesagt, wir dürfen uns nicht darauf beschränken, mehr weibliche Abteilungsleiterinnen zu fordern. Die Frau in der Kirche ist mehr. Und sie ist auch mystisch mehr. Es heißt 'die' Kirche und nicht 'der' Kirche. Die Kirche ist Frau. Die Kirche ist Mutter. Was das heute heißt, auch auf theologischer Ebene, das haben wir überhaupt noch nicht begriffen.

KNA: Dabei spricht auch der Papst immer wieder dieses Thema an. Warum tut sich nicht mehr?

Sailer: Ich denke, Papst Franziskus hat es in den drei Jahren, die er jetzt im Amt ist, wirklich geschafft, dieses Feld zu öffnen. Er regt an: Wir überlegen zusammen und dann sehen wir, in welche Richtung der Geist diese Sache weht. Das ist ein Werk längeren Atems. Aber trotzdem ist jetzt eine neue Ära angebrochen: Eine Ära der Öffnung und des Zusammenüberlegens statt des Abwehrens.

KNA: Franziskus sagt, Priesterinnen oder Kardinälinnen wird es nicht geben. Was könnte bei diesen Überlegungen dann herauskommen?

Sailer: Eine Krux liegt im Kirchenrecht. Ausschließlich Priester dürfen rechtlich bindende Entscheidungen über andere Priester treffen. Aber es gibt Vorschläge, dass Kirchenrechtler und -rechtlerinnen gemeinsam Spielräume für Laien suchen. Nicht für alle Posten, die heute von Priestern übernommen werden, ist die Weihe wirklich nötig. Eher für wenige.

Es gibt auch den Vorschlag, eine neue Funktion für Frauen in der Kirche zu schaffen. Das Kardinalat ist im 11. Jahrhundert entstanden - als ein Amt der Kirche, nicht von Jesus eingesetzt. Es wäre denkbar, ein solches neues Beratungsamt für Frauen zu schaffen. Das wäre nach Ansicht vieler Theologinnen und Christinnen eine sehr gute Möglichkeit, das Wissen der Frauen und ihre weibliche Identität, Wahrnehmung und Erfahrung in der Kirche besser zur Geltung zu bringen.

Ich denke, es wäre gut, ein solches Amt zu schaffen und zu sehen, wie es sich entwickelt. Auch das Kardinalat ist in einer bestimmten historischen Lage entstanden, als Antwort auf einen Bedarf. Heute hat die Kirche Bedarf daran, mehr auf den Rat von Frauen zu hören.

Stefanie Stahlhofen
(KNA)

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