Franziskus wendet sich an die Kurie
Franziskus wendet sich an die Kurie
Franziskus wendet sich an die Kurie
Der Papst spricht vor seinen Mitarbeitern

23.12.2014

Radio Vatikan zur Papst-Rede an die Kurie "Reform beginnt bei uns selber"

Die Kurie leide an Schizophrenie und spirituellem Alzheimer, sagt Papst Franziskus. Was ist da los im Vatikan? Pater Bernd Hagenkord, Leiter der deutschen Abteilung von Radio Vatikan, mit einer Einordnung im domradio.de-Interview.

domradio.de: Was ist denn damit gemeint, wenn die Kurie schizophren ist und spirituellen Alzheimer hat?

Hagenkord: Der Papst hat je gestern 15 Krankheiten genannt. Aber er hat nicht gesagt, das habt ihr alle. Sondern er hat sehr deutlich, in klaren Worten, wie schon in Evangelii gaudium, eine Diagnose von Versuchungen vorgelegt. Das war aber keine Wutrede, die er den Mitarbeitern entgegengeschleudert hat. Er meint also: Das kann passieren, wenn hier was schiefläuft. Der Papst spricht natürlich aus Erfahrung, das ist nicht aus der Luft gegriffen, aber es sind weniger Dinge, die er konkret anspricht, als viel mehr Versuchungen, die jede Gemeinde und jede Kurie, jede Verwaltung betreffen kann.

domradio.de: Also: Spiritueller Alzheimer, Schizophrenie - was wirft der Papst denn sonst den Kirchenvertretern vor?

Hagenkord: Zum Beispiel nennt er immer wieder das Geschwätz, Andere herunterzusetzen, damit man besser aussieht. Es geht um Dinge wie Sich-beim-Chef-beliebt-machen-wollen. Es gibt wohl einige Priester, die gerne auf den Titelseiten der Zeitungen sind und deswegen alles tun, deswegen auch Kollegen verraten. Er hat den Vatikan beobachtet, er hat zwei, drei Dinge aus der Vergangenheit im Kopf, wenn er sowas erzählt. Das ist nicht alles aus der Luft gegriffen. Vatileaks ist vielleicht der größte, bekannteste Skandal, der einem da einfällt, aber ich denke mal, da ist schon einiges im Argen. Der Papst hat ganz klar gesagt, Reform beginnt bei uns selber. Reform beginnt nicht bei den Strukturen, sondern dadurch, dass wir uns ändern. Ich glaube, das ist die alles verbindende Botschaft, die er den Kurienmitarbeitern mitgegeben hat.

domradio.de: Für uns war es eine Überraschung. Wir finden es einerseits sympathisch, auf der anderen Seite dürfte so eine harsche Kritik an den eigenen Mitarbeitern nicht so gut ankommen.

Hagenkord: Das verstört schon ein wenig, ja. Wir haben scherzhaft gesagt: Kluge Mitarbeitermotivation sieht anders aus. Er hat ja eine zweite Rede gehalten, für die unteren Angestellten, da hat er sich sehr positiv geäußert. Aber er hat nochmal ganz deutlich gemacht, passt auf, ich gucke ganz genau hin. Die Kurie, wie sie jetzt funktioniert, hat ein paar Probleme und da müssen wir rangehen. Er macht das auf seine Art und Weise, auf seine burschikose, klare Weise. Sicherlich überfordert er Viele. Ich kann mir schon vorstellen, dass da einige nicht glücklich mit waren oder denken, so macht man das doch nicht, so kurz vor Weihnachten. Das kann ich nachvollziehen. Trotzdem: Er ist nun mal Papst und das ist die Art und Weise, wie er spricht.

domradio.de: Franziskus richtet diese Kritik aber nicht nur an die Kurie, sondern es geht auch darüber hinaus. Er meint uns alle, oder?

Hagenkord: Ja, das sagt er auch sehr deutlich. Wenn man sich die 15 Krankheiten durchliest, dann wird man ein paar Mal laut auflachen, weil es auch einfach schön formuliert ist. Aber gleichzeitig werden die meisten von uns Dinge finden, bei denen wir uns an die eigene Nase fassen müssen. Er meint letztlich, wie schon in Evangelii gaudium, Versuchungen, die alle Christen gleichermaßen betreffen, in jeder Position natürlich. Ich glaube, es täte allen ganz gut, nicht nur auf die Kurie zu zeigen, nach dem Motto "Der Papst hat denen aber gesagt...", sondern erstmal zu gucken, was da vielleicht im eigenen Leben nicht ganz gut läuft.

Das Gespräch führte Tobias Fricke. Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Weder domradio.de noch das Erzbistum Köln machen sich Äußerungen der Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen zu eigen.

(DR)

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