Ingo Brüggenjürgen
Ingo Brüggenjürgen

05.11.2015

Kommentar zu den jüngsten Skandalen im Vatikan Unglaublich?!

Kardinäle, die in Luxuswohnungen residieren, Spenden, die in der Verwaltung versickern und ein Papst, der das Ideal einer "Kirche der Armen" propagiert. domradio.de-Chefredakteur Ingo Brüggenjürgen kommentiert die jüngsten Ereignisse im Vatikan.

In Deutschland hält sich die Überraschung über die jüngsten Enthüllungen aus dem Vatikan in Grenzen. Das mag damit zusammenhängen, dass der übertriebene Luxus beim bischöflichen Neubau auf dem Limburger Bischofsberg wochenlang die Medien beschäftigte. Vom 213.000 Euro teuren Zierfischbecken für seltene Koifische über die überteuerte Badewanne bis zur kostspieligen Aufhängung des Adventskranzes. Spätestens seit dem innerkirchlichen Untersuchungsbericht, der detailliert alle Versäumnisse auflistet, wundert selbst tiefgläubige Christen hierzulande fast gar nichts mehr.

Die jetzt offengelegten Luxuswohnungen für hochrangige Kirchendiener im und um den Vatikan herum zeigen leider, dass Limburg kein trauriger Einzelfall ist. Klar, wo Geld und Macht zusammen wohnen, da haust in der Regel auch der Missbrauch. Ganz egal, ob das System Russenmafia, Berlusconi, FIFA, DFB oder sonst wie heißt. Auffällig ist in dieser feinen Gesellschaft, die leider allzu oft gemeinsame Sache ("Cosa Nostra") macht, dass es gerade alte, reichlich eitle, selbstverliebte Männer sind, die hier im Hintergrund die Strippen zu ihren Gunsten ziehen. Aber selbst kritische Katholiken hatten doch immer noch die Hoffnung, dass bei Mutter Kirche alles ganz anders sei. Nicht enden wollende Vorwürfe rund um die jahrelang wenig transparenten Finanzgeschäfte des Vatikans, Vatileaks I. und der Rücktritt von Papst Benedikt XVI. zeigten, dass diese guten Hoffnungen der Gläubigen leider trügerisch waren. Vatileaks II. und die Vorwürfe, dass selbst das Geld, das eigentlich für Bedürftige gespendet würde, in dubiosen Kanälen verschwunden sein soll, erscheinen in diesem Licht längst nicht mehr unglaublich.

Es ist freilich nicht so, dass im Vatikan nur die Mächte der Finsternis am Werke sind. Viele treue und leider auch wenig gut bezahlte fleißige Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen arbeiten innerhalb und außerhalb des Vatikans für die gute Sache, oft bis an die Grenzen ihrer eigenen Belastung. Sie müssen jetzt wieder darunter leiden, dass sie mit denen in einen Topf geschmissen werden, die wie der Knabe an der Quelle sitzen und sich zunächst einmal selber volllaufen lassen. Die vielen leeren, eigentlich für die hochrangigen Vatikanbediensteten freien Plätze im Petersdom beim Synodenabschlussgottesdienst dokumentieren sehr deutlich, es gibt im Vatikan eben leider immer auch noch Kirchenfürsten, die durch ihr Fehlen nicht nur ihren Protest gegenüber Papst Franziskus ausdrücken, sondern die nichts - ja leider überhaupt nichts - verstanden haben.

Die Zeiten, in denen sich der kirchennahe, um sich selbst drehende Hochadel und selbstverliebte Kirchenfürsten am Hofe des Papstes verlustierten und bereicherten, sind ein für alle Mal vorbei. Kardinäle und Prälaten, die betrügerischen Machenschaften nachgehen, gehören nicht hinter die Mauern des Vatikans, sondern hinter Gefängnismauern. Transparenz, Wahrheit und Klarheit sind für die Kirche unerlässlich. Wie will man denn glaubwürdig Zeugnis ablegen, wenn man selber bis zum Hals in Lug und Betrug badet? Franziskus, der Papst vom anderen Ende der Welt, weiß das. Die Menschen spüren, dass es ihm ernst ist mit seinen Reformen, und sie vertrauen ihm, dem in seiner Heimat Buenos Aires vom Volk der Titel "Kardinal der Armen" verliehen wurde.

In Italien vertrauen dem System Kirche gerade noch 47 Prozent – Papst Franziskus erreicht traumhafte 80 Prozent Vertrauen. Die Beliebtheit des Papstes werden die jüngsten Enthüllungen weiter fördern. Die Gräben zu seinen internen Widersachern werden dadurch aber bestimmt nicht kleiner. Auch Kardinäle, die es gut mit dem Papst meinen und nicht zu den Schwätzern zählen, raunen im internen Kreis von den Gefahren, die dies für Leib und Leben des Papstes bedeuten könnte. Denn Papst Franziskus hat nicht nur in den eigenen Reihen ihm Wenig-Wohlgesonnene.

Ein Papst, der sich so radikal für Arme, Ausgegrenzte und notleidende Flüchtlinge einsetzt, der die Botschaft von Frieden und Gerechtigkeit so einfach und eindrücklich immer wieder den Mächtigen dieser Welt verkündet und sich selbst mit der ungerechten Weltwirtschaft anlegt, hat auch Feinde unter den macht- und geldgeilen Kindern dieser Welt. Daraus könnte sich in der Tat eine bedrohliche Gesamtgemengelage ergeben. Überall auf der Welt beten Christen Tag für Tag für ihren Papst – und auch immer mehr Nichtchristen wünschen dem beeindruckenden Bischof von Rom, der für viele Menschen längst zum  Hoffnungsträger für eine bessere Welt geworden ist, ein möglichst langes Leben. Viva el Papa!

(dr)

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