Training gegen Terrorangriffe
Training gegen Terrorangriffe

22.07.2016

Terrorverdächtige in Brasilien festgenommen Unruhe vor Olympiastart in Rio

Knapp zwei Wochen vor Beginn der Olympischen Spiele hat die Polizei in Brasilien eine mutmaßliche Terrorzelle ausgehoben. Derweil igelt sich die Olympiastadt Rio de Janeiro ein. Zehntausende bewaffnete Kräfte sollen für Sicherheit sorgen.

Bei Razzien in sieben Bundesstaaten nahm die Polizei zehn Verdächtige im Alter zwischen 20 und 40 Jahren fest, erklärte Justizminister Alexandre de Moraes. Die Männer sollen Verbindungen zur Terrormiliz "Islamischer Staat" unterhalten und Pläne für ein Attentat während der Spiele erwogen haben.

"Amateurhafte Zelle"

Laut De Moraes soll es sich um eine "absolut amateurhafte Zelle" handeln. Angesichts der angespannten Sicherheitslage sei es aber notwendig gewesen, Haftbefehle auszustellen. Unter anderen sollen die Männer die Absicht gehabt haben, schwere Waffen auf dem Schwarzmarkt zu kaufen. Die Brasilianer, die sich den Angaben zufolge nicht persönlich kannten und nur in sozialen Netzwerken miteinander kommunizierten, wurden seit Monaten von der Polizei beobachtet. Nach mindestens zwei weiteren Männern wird noch gefahndet.

Nach dem Terroranschlag von Nizza haben die Behörden in Rio de Janeiro ihr Sicherheitskonzept nochmals verstärkt. Im ganzen Stadtgebiet patrouillieren schwer bewaffnete Sicherheitskräfte, an Flughäfen kommt es aufgrund der Kontrollen zu langen Warteschlangen. Neben der weltweiten Terrorgefahr machen der Polizei viele Überfälle und Schießereien mit Drogenbanden in den Armenvierteln zu schaffen. Die ersten Olympischen Spiele in Südamerika beginnen am 5. August.

Rund 85.000 Polizisten und Soldaten sollen für die Sicherheit der Sportler und Hunderttausender Touristen sorgen. Ab Anfang August wird auch mit Protesten gegen die Organisation der Spiele gerechnet, die insgesamt über zehn Milliarden Euro kosten. Kritik richtet sich vor allem gegen die Räumung Tausender Familien für die olympische Infrastruktur, die Verschwendung von öffentlichen Geldern und Polizeigewalt.

Training für mögliche Einsatzszenarien

Eine böse Überraschung erwartete die Fluggäste in dieser Woche an Rios Airport. Strengere Sicherheitskontrollen nach "internationalem Standard" sorgten für lange Schlangen. Die Olympischen Spiele in Rio sollen die sichersten der Geschichte werden. Terroranschläge wie zuletzt in Nizza glaubt man ausschließen zu können. Doch die Bevölkerung ist schon jetzt genervt.

Derzeit trainieren Tausende Soldaten und Polizisten in Rio alle möglichen Einsatzszenarien, am Sonntag beginnt der reale Einsatz auf den Straßen der Millionenstadt. Alle Pläne seien nach dem Lkw-Anschlag von Nizza nochmals überarbeitet worden, so die Verantwortlichen. Zwar sei die "Wahrscheinlichkeit eines Terroranschlags in Rio gleich null", sagt Justizminister Alexandre de Moraes - um sich danach jedoch direkt selbst zu widersprechen: "Ausschließen kann man aber natürlich nichts."

Die Sicherheitskräfte wurden kurzfristig noch einmal um 3.000 auf nun 88.000 Mann aufgestockt, das größte Kontingent bei Olympischen Spielen jemals. Als Reaktion auf den Nizza-Anschlag sollen zudem die Straßen rund um die Wettkampfstätten in einem Radius von 500 Metern abgesperrt werden. Seit Kurzem dürfen Lastwagen einige der wichtigsten Verkehrsadern der Stadt nicht mehr befahren. Zudem wird darüber nachgedacht, rund um kritische Orte Handysignale zu blockieren.

Nächste Woche werden Experten aus rund 100 Ländern erwartet, die die Sicherheit von Delegationen und Staatsgästen prüfen sollen. Noch funktioniert die internationale Zusammenarbeit nicht reibungslos.

Alltagskriminalität bereitet große Sorgen

Überhaupt sind es weniger mögliche Terroranschläge, die den Behörden in Rio Kopfzerbrechen bereiten. "Die Alltagskriminalität macht uns größere Sorgen", so Justizminister Moraes. In den vergangenen Monaten hätten Delikte auf den Straßen zugenommen, ebenso wie Schießereien in den Armutsvierteln. Seit 2008 waren diese Zug um Zug von Polizisten besetzt worden. Doch nun geht der Landesregierung von Rio das Geld für die Sicherheitskräfte aus.

"Die Sicherheitslage ist für die Bewohner von Rio sehr schlecht", so Experte Ignacio Cano von der Landesuniversität in Rio. "Im Jahr 2016 sind die Fallzahlen bei Morden und Diebstählen förmlich explodiert", allein die Mordrate stieg demnach um rund 20 Prozent. Schuld sei ein Zusammenspiel von wirtschaftlicher und ökonomischer Krise, die die Politik handlungsunfähig gemacht habe. "Seit Langem schon kann die Landesregierung nicht einmal mehr die Überstunden der Polizisten bezahlen. Und das wird noch schlimmer werden."

Vor wenigen Wochen hatte Rio den finanziellen Notstand ausgerufen. Anfang des Monats überwies die Bundesregierung daraufhin Notfallzahlungen von nahezu einer Milliarde Euro. Damit sollen die überfälligen Gehälter der Polizisten gezahlt werden. "Einen Polizeistreik während Olympia kann sich die Regierung nicht leisten", so Cano.

Rückhalt in der Bevölkerung sinkt

Aus seiner Sicht sollten die Olympiatouristen von alledem jedoch nichts mitbekommen. Während der Spiele sei die Dichte an Sicherheitskräften extrem hoch. Auch Justizminister Moraes glaubt nicht an Sicherheitsprobleme während der Olympischen Spiele: "Warum sollten die kriminellen Banden einen Konflikt mit der Polizei anzetteln, wenn gerade neunmal so viele Polizisten in der Stadt sind wie sonst?" Cano und Moraes sind sich jedoch einig, dass die Zeit nach Olympia kritisch werden wird. "Dann bekommt Rio keine Sondermittel mehr und wir sind aus dem internationalen Fokus raus", so Cano.

Die anhaltenden Krisen der vergangenen Monate haben die Erwartungen der Brasilianer an Olympia gedämpft. War vor drei Jahren nur ein Viertel der Brasilianer gegen die Spiele in ihrem Land, ist es jetzt etwa die Hälfte. Rund 63 Prozent sind inzwischen der Meinung, dass Olympia den Bewohnern von Rio eher Nachteile als Vorteile bringt - Sicherheit hin oder her.

Thomas Milz
(epd, KNA)

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