Frère Roger (l.) im Jahr 1974
Frère Roger (l.) im Jahr 1974
Grab von Frère Roger
Grab von Frère Roger
Frère Roger (l.) im Jahr 1974
Archivbild: Frère Roger (l.)

16.08.2020

Taizé-Bruder zum 15. Todestag von Frère Roger "Suche nach Vertrauen in Gott und Vertrauen ineinander"

Vor 15 Jahren wurde Frère Roger, der Gründer der Glaubensgemeinschaft von Taizé, während eines Freitagsgebets von einer verwirrten Frau durch Messerstiche tödlich verletzt. Seine Mitbrüder und die Jugendlichen vor Ort waren Zeugen der Tat.

DOMRADIO.DE: Seit 2002 leben Sie in Taizé, 2004 sind Sie in die Gemeinschaft eingetreten. Ein Jahr vor dem Tod von Frère Roger. Welche Erinnerungen haben Sie an ihn?

Frère Timothée (Taizé-Bruder aus Deutschland): Es war zu einer Zeit, wo er schon älter war und auch müder war und Dinge langsamer geworden waren. Gleichzeitig war er aber sehr präsent. Das, was ihn sein Leben lang bewegt hat und was er weitergeben wollte, das Vertrauen auf Gott und das gegenseitige Vertrauen, gerade auch das Vertrauen in die jungen Generationen, das hat er weiter vorgelebt. Dadurch hat er, denke ich, vielen Menschen und auch mir diesen Weg des Vertrauens auf Gott aufgetan und erleichtert.

DOMRADIO.DE: Als Frère Roger im August 2005 starb, da hatten ja viele die Befürchtung, daran werde auch die Gemeinschaft zerbrechen. Warum kam das völlig anders? Warum wuchs die Gemeinschaft eher noch mehr zusammen?

Frère Timothée: Ob man das Warum erklären kann, weiß ich nicht. Aber da kann man vielleicht auch Gottes Wirken oder Gottes Geist irgendwie präsent sehen hoffentlich. Es war sicher so, dass Frère Roger Zeit seines Lebens darauf geachtet hat und versucht hat, deutlich zu machen, dass es in Taize nicht um ihn ging.

So wichtig er war für den gemeinsamen Weg und so sehr er alles geprägt und gestaltet hat, hat er auch oft gesagt: Es geht auch nicht um die Gemeinschaft, sondern die Gemeinschaft hat eine Funktion, ein Stück weit wie Johannes der Täufer, von sich selbst weg hin auf Christus zu verweisen. Für die Jugendlichen gelte es, im Rahmen der Treffen diese Funktion zu erfüllen, hinzuweisen auf diesen Weg mit Gott und die Möglichkeiten für das eigene Leben, die darin liegen.

DOMRADIO.DE: Wenn Sie mal auf die vergangenen 15 Jahre schauen: Wie hat sich der Orden in den vergangenen Jahren weiterentwickelt? Was hat sich verändert?

Frère Timothée: Ich glaube, in den ersten Jahren nach dem Tod von Frère Roger, gerade auch durch sein Alter und seinen Rhythmus, war die sichtbarste Veränderung eine Änderung in der Geschwindigkeit. Manche Leute sagten damals, aber Frère Alois – der läuft so schnell in der Kirche. Aber er war natürlich auch 40 Jahre jünger, als er diesen Dienst übernommen hat. Und Frère Roger war natürlich auch schneller gelaufen, als er jünger war. Mir bleibt das sehr in Erinnerung, weil das war sinnbildlich für vieles, was einfach wieder in einer anderen Schnelligkeit möglich war.

Auch, dass wieder mehr Treffen in anderen Kontinenten waren, was so im hohen Alter von Frère Roger dann weniger stattgefunden hatte, weil für ihn das Reisen schwierig war. Das waren aber auch Dinge, die es vorher gegeben hatte. So haben wir auch in den letzten 15 Jahren immer wieder neu geschaut: Wie bleiben wir auf dieser Linie von dem, was er uns aufgetan hat, diese Suche nach Vertrauen in Gott und Vertrauen ineinander und Trennungen aller Art zu überwinden. Aber was heißt das heute? Es hätte Frère Roger nicht entsprochen, wenn wir auf einem Stand von vor 15 Jahren einfach stehen geblieben wären. Er hat immer sehr darauf verwiesen, wie wichtig es ist, in jedem geschichtlichen Moment auch neu zu schauen: Was ist heute wichtig?

DOMRADIO.DE: Das ist ein kleiner Rückblick auch: Es gibt also keinen Stillstand. Wie sehen Sie denn die Zukunft der Gemeinschaft heute? Wie geht es weiter?

Frère Timothée: Ich denke, heute bewegen uns die gleichen Fragen. Gerade diese Frage nach Trennungen, die sich in unterschiedlichen Zeiten verändert hat – da gilt es etwa, Trennungen zwischen den Konfessionen zu überwinden. Auch muss man schauen, dass es keine Trennung zwischen den Generationen gibt und man sich interessiert für die Jugendlichen, die ja in den 70er Jahren auch mit ihren Forderungen an die Institutionen hervorgetreten sind. Dann gilt es, zu versuchen, die Trennung zwischen den Kontinenten zu überwinden. Ich denke, diese Frage ist heute noch sehr präsent.

Dann muss man schauen, wie das gelingen kann, gerade heute mit den Echokammern und Menschen, die unterschiedlicher Ansicht sind, da trotzdem miteinander unterwegs zu sein und sich weder gegenseitig das Christsein abzusprechen, noch abzusprechen, dass man ein vernünftiger Mensch in der Gesellschaft ist. Selbst wenn man die Optionen oder Entscheidungen des Anderen kaum versteht.

Auch jetzt, in der Zeit der Pandemie, treten diese unterschiedlichen Sichtweisen wieder sehr zutage. Mit der Flüchtlingsthematik hatten wir es auch. Es scheint mir sehr wichtig, dass da nicht diejenigen mit einer Meinung die anderen abkanzeln, sondern dass jeder für seine Meinung und seine Optionen eintreten muss, aber irgendwie diese Brücken nicht abgebaut werden. Wir als Gesellschaften müssen weiter miteinander unterwegs sein können – auch in Europa.

DOMRADIO.DE: Schauen wir auf den Tag heute. Wie wird der Todestag von Frère Roger vor Ort in Taizé begangen – auch im Zeichen der Pandemie? Wahrscheinlich nicht so wie in den Jahren zuvor, oder?

Frère Timothée: Die Treffen finden natürlich im Moment mit weniger Teilnehmenden statt, als es in anderen Jahren der Fall war. Für den Todestag an sich wird das jetzt dieses Jahr, denke ich, keinen so großen Unterschied machen. Wir haben zum zehnten Todestag, der auch ins Jahr von seinem hundertsten Geburtstag fiel oder gefallen wäre, drei Punkte im Jahr gesetzt, wo wir noch mal expliziter als sonst in den Treffen der Fall, Themen, die ihm wichtig waren, aufgegriffen haben und für die Treffen präsent machen wollten.

In anderen Jahren ist es oft so, und ich denke, es wird auch heute so sein, dass Frère Alois im Gottesdienst heute Morgen ein Dankgebet spricht für Frère Rogers Leben und alles, was er uns eröffnet hat. Aber insofern gibt es da durch die Pandemie jetzt keine weiteren Einschränkungen irgendwelcher großen Projekte, die vorgesehen gewesen wären für diesen Tag, sondern die Treffen gehen so ihren Lauf, wie das diesen Sommer der Fall ist.

DOMRADIO.DE: Apropos große Projekte in Richtung Jahresende: Die Gemeinschaft hat vor ein paar Tagen bekannt gegeben, dass traditionelle Jugendtreffen über Silvester auf 2021 zu verschieben. Das Treffen hätte in Turin stattfinden sollen, aber ganz gestrichen wird es nicht, oder?

Frère Timothée: Genau. Wir haben das Turiner Treffen um ein Jahr verschoben, weil einfach im Moment die Unwägbarkeiten zu groß sind und man auch gar nicht wusste, wie man das in einer Stadt genau vorbereiten soll, während man dort bei den Kirchen zu Gast ist. Insofern haben wir gesagt: Das diesjährige Jugendtreffen ist trotzdem ein europäisches Treffen in irgendeiner Form. Es wird dieses Jahr in Taizé stattfinden.

Wir haben keine Ahnung, in welcher Form es stattfinden wird. Aber wir sind hier natürlich deutlich flexibler, auch auf Entwicklungen zu reagieren, als wenn wir es anderswo sind. Wir wollen in irgendeiner Form, in dem Rahmen, wie das dann möglich sein wird, vielleicht ähnlich wie jetzt im Sommer oder angepasst an die Situation zum Jahreswechsel, hier vor Ort zusammenkommen, auch möglichst länderübergreifend. Dann wollen wir das im Internet zugänglich machen für alle, die sich dafür interessieren, aber nicht hier vor Ort dabei sein können.

Das Interview führte Carsten Döpp.

(DR)

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