Fußball WM 2018 in Russland
Fußball WM 2018 in Russland
Volker Jung, Präsident der EKHN
Volker Jung, Präsident der EKHN
 Die Jekaterinburg Arena
Die Jekaterinburg Arena

12.06.2018

EKD-Sportbeauftragter kritisiert Fußball-WM in Russland Gespannt auf den Mut der DFB-Vertreter

In die Vorfreude auf die WM mischt sich schon seit Monaten Kritik am Gastgeber Russland. Der EKD-Sportbeauftragte Volker Jung hat ebenfalls "große Bedenken" und erinnert daran, dass auch Fußball Verantwortung trägt.

DOMRADIO.DE: In zwei Tagen ist das Eröffnungssspiel zwischen Gastgeberland Russland und Saudi-Arabien - eine ungewöhnliche Kombination, auf die sich viele freuen dürften. Russland hofft bei der WM zudem auf ein großes Fußballfest. Doch die Menschenrechtslage ist prekär, bei den Stadionbauten gab es Todesfälle und Ausbeutung. Nicht zuletzt ist Präsident Putin maßgeblich dafür verantwortlich, dass in Syrien seit Jahren Millionen Menschen bombardiert werden.

Ist es richtig, in so einem Land die Fußball-Weltmeisterschaft auszurichten?

Volker Jung (EKD-Sportbeauftragter, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau): Ich würde es mir anders wünschen und halte es für schwierig. Manchmal wird ja argumentiert, dass gerade ein solches Ereignis die Aufmerksamkeit auf das Land und seine Schwierigkeiten lenken kann. Das ist sicher so.

Allerdings muss man wissen – das ist auch eine Erfahrung aus der Vergangenheit –, dass solche Sportereignisse immer wieder genutzt werden, um sich selbst als Land darzustellen. Da bietet man eine große Bühne. Ich habe deshalb große Bedenken.

DOMRADIO.DE: DFB-Präsident Reinhard Grindel hat gesagt, Fußball könne nicht Probleme lösen, die von der UNO und den großen Mächten dieser Welt nicht gelöst werden. Macht er es sich nicht da ein bisschen einfach?

Jung: Einmal hat er natürlich Recht. Fußball kann die Probleme der Weltpolitik nicht lösen. Andererseits ist es so, dass der Fußball auch eine gesellschaftliche und politische Verantwortung hat. Das weiß sicherlich auch Herr Grindel.

Ich glaube nicht, dass er es sich bewusst zu einfach macht. Er weist schon darauf hin, dass der Sport eine Seite ist und wir uns natürlich ein gutes Sportereignis wünschen. Dass es auf der anderen Seite aber auch nötig ist, auf Probleme hinzuweisen. Ich bin gespannt, wie das jetzt in Russland gelingt. Ich gucke schon darauf, ob DFB-Vertreter den Mut haben, auch die schwierigen Punkte anzusprechen.

DOMRADIO.DE: Glauben Sie, es gibt irgendein Bewusstsein bei der FIFA oder den Sponsoren oder geht es nur ums Geldverdienen?

Jung: Für die FIFA ist die Fußballweltmeisterschaft ein großes Geschäft. Und bei allem, was wir wissen, ist die FIFA an dieser Stelle auch sehr selbstbewusst – um es vorsichtig zu formulieren – und lässt kaum wirkliche Kritik zu. Ich würde mir da schon eine andere Grundhaltung wünschen, vor allem in der Vergabepraxis der Fußballweltmeisterschaften.

Da liegt meines Erachtens einiges im Argen und da wäre es gut, nicht zuletzt politische Fragen und Menschenrechts-Fragen schon bei der Vergabe in den Blick zu nehmen.

DOMRADIO.DE: Dabei ist es ja im Grunde genau andersherum. Nämlich dass sportliche Großereignisse vor allem an die Länder vergeben werden, die nicht besonders viel Zeit mit Menschen- oder Arbeitsrechten verschwenden. Katar 2022 ist ja das nächste Beispiel. Warum ist das so?

Jung: Das eröffnet zumindest die Frage, ob da auch andere Dinge eine Rolle spielen – finanzielle Aspekte bis hin zur Korruption. Das muss man ehrlich und offen so ansprechen. Das ist eines der großen Probleme der FIFA, dass sie das offensichtlich nicht in den Griff bekommt und meines Erachtens liegt da schon der entscheidende Punkt.

DOMRADIO.DE: Bundeskanzlerin Angela Merkel und andere deutsche Spitzenpolitiker haben bisher ihren Besuch bei der WM noch nicht zugesagt. Nur Bundesinnenminister Horst Seehofer will hin. Wie finden Sie das?

Jung: Ich habe Verständnis für Seehofer als den zuständigen Minister, dass er eine gewisse Nähe zu den Sportlern demonstrieren will. Aus Sicht der Sportler ist es gut, wenn man spürt, dass die Politik an ihrer Seite ist. Das ist ein Stück moralische Unterstützung. Das ist die eine Seite, für die ich Verständnis habe.

Aber es kommt natürlich darauf an, wie der Minister auftritt und ob er die Besuche in Moskau nutzt, auch die Menschenrechtsfragen zu thematisieren. Da lege ich großen Wert drauf. Ich halte es auch für richtig und gut, wenn die Bundeskanzlerin oder der Bundespräsident und auch andere an dieser Stelle Zurückhaltung üben.

Das Interview führte Tobias Fricke.

(DR)

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