Eine Frau mit Kopfhörern
Eine Frau mit Kopfhörern

03.03.2021

Die Wiederentdeckung des Hörens "Das hat etwas Kontemplatives"

Nur Hören ohne Bilder? Das wurde schon oft totgesagt. Aber Hörspiele und neuere Formen wie Podcasts sind beliebter denn je. Zuletzt machte die App Clubhouse von sich reden. Am Mittwoch ist der Tag des Hörens.

Im Jahr 2021 boomt der Markt für Geschichten, Wissenswertes oder für Belangloses, die "nur" hörbar sind. Zuletzt gehypt wurde die App Clubhouse. Auf der Audio-Plattform können Menschen in digitalen "Räumen" diskutieren, sie sehen sich dabei nicht. So scheint es, dass der Song "Video killed the radio star" (Das Video hat den Radio-Star umgebracht), mit dem der Musiksender MTV sein Programm begann, 40 Jahre später überholt ist.

Wegen der Corona-Krise scheine die Lust aufs Hören sogar verbreiteter denn je, sagt der Berliner Kulturwissenschaftler Wolfgang Kaschuba. Raum- und Zeitverhalten hätten sich bei vielen seit einem Jahr diametral verschoben, erklärt er. Der vermehrte Drang zum Hören sei "Ausdruck einer komplizierten Änderung unseres Alltags". Vielen wird das vielleicht am 3. März noch einmal besonders bewusst. An dem seit 2007 begangenen Welttag des Hörens soll die Aufmerksamkeit auch auf die gelenkt werden, deren Gehör geschädigt ist.

Podcasts werden in der Corona-Zeit noch beliebter

Diesen Menschen fehle auch, dass das Hören in Corona-Zeiten zumindest das Gefühl gebe, neue Kontakte zu schaffen, meint Kaschuba. Dies sei besonders für diejenigen wichtig, die alleine lebten und in Zeiten von Homeoffice Arbeitskollegen oder Freunde nur noch auf dem Bildschirm sähen. Die neuen Kontakte könne man mit dem Kopfhörer sogar beim Spazierengehen "mitnehmen".

Zugleich komme das Hören von Podcasts in Corona-Zeiten dem großen Informationsbedürfnis vieler Menschen entgegen, meint der Wissenschaftler. Es kam sicher nicht von ungefähr, dass der NDR-Podcast mit dem Virologen Christian Drosten einer der beliebtesten im vergangenen Jahr war.

Stille ausfüllen

Ein weiterer Effekt, den die derzeitige pandemische Krise verursacht: "Corona wirkt wie Schneefall - es wird leiser", meint Kaschuba. Viele Menschen füllten diese Stille mit etwas Hörbarem aus. "Das hat gleichsam etwas Kontemplatives", sagt der Wissenschaftler. Es helfe vielen zu entspannen. Damit sei es auch eine Reaktion auf eine Überflutung durch ein Zuviel an Bildern. Nachweislich bleibt Gehörtes in der Regel auch besser hängen.

Grundsätzlicher wird Buchautor Thomas Sünder, wenn er das Hören einen unterschätzten Sinn nennt. Sünder weiß, wovon er spricht: Jahrelang reiste er als DJ durch die Republik, musste seinen Beruf dann aber nach einem Hörsturz aufgeben und beschäftigt sich seitdem mit diesem Sinn. Er verweist auf dessen bedeutende Rolle in der Kulturgeschichte des Menschen vor allem vor Erfindung der Schrift. "Das Wissen wurde vor allem durch Erzählungen weitergegeben", so Sünder. Das habe die Menschheit extrem geprägt und etwa die Entwicklung von Werkzeug gefördert.

Auf das Gehör achten

Zugleich ist Sünder auch die Verletzlichkeit des Organs bewusst. "Wir vergessen nur zu gerne, was wir unseren Ohren alles zumuten", so der Autor, der selbst seit dem Vorfall und einigen Schwindelattacken schwerhörig ist. Dabei nähmen künstliche Geräusche immer weiter zu. Der Kopfhörer verführe viele, die Lautstärke immer weiter zu erhöhen. Dabei verursachte Hörschäden seien in der Regel irreparabel. "Wenn die Hörzellen geschädigt sind, kann das nicht wieder geheilt werden."

Sünder trägt Hörgeräte und kommt damit gut zurecht. Seine Botschaft: Das Gehör so früh wie möglich testen zu lassen, wenn man etwa den Fernseher immer lauter drehen muss. In der Regel vergehe viel zu viel Zeit, ehe der Gang zum Hörgeräte-Akustiker führe. Die Folge: Das Gehirn versuche immer wieder auszugleichen, häufig führe das zu einer Überforderung. Außerdem leide auch der Gleichgewichtssinn. Für Sünder ist ein Schutz des Gehörs und rechtzeitiges Eingreifen sogar eine Versicherung dafür, geistig länger fit zu bleiben. Und so wirbt der Autor denn auch dafür, Hörgeräte gesellschaftlich nicht zu stigmatisieren, sondern sie ähnlich zu betrachten wie eine Brille - als Hilfsmittel für die Sinne.

Birgit Wilke
(KNA)

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