Kreuz auf dem Ehrenfriedhof in Kastel-Staadt
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Zerstörtes Köln
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Käthe Kollwitz, Mahnmal Trauernde Eltern
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Soldaten in der Zeit des Zweiten Weltkriegs
Soldaten in der Zeit des Zweiten Weltkriegs
Mädchen aus einem Flüchtlingstreck
Mädchen aus einem Flüchtlingstreck

03.05.2020

Historiker über den Alltag zum Ende des Zweiten Weltkriegs "Der Glaube an Gott war eine verbreitete Grundhaltung"

In ihrer ersten TV-Ansprache zu Corona bezeichnete Bundeskanzlerin Angela Merkel die Krise als die größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg. Ist da was dran? Historiker Jürgen Brautmeier blickt auf den Alltag am Ende des Zweiten Weltkriegs.

DOMRADIO.DE: Auch wenn dieser Vergleich Krieg-Corona natürlich hinkt - der Zweite Welkkrieg hat Millionen von Toten gefordert, die Corona-Krise bisher mehrere Tausend: Was denken Sie, wenn Sie diesen Vergleich hören? 

Professor Jürgen Brautmeier (Historiker und Publizist):  Ich denke auch oft darüber nach, und ich denke, der Krieg und das Kriegsende insbesondere waren eine Katastrophe: Der Krieg hat viele Menschenleben gefordert, es gab eine große Verzweiflung, keine Perspektiven. Da ist die Corona-Krise, die wir jetzt haben - in der Tat soll man das nicht relativieren - "nur" eine Krise. Eine Katastrophe ist etwas anderes.

DOMRADIO.DE: Wenn wir uns Deutschland in den letzten Kriegstagen angucken, das Frühjar 1945: Wie sah da so der Alltag aus? Gab es wirklich nur Angst und Bombenalarm oder gab es auch eine andere Seite?

Brautmeier: Es gab auch eine andere Seite. Angefangen bei den Kindern, die manchmal, wenn der Bombenangriff vorbei war, wieder draußen spielten, als wenn nichts gewesen wäre - das wissen wir aus Erinnerungsberichten - bis hin zu den Erwachsenen, die, so merkwürdig sich das anhört, zuversichtlich in die Zukunft blickten, weil sie Gottvertrauen hatten und glaubten, dass es irgendwann besser würde. Sie glaubten, dass irgendwann Erlösung da sei - wenn nicht in dieser Welt, dann vielleicht im Jenseits. Der Glaube an Gott und an die Schutzfunktionen der Mutter Gottes waren sehr stark ausgeprägt.

DOMRADIO.DE: Bei uns machen die Schulen langsam wieder auf, Büros und Geschäfte zum Teil auch. Wie sah das 1945 aus?

Brautmeier: Das sah total anders aus. Die Schulen waren schon seit Oktober '44 geschlossen - in Köln oder in Neuss, aber auch in anderen Städten. Schon vorher hatte es Verlagerungen von Schulklassen gegeben. Es gab die Kinderlandverschickung. Da waren die Eltern, die getrennt waren, weil die Mutter mit den Kindern in der Evakuierung waren und der Vater zuhause bleiben musste, weil er eine kriegswichtige Funktion hatte - und sei es bei den städtischen Verkehrsbetrieben.

In dieser Zeit sind unheimlich viele Briefe hin- und her gegangen. Die Post funktionierte nicht gut, aber sie funktionierte. Und aus diesen Briefen kann man sehr viel über das Alltagsleben - in Familie, Schule, Evakuierung - und die Gefühle, die man hatte, herauslesen. Das ist eine ganz faszinierende Quelle, wenn man noch solche Briefe hat.

DOMRADIO.DE: Sie haben ja einige davon durchgelesen. Greifen Sie mal ein paar Geschichten heraus. Was liest man da?

Brautmeier: Man liest sehr viel über die Alltagssorgen, über die Versorgung, die Lebensmittelmarken. Man liest, dass die Verwandten auch in Evakuierung geschickt worden sind und darüber, was sie dort erlebt haben. Man liest aber auch, meist am Ende, Appelle wie: "Halte durch!", "denk an uns!", "wir werden uns wiedersehen", "die Muttergottes achtet auf uns", "nicht mutlos werden", "mit Gottvertrauen in die Zukunft blicken". Das sind Indizien dafür, dass die Leute, wie gesagt, sehr tief im Glauben verankert waren. Nicht alle, aber doch nennenswert mehr, als das heute der Fall ist. Obwohl die Kirchen wieder einen großen Stellenwert haben und viele Leute gern in die Kirchen gehen, sobald sie wieder geöffnet sind.

DOMRADIO.DE: Kann man sagen, die Leute wenden sich in der Krisenzeit dem Glauben zu? Ist das so einfach runterzubrechen?

Brautmeier: Sie waren damals tief im Glauben verwurzelt. Heute mag es sein, dass durch die Erfahrung, die wir in dieser Krise erleben, der eine oder andere doch wieder zum Glauben, zum tieferen Glauben findet. Aber das will ich nicht überbewerten. In der damaligen Zeit war das eine Grundbefindlichkeit. Gerade im katholischen Rheinland, im schwarzen Köln, Neuss und anderen Städten war eine viel verbreitete Grundhaltung in der Bevölkerung der Glaube an Gott.

DOMRADIO.DE: Und was liest man darüber?

Brautmeier: In der Literatur gibt es noch nicht so viel darüber zu lesen, weil diese Alltagsgeschichte die Geschichte "von unten" zwar mehr und mehr erforscht wird, aber oft die Quellen fehlen. Wir kennen alle die Geschichte "von oben" - die große Geschichte, die politische Geschichte. Aber die Alltagsgeschichte wird erst seit Mitte der 1980er Jahre viel intensiver erforscht, als das bis dahin der Fall war. Und deswegen gibt es einiges an Zeugnissen gerade aus Köln - die Kölner Stadtgeschichte ist da sehr ausgeprägt. Wer da Genaueres wissen will, findet sicherlich etwas.

DOMRADIO.DE: Die Bilder vom zerbombten Köln sind bekannt. Das Einzige, was da von der Innenstadt noch zu sehen ist, ist der Kölner Dom. Was hat sich denn in diesen Tagen in der Kölner Innenstadt abgespielt?

Brautmeier: Es war eine Trümmerwüste. Nach über 260 Angriffen aus der Luft in diesen letzten Kriegsjahren, waren 40 bis 60 Prozent der Wohnungen total zerstört. Das muss man sich mal vorstellen! Die Leute hatten kein Dach mehr auf dem Kopf. Auch in kleineren Städten sah es nicht viel besser aus. In manchen Städten wie Düren oder Jülich war die Zerstörung noch viel größer, da lag sie bei 80 Prozent. Und deshalb war das überhaupt nicht vergleichbar mit dem, was in anderen historischen Phasen passiert ist. Diese Zerstörung, dieses Chaos, war etwas Einmaliges. Und da ist jeder Vergleich falsch und fehl am Platz.

DOMRADIO.DE: Und wie sah das kirchliche Leben aus? Haben dann Gottesdienste auch nicht mehr stattgefunden?

Brautmeier: Erstaunlicherweise gab es das, dass an der einen oder anderen Stelle. Das kann ich aus den Briefen herauslesen. In Kön etwa wurden immer noch Messen gefeiert. Und sei es in einer Krypta oder in Behelfskirchen, die man in Krankenhäusern et cetera hatte. Die Leute gingen dorthin, nicht in Scharen - das war viel zu gefährlich - aber das gab es. Die Kirche und die Funktion der Priester in dieser Zeit war eine ganz, ganz wichtige. Sie waren Anker, ja für viele der Rettungsanker. 

Das Gespräch führte Renardo Schlegelmilch.

(DR)

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