Natascha Kampusch
Natascha Kampusch
Georg Gatnar und Natascha Kampusch
Georg Gatnar und Natascha Kampusch

23.08.2021

Vor 15 Jahren befreite sich Natascha Kampusch "Von ihr können wir viel lernen"

Nach 3096 Tagen Gefangenschaft befreite sich die 18-jährige Natascha Kampusch aus ihrer Geiselhaft. Es begann eine beispiellose Medien-Hetzjagd. Der katholische Journalist Georg Gatnar hat merhere Interviews mit ihr geführt und erinnert sich.

DOMRADIO.DE: Das war einer der aufsehenerregenden Kriminalfälle Österreichs, der sich am 23. August 2006 plötzlich aufgetan hat. Die Medien haben sich auf die Berichterstattung und bald auch auf die junge Frau gestürzt. Wie erinnern Sie sich noch an diesen Medienhype?

Georg Gatnar (Redakteur von "radio klassik Stephansdom" in Wien): Es war genau um 16:29 Uhr, als die "Austria Presse Agentur" diese Eilmeldung rausgeschickt hat: "Fall Natascha Kampusch: Frau behauptet, Vermisste zu sein". Danach ging der Medienrummel wirklich los. Das war auch neu für die österreichische Medienlandschaft. Diese Grenze zwischen Boulevard und Qualitätsmedien war plötzlich nicht mehr so klar wie davor. Und auch in der Politik wurde Frau Kampusch in den damals aktuellen Wahlkampf reingezogen.

Was ganz skurril war: Der ehemalige Präsident des Österreichischen Verfassungsgerichtshofes, Adamovich, hatte über weitere Täter in der Öffentlichkeit spekuliert und sogar gesagt, dass Frau Kampusch es in der Gefangenschaft besser hatte als bei den Eltern. Was ich damit sagen will: Es entstand daraus eigentlich eine Diskussion über die Verschärfung der Mediengesetze sogar auf europäischer Ebene, mit größeren Strafen beispielsweise. Aber leider ist davon nicht wirklich etwas übrig geblieben.

DOMRADIO.DE: In den Boulevardmedien gab es schnell Spekulationen, ob sich der Entführer Natascha als "Sexsklavin" gehalten habe. Zeitungen zeigten dann das Foto des Mannes, nannten ihn "Sexbestie". Gegen diese Spekulationen hat sich Natascha Kampusch anfangs ja noch wehren können.

Gatnar: Ja, anfangs hat sie sich noch wehren können. Es wurde aber dann wirklich irrsinnig viel auch für sie. Es ging so weit, dass sie dann auch nicht mehr die öffentlichen Verkehrsmittel benützen konnte. Sie wurde auch immer wieder beschimpft in der Öffentlichkeit als habgierig, mediengeil, verlogen oder fresssüchtig dargestellt. Das hat sie dann aber alles in einem Buch verarbeitet. Das Buch heißt "Cyberneider. Diskriminierung im Internet". Sie wurde nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch im Internet verfolgt. Manche User haben ihr den Tod gewünscht.

DOMRADIO.DE: Sie sind Journalist beim katholischen Sender "radio klassik" in Wien und haben mit Natascha Kampusch auch selbst merhmals gesprochen..

Gatnar: Es ging auch um christliche Themen, beginnend mit den Eltern. Zur Mutter hatte sie ein gutes Verhältnis, mit dem Vater war es etwas schwieriger. Aber Frau Kampusch sagte dann immer: "Ich nehme es ernst mit dem Gebot "Du sollst Vater und Mutter ehren". Das war sehr beachtlich, diese Antwort. Dann hat Frau Kampusch nach einer Tsunami-Katastrophe in Sri Lanka ein Kinderkrankenhaus gegründet, mit Unterstützung von "Jugend. Eine Welt". einem Hilfswerk von Don Bosco. Und auch der heilige Don Bosco ist für sie ein großes Vorbild.

DOMRADIO.DE: Sie haben zwei Interviews mit ihr geführt. Wie haben Sie Natascha Kampusch da jeweils erlebt?

Gatnar: Als sehr humorvoll und sehr, sehr zielstrebig. Überdurchschnittlich intelligent. Sie macht dann immer so kleine Scherze, die man nicht versteht. Die musste sie dann erklären. Und dann, erst dann erkennt man, wie anspruchsvoll ihr Intellekt ist. Und sie ist auch sehr geduldig. Sie nimmt sich auch Zeit, das Gegenüber kennenzulernen, sprachlich sehr präzise. Ein großer Wortschatz. Sie schafft es auch immer, Emotionen und Bilder zu vermitteln. Glück hat sie einmal so definiert: Es seien "Momente wie Regentropfen an der Fensterscheibe". Das finde ich sehr beachtlich.

DOMRADIO.DE: Wissen Sie, wie spirituell Natascha Kampusch ist?

Gatnar: Frau Kampusch ist römisch-katholisch getauft. Sie hat den Religionsunterricht immer ernst genommen und bezeichnet sich auch als gläubig. Ob Frau Kampusch auch an die römisch-katholische Kirche glaubt, ist für sie ungewiss. Aber sie hat erzählt, dass sie an die Menschen glaubt, die schließlich die Kirche ausmachen. Und sie glaubt an eine höhere Instanz.

DOMRADIO.DE: Sie hatten jetzt einige Zeit keinen Kontakt zu Natascha Kampusch. Sie ist inzwischen 33 Jahre alt. Wissen Sie, wie es ihr jetzt geht?

Gatnar: Ich denke, es geht ihr gut. Man sieht ja auch immer: Sie engagiert sich für Tiere und Umweltschutz, hat immer neue Ideen, gestaltet selbst Mode, schreibt Bücher. Und ich glaube, sie wird auch immer im Hintergrund Menschen in Not unterstützen. Ich finde es sehr spannend, wie sie ihren Weg meistert und ich denke, von ihr können wir noch viel hören und viel über das Leben lernen.

Das Interview führte Carsten Döpp.

(DR)

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