Flüchtlinge auf Lampedusa
Flüchtlinge auf Lampedusa

13.07.2013

Kommentar zum Lampedusa-Besuch Franziskus' Päpstliche Provokation

Seine erste Reise als Papst führte Franziskus nach Lampedusa - längst Inbegriff des Elends der Migration. Der Heilige Vater lege "den Finger in die Wunde" Europas, meint domradio.de-Chefredakteur Ingo Brüggenjürgen.

Es soll schon medial interessierte Katholiken geben, die Wetten darauf abschließen, wann denn der neue Papst "niedergeschrieben" wird. Mag sein, dass sich eines Tages der Wind in der Nachrichtenlandschaft dreht, aber derzeit erfährt Franziskus immer noch multimedialen Rückenwind. Das ist umso erstaunlicher, da er nicht die Welt und erst recht nicht seine Kirche schont. Ganz im Gegenteil – dieser Papst ist nicht netter, einfacher Mainstream. Er ist ein Papst, der provoziert. Gerade erst kommt aus dem Vatikan die Bestätigung, dass die beiden großen Päpste Johannes XXIII. und Johannes Paul II. demnächst als Heilige verehrt werden können, da bricht der Papst zu seiner ersten Reise auf. Konsequent, wie er seit seiner Amtseinführung ist, steuert er die Flüchtlingsinsel Lampedusa an. Hier am Rande Europas stranden die Hungerflüchtlinge aus Afrika, wenn sie denn die lebensgefährliche Bootsfahrt von Kontinent zu Kontinent überhaupt überleben. Wo Europa am liebsten wegschaut und sich aus der Verantwortung herauswinden möchte, legt Franziskus den Finger in die Wunde. Wie Jesus die Aussätzigen berührte, so begegnet der Bischof von Rom hier den Ausgesetzten und Ausgegrenzten dieser Tage.

Es ist schon eine kleine Provokation, wenn er im lila Messgewand der Buße auf jeglichen päpstlichen Prunk verzichtet und hier, wo die Flüchtlingszelte standen, seinen Gottesdienst feiert. Ohne seinen "Außenminister", ohne den italienischen Innenminister oder zuständigen EU-Kommissar. Aber zusammen mit Gestrandeten und denen, die diesen Aus- und Abgegrenzten die Hand reichen. Auch die Geste, einen Kranz für die etwa 20.000 ertrunkenen Flüchtlinge der letzten Jahre ins Meer zu werfen, kann niemanden kalt lassen. Nicht nur die, die in diesen Tagen zum sonnigen Urlaub oder zur netten Kreuzfahrt auf dem Mittelmeer aufbrechen, müssen sich angesprochen fühlen.

Dass sich der oberste Kirchenmann für Flüchtlinge einsetzt – schön und gut, soweit reicht unser Erwartungshorizont. Doch seine Botschaft greift noch viel tiefer. Er prangert in seiner Predigt die "Globalisierung der Gleichgültigkeit" an. Wir alle hätten das Weinen verlernt, blieben hinter unseren Möglichkeiten zurück, für die uns unser Schöpfer geschaffen hat. Das trifft ins Herz! Denn auch wenn die Botschaft von Not und Elend der Welt immer wieder neu in den Medien aufgewärmt wird – wir schauen am liebsten weg, schalten gelangweilt um. Ist halt so, kann man doch nicht ändern. Hauptsache ich bin nicht betroffen.

Dieser Papst will sich damit nicht abfinden. Er will uns mitnehmen auf seinem Weg der Buße und Umkehr. In Lampedusa bewegt er sich nicht im Papamobil von Mercedes, sondern kommt mit einem ausgeliehenen 20 Jahre alten Fiat-Geländewagen daher. Am Wochenende hatte er vor Seminaristen und Ordensleuten gesagt, ihm tue es weh, wenn er Geistliche im neuesten Automobil sehe oder wenn Ordensleute immer nur das allerneueste Smartphone vor Augen hätten. Hier dürfen sich ausnahmslos alle Christen angesprochen fühlen – vom Laien bis zum Bischof.

Franziskus mutet nicht nur sich, sondern allen, die um die Christusnachfolge bemüht sind, einiges zu. Jüngst erst hat er betont, er habe denselben Rang wie jeder einzelne Christ – Papst hin oder her. Wer bei Euch groß sein will, der soll der Diener aller sein. So macht er uns allen Mut nach dem Motto: Seht her, es geht. Ich versuche es, ich bin an Eurer Seite auf dem Weg der Umkehr und Versöhnung. Christus ist mit uns auf dem Weg, wer kann uns da noch aufhalten? Dieser Papst ist und bleibt hoffentlich noch lange eine Provokation. Einer, der uns Mut macht!

(dr)

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