Mesut Özil jubelt hier im Jahr 2012
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Fußballverrückt: Schwester Katharina Hartleib
Fußballverrückt: Schwester Katharina Hartleib

23.07.2018

Wie Fußball-Expertin Schwester Katharina den Rücktritt von Özil bewertet "Es müssen mehr Leute in diese DFB-Gremien, die Ahnung haben"

Mesut Özil war wegen eines Fotos mit Erdogan vor der WM in die Kritik geraten. Nach wochenlangen Debatten erklärte er nun seinen Rückzug aus der Nationalelf. Schwester Katharina kritisiert den DFB, die Medien und auch Özil selbst.

DOMRADIO.DE: Kam der Rücktritt von Mesut Özil aus der Fußballbationalmannschaft für Sie überraschend, oder hatten Sie damit gerechnet?

Schwester Katharina Hartleib: Überraschen kann das natürlich nicht mehr. Jeder hat das eigentlich erwartet. Relativ schnell nach dem Ausscheiden wurde gesagt: Eigentlich bleibt ihm gar nichts anderes übrig.

Und das ist genau das Erschütternde. Hier wird Mesut Özil nach dem Ausscheiden zum Sündenbock gemacht. Man muss ja sagen, es ist ja auch nicht das erste Mal, dass das einem Weltmeister passiert.

DOMRADIO.DE: Und er hat ganz klar gesagt: Ich habe keine Lust mehr Euer Sündenbock zu sein. Und er erhebt schwere Vorwürfe gegen den DFB und sagt, die Integration habe absolut nicht geklappt. Können Sie das ein Stück weit nachvollziehen?

Schwester Katharina: Ich kann das aus seiner Sicht total nachvollziehen. Aber ich möchte vielleicht noch mal den Fokus auf etwas anderes setzen.

Ich finde, dass Mesut Özil ein Opfer seiner Genialität geworden ist. Es gibt ganz wenige Spieler, die so wunderbar spielen konnten, wie er. Arsène Wenger, sein früherer Trainer bei Arsenal London, hat mal gesagt, wenn Mesut spielt, lächele der Ball. Er konnte viele Tricks und viele Dinge, die viele andere überhaupt niemals beherrschen. Er konnte mit zwei, drei Pässen Räume öffnen und Tore möglich machen.

Dann ist er natürlich auf der anderen Seite auch mal 80 Minuten über dem Platz getrabt, dass jeder gedacht hat. "Eh, Junge, mach doch mal mit." Deswegen hat sich diese Kritik bei Niederlagen auch schon früher immer gerne an ihm entladen, was eigentlich immer schon ungerechtfertigt war.

DOMRADIO.DE: Wenn Mesut spielt lächelt der Ball, das ist natürlich wunderschön formuliert. Aber wenn Mesut ein Foto mit Erdogan macht, dann erzürnt sich die ganze Republik. Zu sagen, er habe da keinerlei politische Absichten gehabt, klingt doch sehr naiv, oder?

Schwester Katharina: Das finde ich auch. Diese Fotos gab es ja auch Jahre vorher schon. Es gab 2010 Fotos mit Erdogan. Es gab auch später nochmal Fotos. Und immer wieder diese Bedeutung: Es ist schließlich das Heimatland oder der Präsident aus dem Heimatland meiner Familie. Das ist ja die eine Seite. Auf der anderen Seite hat er, der hier geboren und aufgewachsen ist, nie deutlich gemacht hat, dass das hier jetzt sein Heimatland ist und es ihm viel wert ist. Das gelingt, glaube ich, vielen türkischen jungen Leuten nicht, diesen Abstand zum Heimatland der Eltern zu bekommen und in ihrem jetzigen Heimatland anzukommen. Das, glaube ich, ist in unserer Gesellschaft etwas schiefgelaufen.

DOMRADIO.DE: Wir können auf jeden Fall sagen, dass da ein zutiefst verletzter Mesut Özil am Sonntag über den Kurznachrichtendienst Twitter geschrieben hat. Er sagt das ja auch. Er fühlt sich vom Verband, von den Medien, vom Publikum im Stich gelassen, aber auch von seiner ehemaligen Schule in Gelsenkirchen, die ihn für eine Charity-Veranstaltung wieder ausgeladen hat. Da hat er auch recht, dass das irgendwie übers Ziel hinausschießt, oder?

Schwester Katharina: Da hat er vollkommen recht. Das ist leider unser Problem in den letzten Jahren, dass viele Dinge immer sehr schnell in die Höhe schießen und dann sehr schnell wieder fallengelassen werden.

Er setzt sich schon seit vielen Jahren für Kinder und Stiftungen ein und hing auch immer sehr an seiner Schule und an seiner Heimatstadt. Das ist nicht schön, dass all das wegen einer solchen Geschichte niedergemacht wird. Daran merkt man schon, dass das ein bisschen hochgestylt und dann fallengelassen wird. Und da muss ich gestehen, daran tragen auch die Medien eine Mitschuld.

DOMRADIO.DE:  Auch der DFB steht jetzt stark in der Kritik. Welche Konsequenzen könnte der Fall Özil für den deutschen Fußball haben?

Schwester Katharina: Wenn ich jetzt schaue, wie viele Begleiter und Berater-Stäbe da im Hintergrund sind, da muss man sich doch fragen, ob man das nicht schnell genug hätte sehen können. Und noch frühzeitig entschärfen? 

Ich glaube, da muss man ansetzen. Es müssen mehr Leute in diese Gremien, die Ahnung haben und die Profis in diesem Geschäft sind. Es braucht keine Leute, die zwar zunächst ganz schnell gewählt worden sind, aber eigentlich sehr amateurhaft arbeiten. Und da muss beim größten Sportverband der Welt an den Strukturen gearbeitet werden. Bei Siegen funktioniert alles und bei Niederlagen schaut man nicht richtig. Das kann es nicht sein.

DOMRADIO.DE: Was machen wir mit Mesut Özil? Sie haben es gesagt, er hat vielen Fußballfans über Jahre durch seine Leistungen richtig viel Spaß am Fußball bereitet. Können wir ihn jetzt einfach so kommentarlos ziehen lassen? Oder sollte man sich doch vielleicht mal um Schadensbegrenzung bemühen?

Schwester Katharina: Ich weiß nicht, was man zur Schadensbegrenzung machen kann. Ich bin froh, dass er bei Arsenal weiter spielt und dass er uns als Fußballer schon erhalten bleibt. Er hat ja gesagt, er nimmt Abschied, solange das mit dieser Respektlosigkeit so ist. Aber ich glaube, dass es für ihn bis dahin kein Zurück gibt. Und ich hoffe sehr, dass wir ihn noch oft sehen.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(KNA)

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