Die Jugendlichen aus Bonn bei der Hilfsaktion in Ahrweiler
Die Jugendlichen aus Bonn bei der Hilfsaktion in Ahrweiler
Kaplan Dr. Christian Jasper
Kaplan Dr. Christian Jasper
Den Jugendlichen boten sich in Ahrweiler Spuren der Verwüstung
Den Jugendlichen boten sich in Ahrweiler Spuren der Verwüstung
Ganze Kellerbestände mussten ausgeräumt und weggeworfen werden
Ganze Kellerbestände mussten ausgeräumt und weggeworfen werden

26.07.2021

Jugendliche aus Bonn organisieren Hilfsaktion in Ahrweiler "Es tat gut, konkret mithelfen zu können"

Eine Gruppe Jugendlicher aus Bonn hat Ende letzter Woche beim Aufräumen in Ahrweiler geholfen. Die Situation vor Ort zu erleben war nicht einfach, sagt Stadtjugendseelsorger Christian Jasper. Trotzdem waren sie froh, helfen zu können.

DOMRADIO.DE: Sie waren Ende letzter Woche mit einigen Jugendlichen im Katastrophengebiet im Einsatz. Was haben Sie da vor Ort gesehen?

Dr. Christian Jasper (Stadtjugendseelsorger in Bonn): Das waren schockierende Bilder, die wir erlebt haben. Von Bonn aus ist das Ahrtal gefühlt vor der eigenen Haustür. Die allermeisten von uns waren dort schon in guten Zeiten, um ein Glas Rotwein zu trinken. Und jetzt war die Zerstörung erschütternd. Schon als wir ankamen, liefen wir an einem riesigen Schuttberg vorbei. Im Erdgeschoss war die ganze Fußgängerzone eigentlich völlig zerstört und unbrauchbar. Die Kellerräume sowieso. Das war schon sehr, sehr eindrücklich.

DOMRADIO.DE: Wie konnten Sie und die Jugendlichen da denn konkret helfen?

Jasper: Wir hatten vorher Kontakte bekommen, wo Hilfe gebraucht würde. Aber soweit sind wir dann gar nicht gekommen. Wir gingen als Helfer erkennbar durch die Fußgängerzone und das lief dann so, dass wir ziemlich bald von Restaurant oder auch Geschäftsbesitzern angesprochen wurden. Es gebe noch einen Keller aufzuräumen, es gebe dieses und jenes zu erledigen. Und so lief das dann auch, dass man sehr spontan entschied: Wo packt man jetzt konkret mit an? Unser Tagewerk war gefüllt vor allem mit einem Sportgeschäft und einer Eisdiele. Das Eiscafé hatte nach dem Corona-Lockdown gerade neue Ware für das Lager bekommen. Tausende Liter Milch, Sahne, Getränke, all das war jetzt im Keller in einem großen Berg von stinkendem Wasser und vor allem auch Schlamm. Und es galt jetzt schlicht alles auszuräumen. Alles an Inneneinrichtung, alles an Lager.

DOMRADIO.DE: Was erzählen denn die Menschen dort?

Jasper: Ich sprach mit einem älteren Herrn, der 88 war, der Ahrweiler noch in der Zeit nach dem Krieg erlebt hat. Er sagte, dass er so etwas jetzt in seinem Alter noch erleben müsse, das machte ihn selber sehr betroffen. Und gleichzeitig war die Stimmung jedenfalls bei denjenigen, die wir auf der Straße gesehen haben und die auch am Arbeiten waren, doch erstaunlich gefasst. Manche berichteten auch, dass sie zum Glück angemessen versichert seien. Solange die Menschen beschäftigt waren, waren sie ganz konstruktiv eingestellt. Ich vermute aber mal, dass es viele gibt, die man gerade eher nicht auf der Straße sieht, die doch auch sehr nachdenklich, traurig, schockiert sind. Und diese Menschen auch seelsorgerlich zu erreichen, das wird sicher nochmal eine neue Herausforderung sein.

DOMRADIO.DE: Wie haben die Jugendlichen dieses Szenario vor Ort aufgenommen? Auch für die jungen Leute sind das ja Bilder, die man so schnell nicht vergessen wird.

Jasper: Zum einen tat es den jungen Menschen sicher gut, jetzt mal konkret mithelfen zu können, weil man sich in den Tagen vorher immer gefragt hat: Was was kann man überhaupt machen? Aber sicher waren das schockierende Bilder und immer mal wieder brauchten auch Einzelne eine Pause, sowohl um sich von dem Gestank und der schweren Arbeit zu erholen, als auch, um das Ganze in einem Moment zu verarbeiten. Wir hatten in Bonn, bevor wir losgefahren sind, eine große Kerze in unserer Jugendkirche am Campanile angezündet. Ich glaube, das war schon gut zu wissen: Irgendwo brennt nochmal ein Zeichen der Hoffnung für uns, aber auch für die Betroffenen.

DOMRADIO.DE: Sie waren jetzt am Wochenende nicht mehr in Ahrweiler. Wissen Sie, wie die Situation der Helfer jetzt dort war?

Jasper: Der Andrang muss riesig groß gewesen sein. Und dazu muss man wissen: Die Koordination der Helfer, das ist alles privat organisiert. Es gibt da ein privates Busunternehmen, das einen Shuttle-Service und große Parkplätze da spontan eingerichtet hat. Nach meinem Eindruck ist weiterhin viel Hilfe dort erforderlich. Aber es muss natürlich koordiniert und abgestimmt sein, damit jetzt nicht tausende Menschen an den gleichen Ort zum Helfen kommen.

DOMRADIO.DE: Was wird jetzt in den nächsten Tagen und Wochen das Wichtigste in Ahrweiler sein?

Jasper: Der Wiederaufbau ist in der Tat eine ganz langfristige Angelegenheit. Ich würde eher von Monaten oder Jahren sprechen. Sobald mal der Schlamm und die ganz konkreten Folgen des Hochwassers beseitigt sind, wird es sicher darum gehen, auch die Infrastruktur und die Häuser wieder aufzubauen. Dort werden dann vor allem Handwerker und Experten gefragt sein. Sicher braucht das auch weiterhin viel Geld. Also mit Spenden kann man sicherlich gut helfen. Das scheint mir das Dringendste im Moment.

DOMRADIO.DE: Welche Unterstützung gibt es in dem Zusammenhang auch von der Katholischen Jugendagentur in Bonn?

Jasper: Die Katholische Jugendagentur ist selbst zum Teil betroffen, weil eigene Mitarbeiter im Hochwassergebiet leben oder auch unsere Einrichtungen zum Teil überflutet wurden. Einmal gibt es einen Solidaritätsfonds, um jetzt ganz schnell und unkompliziert betroffene Kinder und junge Leute zu unterstützen. Gleichzeitig versuchen wir zu improvisieren, um schnell auch wieder Freizeitangebote für die Kinder in den Hochwasserregionen zu machen, damit die Kinder auf andere Gedanken kommen. Und damit womöglich auch die Eltern kurz Zeit haben, mal in Ruhe durchzuarbeiten.

Und dann wollen wir natürlich auch versuchen, dabei zu helfen, dass Kinder und junge Leute diese schrecklichen Bilder verarbeiten können. Es gibt also seelsorgliche Angebote und beispielsweise überlegen wir auch, wie wir nach den Sommerferien in den offenen Ganztagsschulen dieses Thema aufgreifen und bei der Verarbeitung helfen können.

Das Interview führte Carsten Döpp.

(DR)

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