In seinem Element: Pfarrer Franz Meurer hilft bei der Essensausgabe der Kölner Tafel
In seinem Element: Pfarrer Franz Meurer hilft bei der Essensausgabe der Kölner Tafel

13.03.2020

Wie Pfarrer Meurer im Kleinen die Kirche rettet "Beten allein reicht nicht"

Ein wohltuender Ton im immer lauter werdenden Krisenchor: Der Kölner Sozialpfarrer Franz Meurer lebt vor, was es heißt, wenn er sagt: "Die Menschen sind nicht für die Kirche da, sondern die Kirche für die Menschen."

DOMRADIO.DE: Was hat die Currywurst mit Glaube und Gott zu tun?

Pfarrer Franz Meurer (Pfarrer der Kirchengemeinde Höhenberg Vingst): Das ist ein Zitat von einer evangelischen Pastorin beim Evangelischen Kirchentag. Der Verlag will das Buch natürlich nicht nur in Köln verkaufen, sonst hätten wir auch Flönz (Blutwurst, Anm. d. Red.) sagen können. Currywurst kommt eben bundesweit besser rüber.

DOMRADIO.DE: Dabei geben Sie auch ganz praktische Tipps in dem Buch. Man erfährt sogar, wo man wie günstig Würstchen kriegt. Das ist aber Bestandteil des ganzen Konzepts der Arbeit Ihrer Pfarrei, oder?

Meurer: Meine Idee ist, dass Menschen sich beteiligen wollen. Zum Beispiel, wenn Kinder selber Würstchen überm Feuer braten. Dann muss man die richtigen Würstchen haben und so ein ganz spezielles Instrument, damit die Würstchen nicht runterfallen. Enttäuschung ist da, wenn man Kindern nur einen Stock zum Würstchenbraten gibt und die dann zu hundert Prozent ins Feuer fallen. Also Partizipation. Im Letzten nimmt Gott ja auch an unserem Leben Anteil. Das ist das erste: dass wir aneinander Anteil nehmen. Das zweite: "Der Alltag ist der Weg zu Gott", wie der Heilige Franz von Sales sagte. Teresa von Avila sagte: "Beim Spülen vollziehst du Gottesdienst." Das heißt, die scheinbar niederen Dinge machen uns demütig.

DOMRADIO.DE: Wieso kommt das so gut an?

Meurer: Man kann nicht mehr wie früher sagen: "Ich bin Pastor und sag' euch, was ihr machen sollt." Die Menschen wollen alle ihre Meinung sagen. Keiner hat etwas dagegen, dass es den Priester oder den Bischof gibt. Aber alle wollen auch etwas zu sagen haben. Deswegen lautet der Grundsatz bei uns: "Wer es macht, hat die Macht." Das bedeutet möglichst viel agiles Management. Das heißt, jeder ist Akteurin oder Akteur.

DOMRADIO.DE: Sie gehen die Probleme, die die Menschen haben, ganz praktisch an und finden erstaunlich leicht Lösungen. Könnte das nicht jeder so machen?

Meurer: Unser Grundsatz ist: so viel Ökumene wie irgendwie geht. Ökumenisch ist doppelt so gut und halb so teuer. Vikare gibt's nicht mehr, der Kaplan ist schon seit 15 Jahren weg. Also ist die evangelische Jugendleiterin unser Kaplan. Wir machen für die Jugendlichen sehr, sehr viel zusammen. Nebenbei: Ökumene stärkt die Konfession. Es will doch kein Messdiener evangelisch werden. Der will die Jugendleiterin eher ärgern und umgekehrt.

DOMRADIO.DE: Welchen Tipp geben Sie anderen Pfarrern, die Ihr Konzept gerne auch bei sich machen würden?

Meurer: Am Schluss des Buches gibt es zwölf konkrete Tipps. Zum Beispiel: Macht so viel Ökumene wie möglich! Oder: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Man muss sich einmischen. Oder: Wer es macht, hat die Macht. Das heißt, jeder muss Macht haben. Oder: So viel Demokratie in der Kirche wie irgendwie möglich. Die Kirche ist grundsätzlich demokratisch UND hierarchisch. Und so katholisch wie möglich. Katholisch heißt aber immer "et et" - sowohl als auch, nicht "aut aut" - dies oder jenes. 

DOMRADIO.DE: Die Kirchen voll haben zu wollen sei das falsche Ziel, sagen Sie. Was ist denn das Ziel?

Meurer: Das richtige Ziel ist, den Menschen zu nützen. Deswegen wird Christus Mensch, Inkarnation. Und zwar nicht nur als Bote. Der kommt nicht mal so auf Inspektionsreise vorbei. Nein, er wird wirklich Mensch, ganz Gott und Mensch zugleich. Und das muss man spüren. Zum Beispiel wenn die Erstkommunion anfängt, steht vorne eine Schatzkiste, und in der Kiste ist das Wertvollste, was es auf der Welt gibt. "Gold", ruft einer. Ein anderer sagt philosophisch: "Luft, Wasser". Frauen sagen dann oft: "die Liebe und die Bibel". Nein, es ist ein Kind darin und zwar ein echtes. Nachher wollen alle Kinder rein. Das ist so eine alte Aussteuerkiste, wo ein Kind von neun Jahren gut reinpasst. Das ist unsere Botschaft, das müssen wir Erwachsene rüberbringen: Jedes Kind ist mehr wert als alles Gold der Welt. Und ihr Kinder müsst Kommunion rüberbringen, Communio, Gemeinschaft, ab jetzt null Mobbing. Dann machen wir eine Abstimmung, wer dabei ist. Und dann sind natürlich alle dabei. Wie im Kommunismus, ist ja klar. (lacht)

DOMRADIO.DE: Haben Sie noch ein Beispiel?

Meurer: In der Apostelgeschichte steht, "Gott führte zu ihnen jeden Tag die, die er retten wollte. Und sie verkauften alles, was sie besaßen, teilten es und gaben es den Armen" und "Jeden Tag kamen sie, zusammen, brachen das Brot und lebten in Eintracht miteinander." Das ist vielleicht nur eine Vision. Ob das damals so stimmte? In Korinth gab es schon vier Parteien, die sich gegenseitig bekämpft haben. Das gehört auch dazu. Die Frage ist, wie man mit Krach umgeht.

DOMRADIO.DE: In den Kölner Stadtteilen, in denen Sie tätig sind, leben viele Menschen, denen es nicht so gut geht und die wenig Geld haben. Ist da die Kirche die richtige, die ihnen hilft?

Meurer: Zum Glück sind wir die entscheidenden Kulturträger. Die meisten Menschen bei uns sind Muslime. 74 Prozent der Kinder haben einen Migrationshintergrund. Und zum Glück kapieren die Menschen, was Kardinal Meisner knallhart ausgedrückt hat: "Liturgie ohne Diakonie ist Götzendienst." Das heißt, wer nur in die Kirche geht und betet, der hat ein Problem. Man kommt ja übrigens nicht in den Himmel durch Rosenkranzbeten oder den Kirchenbesuch, sondern durch die gute Tat.

DOMRADIO.DE: Was machen Sie für Erfahrungen? Wie reagieren die Menschen darauf, wie es bei Ihnen läuft?

Meurer: Ich will auch ein schönes und glückliches Leben haben. Also muss ich das machen, was den Menschen nützt. Bei uns ist es so: Wir halten zusammen. Es gibt 583 Schlüssel, jeder kann über Geld und Fahrzeuge verfügen. Von daher hab' ich wenig Last, weil die verteilt ist.

DOMRADIO.DE: Sie sprechen von einem Servicegedanken. Ist die Kirche also ein Dienstleister an den Menschen?

Meurer: Unbedingt. In seinem Fastenhirtenbrief sagt unser Erzbischof: "Evangelisierung ist das Wichtigste. Freude an der Evangelisierung noch wichtiger". Und er sagt sogar: "Notfalls auch mit Worten". Dieses wunderbare Franziskus-Zitat "Verkündet das Evangelium notfalls auch mit Worten". Das heißt, zuerst einmal durch Taten. Service ist, wenn man angelächelt wird, wenn man sein Kind in der Kirche wickeln kann, wenn man auch Toiletten findet. Wenn einem zur Begrüßung ein Gebetbuch und die neuesten Informationen gegeben werden, wenn man so beschallt wird in der Predigt und in der ganzen Messe, dass man es verstehen kann. Das heißt, Servicedienst ist eigentlich ganz zentral. Übrigens: Das spezielle Priestertum ist ein "servicium", sagt das Konzil, ein Dienst für die anderen. Man darf nur nie sagen: "Mein Amt ist ein Dienst". Dann glauben die Menschen das nicht mehr. Man muss den Dienst vollziehen. 

DOMRADIO.DE: Ist das die Antwort auf die Krise, in der die Kirche steckt?

Meurer: Das finde ich ein bisschen hochgestochen. Aber ich will es mal so sagen: In der Kirche ist es immer auf- und abgegangen. Wir sind im Moment in einer Situation, wo zum Beispiel der Kirchenbesuch für die meisten Menschen nicht mehr an jedem Sonntag ansteht. Wir haben die Kirche immer voll, aber jedes Mal mit einem etwas anderem Publikum. Also ist das völlig normal. Wenn man Familie hat und es ist mal schönes Wetter, muss man doch auch mal ins Schwimmbad gehen. Oder wenn die Oma Geburtstag hat und die weit weg wohnt, muss man doch da hin!

Mir ist wichtig, von den Menschen her zu denken und dann etwas zu tun, was ihnen auch zu einer spirituellen Erfahrung verhilft. Wir haben natürlich auch ganz fromme Sachen. Wir haben gerade eine neue geistliche Gemeinschaft begründet. Bei uns sind fünf junge Menschen, die sich als "La familia", als christliche Wohngemeinschaft, verstehen. Da ist eben schön zu sehen: Es gibt Verschiedenes beieinander und diese Vielfalt ist der richtige Dienst. Oder multireligiöse Feiern nach Vorschrift der Bischofskonferenz. Es ist doch wichtig, dass die Muslime mit uns zusammen in der Kirche sind. Gott, der Barmherzige. Allah, der Barmherzige. Das heißt, wir müssen etwas machen, was die Menschen zusammenführt.

DOMRADIO.DE: Das alles braucht Mut oder eine gewisse Haltung, die Sie haben. Woher nehmen Sie das?

Meurer: Ich finde mich gar nicht mutig. Ich finde das normal, denn Glaube ist für mich zuerst mal, wie Papst Benedikt sagt "Freiheit pur". Glaube ist immer ein Geschenk, den kann man nicht machen. Man kann sich anstrengen, wie man will. Dann wächst der Glaube nicht. Man kann einen kleinen Beitrag leisten, da bin ich dabei. Aber dann schenkt einem Gott die Erfahrung seiner Nähe.

Das Interview führte Katharina Geiger.

(DR)

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