Fast jede vierte Tafel wegen Corona geschlossen
Tafel-Mitarbeiter verteilen Lebensmittel

15.09.2020

Seit 25 Jahren gibt es den Dachverband der Tafeln Zwischen Überfluss und Mangel

Längst kommen auch Flüchtlinge und Rentner: An den Ausgabestellen der Tafeln in Deutschland haben die meist ehrenamtlichen Helfer viel zu tun. 25 Jahre nach Gründung des Dachverbands der Tafeln scheinen sie wichtiger denn je.

Es ist eine Idee, die vor allem durch ihre Einfachheit besticht: Unternehmen produzieren Überschüsse, bei sozial Bedürftigen fehlt es am Monatsende oft am Notwendigsten. Warum also nicht einfach überflüssige Lebensmittel an diese Bedürftigen verteilen? Anfang der 1990er Jahre fing eine Berliner Fraueninitiative an, diese Idee umzusetzen und gründete 1993 in der Stadt eine Initiative dafür: Das war die Geburtsstunde der ersten Tafel. Vorbild waren ähnliche Initiativen in den USA.

Mehr als 900 sind im Laufe der Jahre dazugekommen. 60.000 Ehrenamtliche engagieren sich dafür und helfen rund 1,5 Millionen Menschen, monatlich über die Runden zu kommen. Getragen werden die Tafeln von Wohlfahrtsverbänden und Bürgervereinen. Und seit inzwischen 25 Jahren gibt es den Dachverband der Tafeln, der sich mit seinen Mitarbeitern vor allem um die Logistik kümmert.

Lob und Kritik

Bei allem Lob gibt es seit einigen Jahren auch Kritik an der sogenannten Tafel-Bewegung. Hauptvorwurf ist, dass sich die Tafeln von ihrem ursprünglichen Ansatz als Notlösung entfernt hätten und der Politik inzwischen als eine Art Alibi dienten.

Einer der größten Kritiker ist der Sozialwissenschaftler Stefan Selke. Ihm gehe es nicht um Ja oder Nein, betont der Wissenschaftler immer wieder. Die Tafeln, die sich um bedürftige Menschen kümmern, leisteten im Prinzip wertvolle Arbeit. Wirklich notwendig seien aber politische Lösungen wie eine armutsvermeidende Mindestsicherung, so Selke. Seiner Initiative "Kritisches Aktionsbündnis 20 Jahre Tafeln" schlossen sich auch einzelne Verbände von Caritas und Diakonie an.

Die Tafeln kontern: Natürlich müsse die Bewegung aufpassen, sich nicht vereinnahmen zu lassen - nicht von der Politik, nicht von Lebensmittelketten, so argumentieren sie. Und natürlich hätten sie im Laufe der Jahre Fehler gemacht und dazu gelernt. Zugleich betont der Bundesverband, dass die Tafeln nie den Anspruch gehabt hätten, eine Vollversorgung zu bieten; das sei eindeutig Aufgabe des Staates.

Stattdessen wollten die Tafeln Menschen ermöglichen, sich vielleicht auch mal eine kulturelle Veranstaltung leisten zu können.

Stark veränderte Kundenstruktur

Zudem habe sich die Struktur der Kunden in den vergangenen Jahren stark verändert, so der Vorsitzende des Bundesverbandes der Tafeln in Deutschland, Jochen Brühl. Zu Beginn hätten die Tafeln schwerpunktmäßig Obdachlose unterstützt, dann seien Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion gekommen. Schon vor dem Sommer 2015 hätten vermehrt Flüchtlinge Hilfe gesucht. Von daher seien die Tafeln ein "Seismograph" der Gesellschaft.

Dass einzelne Tafelverbände mitunter auch zu rigorose Maßnahmen greifen, wurde zuletzt vor zwei Jahren sehr deutlich. Damals erklärte die Essener Tafel, sie wolle nur noch Bedürftige mit deutschem Pass neu in ihre Kartei aufnehmen. Grund sei, dass der Anteil der Migranten zuletzt auf drei Viertel gestiegen sei. Brühl distanzierte sich von der Maßnahme. Während des Corona-Lockdowns und auch danach zeigten sich viele Tafeln flexibel, verpackten die Lebensmittel in Tüten und brachten sie direkt zu den Bedürftigen.

Für Sabine Werth, die vor 27 Jahren zu der Fraueninitiative gehörte, ist die Tafel-Bewegung so etwas wie ein Lebenswerk. Und im Laufe der Jahre hat sie gelernt, mit Kritik gelassener umzugehen. Viele Menschen, die die Tafeln aufsuchten, kämen, weil die Einrichtung auch aus einem anderen Grund zu einer wichtigen Anlaufstelle geworden seien. Dort hätten sich wertvolle Begegnungen ergeben, seien Freundschaften entstanden, so die 63-jährige Tafel-Gründerin.

Werth war es auch, die vor rund 15 Jahren eine weitere Initiative der Tafel ins Leben rief: Um die gesammelten Lebensmittel schneller zu verteilen, wandte sie sich an Berliner Kirchengemeinden. Inzwischen gibt es über 40 Ausgabestellen, deren Hilfe rund 50.000 bedürftige Berliner in Anspruch nehmen. Dieses Modell hat Schule gemacht. Auch in anderen Großstädten wie Hamburg oder Köln greifen die Tafeln inzwischen auf Kirchengemeinden oder andere soziale Einrichtungen als Ausgabestellen zurück.

Birgit Wilke
(KNA)

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