"Wir haben es satt!" - Bündnis fordert soziale Agrarwende
Landwirt mit einem Traktor auf dem Feld
Wilfried Theising
Wilfried Theising

04.01.2021

Kirche unterstützt Bauernproteste Für mehr Geld, Anerkennung und Naturschutz

Seit einigen Wochen protestieren Bauern in Deutschland gegen Ausbeutung. Für viele geht es um die Existenz. Die Kirche unterstützt die Landwirte - und befürchtet: Bis sich so viel ändert, dass es den Bauern besser geht, kann es noch dauern. 

DOMRADIO.DE: Was fordern die Landwirte konkret?

Weihbischof Wilfried​ Theising (Leiter des "Bischöflich Münsterschen Offizialats" in Vechta): Die Landwirte fordern vor allem eine gerechte Bezahlung für ihre Produkte. Das ist, glaube ich, im Moment ein wichtiger Punkt, aber auch insgesamt Anerkennung ihrer Arbeit. 

DOMRADIO.DE: "Die immer mehr werdenden Leistungen der landwirtschaftlichen Betriebe für das Gemeinwohl", das sind dann immer mehr Umwelt- und Nachhaltigkeitsstandards, die damit gemeint sind. "Die müssen deshalb auch von der Gesellschaft vergütet werden. Dafür wollen wir uns als katholische Kirche einsetzen", so heißt es weiter in dem offenen Brief, den Sie mitunterschrieben haben. Was konnten Sie denn seit dem Sommer schon bewirken oder was wollen Sie bewirken? 

Theising: Also wir haben zumindest eine sehr positive Resonanz bekommen seitens der Landwirte. Aber auch insgesamt aus der Bevölkerung. Viele haben sich gefreut, dass wir den Landwirten da Mut gemacht haben und gezeigt haben, dass wir sie unterstützen wollen. Es gibt bei uns einen runden Tisch zum Beispiel, wo wir dann Fragen des ländlichen Raums gemeinsam besprechen. Das sind so einige Initiativen. Es muss natürlich noch mehr werden aus meiner Sicht. 

DOMRADIO.DE: Ist das auch das, was die Landwirte Ihnen zurückspiegeln: wir brauchen mehr Unterstützung, wir brauchen da Hilfe?

Theising: Ja, auf jeden Fall. Denn die Landwirte wollen nicht nur einfach Geld verdienen, sie wollen auch die Natur schützen. Da sind sie selber mit dabei. Sie wollen ja nicht in einer kaputten Welt nachher arbeiten. Da sind Landwirte die ersten, die auch den Naturschutz wollen. Aber das muss natürlich auch entsprechend entlohnt werden. Man kann den Landwirten nicht alleine die Verantwortung überlassen und dann gleichzeitig erwarten, dass Lebensmittel immer billiger werden. 

DOMRADIO.DE: Sie sprechen ja auch von den Existenzsorgen der Landwirte. Wie kann es in einer so hochentwickelten und reichen Gesellschaft, in der wir leben, denn dazu kommen? Das riecht ja irgendwie doch dann verdächtig nach einem Fehler im System. 

Theising: Ja, es kommen, glaube ich, verschiedene Punkte zusammen. Wir haben im Moment sehr viele Probleme über Jahre bekommen durch die Trockenheit. Da kann man sich natürlich auch fragen: Wie entsteht die? Da gibt es sicher viele Antworten. Aber erst mal sind die Landwirte unmittelbar davon betroffen, haben enorme Einbußen, weil sie kein Futter haben oder weil sie Futter zukaufen müssen. Das ist sehr teuer und wir haben vor allem da, wo die Schweineproduktion vorherrscht, große Probleme, weil jetzt durch die Schweinepest bei den Wildschweinen in Brandenburg die Sperren in vielen anderen Ländern erfolgen und einfach der Absatz von Fleisch stockt. Das geht bis dahin, dass in unseren Ställen bis kurz vor Weihnachten, glaube ich, an die 700.000 Tiere zusätzlich waren, die längst schon hätten geschlachtet sein müssen. 

DOMRADIO.DE: In erster Linie richtet sich die Kritik der Bäuerinnen und Bauern vor allem aus Norddeutschland, ja auch an den Einzelhandel, wenn ich das richtig gelesen habe. Wo ist da das Problem? Wer ist da jetzt tatsächlich am Zug, damit etwas verändert werden muss? 

Theising: Ja, Sie haben ja sicher auch mitbekommen, dass da jetzt verschiedene Discounter bestreikt worden sind von den Landwirten, weil einfach dann auch radikale Preissenkungen angekündigt worden sind, zum Beispiel bei der Butter. Das hat natürlich einen Einfluss auf den Milchpreis, der eh schon ziemlich miserabel ist. Und dann werden die Landwirte einfach vor vollendete Tatsachen gestellt und müssen mit deutlichen Einbußen leben. Das können die auf Dauer nicht. Das macht die Betriebe einfach kaputt. 

DOMRADIO.DE: Jetzt gab's da ja ein erstes Entgegenkommen, könnte man sagen, nach tagelangen Blockaden - zum Beispiel eines Aldi-Lagers in Hesel. Ist da Ihrer Meinung nach jetzt eine Lösung in Sicht? Bewegt sich da der Lebensmitteleinzelhandel? 

Theising: Also da bin ich vielleicht nicht nah genug dran, um das so deutlich beurteilen zu können. Ich glaube, dass das noch nicht so schnell der Fall sein wird. Sondern ich denke, da müssen die Landwirte insgesamt nachlegen. Da wird man auch nachher abseits der Streiks verhandeln müssen. Ich glaube, das kann man jetzt nicht mit Einzelaktionen hinbekommen, sondern da müssen langfristig Verträge ausgehandelt werden und es muss versucht werden, dass die Landwirte wirklich einen fairen Preis bekommen, mit dem sie leben können. 

DOMRADIO.DE: In Bezug auf dieses Thema: Was ist Ihre große Hoffnung für 2021? 

Theising: Dass wir erst mal was die Großwetterlage angeht, eine Verbesserung bekommen. Und mit Großwetterlage meine ich auch die Natur, dass wir genügend Regen haben werden, das ist ganz wichtig. Aber auch, dass wir auch in der Gesellschaft einen Schritt vorankommen. Das ist natürlich jetzt unter Corona-Bedingungen schwierig, weil viele auch mit anderen Sachen beschäftigt sind. Wenn es nicht 2021 klappt, dann spätestens 2022. Aber ich glaube, wir müssen am Ball bleiben, damit nicht reihenweise Höfe sterben. 

(DR)

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