Vatikan: Enklave in Rom
Vatikan: Enklave in Rom

22.05.2013

Vatikanische Finanzaufsicht stellt ersten Jahresbericht vor Auf der Suche nach verdächtigen Konten

Dieses Szenario wäre vor einigen Jahren noch so unwahrscheinlich erschienen wie ein Kammerdiener, der den Papst bestiehlt: Eine vatikanische Finanzaufsichtsbehörde legt öffentlich Rechenschaft über ihr Tun ab.

Der Mafioso, der seinem nichtsahnenden Onkel, dem Monsignore, einen schwarzen Aktenkoffer mit 100.000 Euro in die Hand drückt mit der Bitte, die mal eben auf das Konto der katholischen Opernfreunde bei der Vatikanbank IOR einzuzahlen, scheint ein Auslaufmodell zu sein. Das zumindest legt der erste Jahresbericht der vatikanischen Finanzaufsicht AIF nahe, der am Mittwoch veröffentlicht wurde. Demnach registrierte die AIF im Jahr 2012 sechs verdächtige finanzielle Transaktionen. In zwei Fällen erhärtete sich der Verdacht auf Geldwäsche demnach soweit, dass die Ermittlungen an die vatikanische Staatsanwaltschaft übergeben wurden. Die "Autorita di Informazione Finanziaria" war im Dezember 2010 von Benedikt XVI. gegründet worden, um die Finanzgeschäfte im Vatikan transparenter zu machen und internationalen Standards anzupassen.

"Die Statistiken und Trends von 2012 sind ermutigend und zeigen, dass das System sich beständig verbessert", teilte der Direktor der AIF, Rene Brülhart, dazu am Mittwoch mit. Im Jahr 2011 war von April an nur ein Fall gemeldet worden. Der Schweizer, der seit November die Finanzaufsicht leitet, deutete diese Steigerung als Beleg für die wachsende Effizienz der Anti-Geldwäsche-Vorkehrungen im Vatikan.

Angesichts von allein 33.000 Konten, die bei der Vatikanbank IOR geführt werden, scheinen sechs verdächtige Transaktionen im Jahr 2012 nicht viel zu sein. Allerdings blieb offen, wie hoch die Dunkelziffer von nichtgemeldeten Fällen ist. Zudem teilte Brülhart mit, dass die Überprüfung der IOR-Konten gegenwärtig noch im Gange sei.

Brülhart kündigte an, dass die Stellung der Finanzaufsicht gestärkt werde. Internationale Anti-Geldwäsche-Experten hatten im Juli unzureichende Kompetenzen und eine mangelnde Unabhängigkeit der AIF beklagt. Vor allem die Abhängigkeit vom vatikanischen Staatssekretariat war Stein des Anstoßes. Ein vom Europarats-Komitees Moneyval benannter Missstand war indessen schon im Februar behoben worden: Der Präsident der AIF, der italienische Kurienkardinal Attilio Nicora, hatte seinen Sitz im Aufsichtsrat der Vatikanbank IOR niedergelegt, um die personelle Verquickung beider Institutionen zu beenden. Andere Kritikpunkte des Moneyval-Berichts blieben bislang ohne Folgen: So hatten die Gutachter beanstandet, dass die mit den Ermittlungen wegen Verdachts auf Geldwäsche betrauten vatikanischen Staatsanwälte aufgrund mangelnder Erfahrung nur unzureichend mit dem Gegenstand vertraut seien.

Noch "nicht alles gut und perfekt"

Man habe in der kurzen Zeit beachtliche Fortschritte gemacht, aber es sei noch "nicht alles gut und perfekt", sagte Brülhart. Und so blieb denn auch manches unklar. Der 60 Seiten umfassende Bericht enthält keine näheren Informationen zu den sechs gemeldeten verdächtigen Transaktionen. Auch in der Pressekonferenz beschränkte sich Brülhart auf den knappen und kaum überraschenden Hinweis, dass auch die Vatikanbank IOR betroffen sei und dass in keinem Fall ein Verdacht auf verdeckte Terrorismusfinanzierung bestehe. Wer zum Vergleich den Jahresbericht der deutschen Meldestelle zur Bekämpfung von Geldwäsche heranzieht, findet sehr viel detaillierte Angaben zu den verdächtigen Transaktionen. Allerdings ist der Vergleich nicht ganz fair: Die AIF hat ihre Arbeit erst im April 2011 aufgenommen und beschäftigt gegenwärtig sieben Mitarbeiter. Wenn man bedenkt, dass bis vor kurzem italienische Zeitungen die einzige Informationsquelle für angeblich verdächtige finanziellen Transaktionen im Vatikan waren, erscheint schon allein die Veröffentlichung eines Jahresberichts an sich als Fortschritt.

Letztlich unbeantwortet blieb auch die Frage, warum die italienische Zentralbank den Vatikan offenbar noch nicht als transparenten und kooperativen Partner betrachtet und im Januar die EC- und Kreditkarten-Terminals auf dessen Territorium sperren ließ. Brülhart zeigte sich allerdings zuversichtlich, dass es gelingen werde, auch die italienische Zentralbank von den Fortschritten zu überzeugen, die der Vatikan in Sachen Transparenz von Finanzgeschäften gemacht habe.

Thomas Jansen
(KNA)

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