Junge schaut gelangweilt aus dem Fenster
Junge schaut gelangweilt aus dem Fenster

05.02.2021

Jugendliche leiden unter den Corona-Beschränkungen Wenn jeder Wochentag gleich ist

Besonders hart durch die Corona-Krise betroffen sind Jugendliche. Sie möchten rausgehen und sich mit Altersgenossen treffen und austauschen. Für viele ist der Alltag derzeit trostlos, erzählt der Kölner Sozialarbeiter Oliver Esser.

DOMRADIO.DE: Ganz allgemein: Wie sehr trifft die Corona-Pandemie die Jugendlichen?

Oliver Esser (Leiter "Offene Tür Nonni" in Köln-Ehrenfeld der katholischen Jugendagentur, KJA): Gerade die Jugendlichen sind, wenn ich mich da auf die Bundesfamilienministerin von gestern beziehen kann, vor allen Dingen in drei Bereichen sehr getroffen: In der Bildung, in der Berufsorientierung und dem sozialen Leben. Das spiegelt sich natürlich auch in unserer Arbeit und unseren Erfahrungen wieder. Die Freizeit der Jugendlichen, das Leben der Jugendlichen wird von großer Langeweile geprägt. Wir haben Jugendliche, die einen Tagesablauf wie folgt beschreiben: Wir stehen auf, machen zwei Stunden Homeschooling, essen, spielen im Internet, essen und gehen wieder schlafen - und das Tag für Tag.

Dementsprechend tritt eine unheimliche Langeweile auf. Zum Teil wird vergessen, welcher Wochentag ist. Man kommt völlig offen aus dem Lebensrhythmus.

DOMRADIO.DE: Jetzt hören wir ganz oft: Ach, die Jugendlichen, die missachten die Corona-Regeln. Die sind dann gerne mal als Supersspreader unterwegs. Ist da was dran? Wie erleben Sie das?

Esser: Ich kann das Umfeld hier in Köln-Ehrenfeld so ein bisschen beleuchten. Bei uns am Helmholtzplatz und drumherum ist alles sehr, sehr ruhig geworden. Es gibt keine Gruppierungen, kein Zusammentreffen mehr draußen. Es wird sich sehr an die Regeln gehalten, auch als wir noch geöffnet haben durften.

In der Einrichtung selber war die Akzeptanz eigentlich sehr groß, die Hygienemaßnahmen und die ganzen Restriktionen, die durch die Coronaschutzverordnung auferlegt wurden, einzuhalten. Ich kann nicht bestätigen, dass die Jugendlichen hier bei uns im Umfeld als Superspreader gelten würden, sondern sie sind im überwiegenden Maße sehr verantwortungsvoll mit der Situation umgegangen und tun es immer noch.

DOMRADIO.DE: Sie haben gerade geschildert, wie Langeweile den Alltag vieler Jugendlicher prägt. Was brauchen die jetzt am dringendsten?

Esser: Am dringendsten brauchen sie irgendeine Form von Beziehung. Das ist auch das, was wir zu leisten versuchen, solange wir die Jugendlichen noch erreichen können. Das geschieht meistens über die digitalen Kanäle, weil das die einzige Ausdrucksform im Moment ist, überhaupt soziale Kontakte aufrechtzuerhalten. Dementsprechend ist es ganz wichtig, da Beziehungen aufrechtzuerhalten, in Kontakt zu bleiben, über Sorgen und Nöte sprechen zu können, über Perspektiven sprechen zu können, Hilfestellungen zu leisten.

Das ist im Moment das, was die Jugendlichen brauchen, weil die einfach keine anderen Quellen haben, sich diese Bedürfnisse reinzuholen.

DOMRADIO.DE: Die sogenanten "Offenen Türen" sind im Moment wegen des Lockdowns zu. Sie haben gesagt, über digitale Wege versuchen Sie in Kontakt zu bleiben. Wie klappt das?

Esser: Mehr schlecht als recht, muss man sagen. Es hängt immer davon ab, wie der einzelne Jugendliche auf dieses Angebot anspricht. Wir sind täglich Online präsent. Wir haben eigene Chat-Räume über Discord. Wir sind in Kontakt über Instagram, Facebook, Tic-Toc und dergleichen. Aber natürlich ist eine große Zahl weggebrochen, die einfach kein Interesse haben, über so eine mit uns Art zu kommunizieren mit uns.

Unsere Grundlage ist, mit den Menschen von Angesicht zu Angesicht zu arbeiten. Es ist deshalb im Moment ein ganz schwieriges Arbeiten, auch ein anderes Arbeiten. Wir versuchen unser Bestes, um die Beziehung aufrechtzuerhalten. Bei denjenigen, die wir erreichen, ist es auch sehr wertvoll, dass wir da am Ball bleiben.

DOMRADIO.DE: Was wünschen Sie sich von der Politik? Sollten die die Jugendlichen noch viel mehr in den Blick nehmen bei ihren Corona-Beratungen?

Esser: Auf jeden Fall. Das wünsche ich mir sehr von der Politik, dass nicht nur über die Schulen und Kitas gesprochen wird, sondern über die "Offenen Türen", Sportvereine und dergleichen. Es ist auch deshalb wichtig, damit wir unseren gesetzlichen Auftrag - wir haben ja auch einen eigenständigen Bildungsauftrag - möglichst dann auch wieder aufnehmen können, wenn es die Schulen tun.

Wir dürfen mit den "Offenen Türen" nicht aus dem Blickfeld geraten, weil wir eine unheimlich wertvolle Schnittmenge bilden und gerade auch den Jugendlichen Hilfestellung bieten können sowie freizeitpädagogischen Angebote unterbreiten können. Ich appelliere an die Politik, die Jugendeinrichtungen mit in den Blick zu nehmen, wenn es wieder um Öffnung oder Teilöffnung der Schulen und Kitas geht, weil wir nämlich einen wichtigen Beitrag mit dazu leisten können, die Jugendlichen zu unterstützen.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(DR)

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