Zwei Kinder in Uganda
Zwei Kinder in Uganda
China Keitetsi als 19-jährige Kindersoldatin
China Keitetsi als 19-jährige Kindersoldatin
China Keitetsi spricht heute über ihre Erlebnisse als Kindersoldatin
China Keitetsi spricht heute über ihre Erlebnisse als Kindersoldatin
China Keitetsi mit dem damaligen Papst Benedikt XVI.
China Keitetsi mit dem damaligen Papst Benedikt XVI.

12.02.2020

"Red Hand Day" gegen den Einsatz von Kindersoldaten Mädchen in Doppelrolle als Opfer und Täterin

Mädchen sind in Krisenregionen mehrfach Gefahren ausgesetzt: Sie werden zwangsrekrutiert, zum Töten gezwungen oder selbst getötet und in der eigenen Truppe missbraucht. Ein Weltaktionstag macht auf ihr Schicksal aufmerksam.

DOMRADIO.DE: Warum heißt der Weltaktionstag gegen den Einsatz von Kindersoldaten "Red Hand Day"? 

Jörg Nowak (Katholisches Hilfswerk missio): Es gibt eine symbolische Mitmachaktionen: Menschen in Deutschland und anderen Ländern sind dazu aufgerufen, ihre Solidarität mit einem roten Handabdruck zu zeigen. Bislang haben weltweit fast eine halbe Million Menschen mitgemacht. Das ist eine symbolische Aktion, mit der wir unsere Solidarität zeigen wollen, dass wir diese 250.000 Kindersoldaten nicht aus dem Blick verlieren, nicht im Stich lassen und uns dafür engagieren, dass die Zahl niedriger wird und dass es langfristig gar keine Minderjährigen mehr gibt, die in Kriege ziehen müssen.

DOMRADIO.DE: Deutsche Hilfsorganisationen prangern den Einsatz von Kindersoldatinnen an. Es sei höchste Zeit, auf das dramatische Schicksal der Mädchen aufmerksam zu machen, deren Anteil je nach Konflikt zwischen fünf und 20 Prozent der eingesetzten Kindersoldaten schwanke. Warum ist deren Situation besonders bedrückend?

Nowak: Mädchen, die von Rebellen oder von irgendwelchen Regierungsarmeen zum Töten gezwungen werden, haben die Feinde faktisch an zwei Seiten. Einerseits werden sie als Kanonenfutter aufs Schlachtfeld geschickt und haben die gegnerischen Truppen als Feinde. Wenn sie dann von diesen Konflikten wieder zu den Rebelleneinheiten zurückkehren, dann sind die eigenen sogenannten Kameraden die größten Feinde, weil diese Mädchen häufig vergewaltigt werden und als Sexsklavinnen missbraucht werden. Sie sind sozusagen umzingelt von dem Bösen und genießen noch nicht einmal innerhalb der Einheit, in der sie zwangsrekrutiert wurden, irgendeinen Schutz. Und das ist natürlich besonders tragisch.

DOMRADIO.DE: Sie haben für missio über längere Zeit die ehemalige Kindersoldatin China Keitetsi aus Uganda begleitet. Welche Traumata schleppt so eine Kindersoldatin mit sich herum?

Nowak: Das erste ist, als kleines Mädchen in Lebensgefahr zu sein und um das Leben zu fürchten. Es ist das erste Trauma. Das zweite ist diese absurde Doppelrolle, einerseits Opfer und Täterin zu sein, wenn man in diesen Krieg geschickt wird. China Keitetsi ist von den eigenen Soldaten mehrfach vergewaltigt worden. Zwei Kinder sind nach diesen Vergewaltigungen geboren worden. Sie konnte damals, als sie als Kindersoldatin hart kämpfen musste, sich gar nicht um diese Kinder kümmern. Erst als ihr dann nach langer Zeit die Flucht gelang, inzwischen lebt sie in Europa, ist sie wieder mit diesen Kindern zusammen gekommen. Man kann jetzt sagen, es ist eine kleine, glückliche, harmonische Familie.

Das war aber ein langer, schwerer Weg. Ich fand es sehr beeindruckend, wie sich über die Jahre hinweg, die ich China Keitetsi kennengelernt und begleitet habe, eine Veränderung durch wichtige kirchliche Partner doch möglich ist, die seelsorgerische Arbeit und Traumaarbeit leisten. So schrecklich dieses Thema auch ist, können solche ehemaligen Kindersoldaten doch wieder in ein weitestgehend normales Leben zurückgeführt werden. Deswegen sind auch solche entsprechenden Hilfsprojekte wie von missio ganz wichtig. An China Keitetsi habe ich das hautnah gespürt, wie stark sie sich verändert hat.

DOMRADIO.DE: Worauf kommt es bei Projekten in solchen Krisenregionen wie zum Beispiel Ostkongo an?

Nowak: Ich würde gerne das Beispiel von einem Projekt der Aktion Schutzengel im Kongo nennen. Da gibt es eine deutsche Projektpartnerin von missio, Ingrid Janisch, die sich um 110 ehemalige Kindersoldaten kümmert. Die betreuen die Kinder psychologisch, haben aber auch einen ganz interessanten Ansatz. Sie sagen: Wir müssen sie wieder in ein normales Leben zurückführen. Sie haben dort kleine Gärten mit Pflanzen und Tieren. Die ehemaligen Kindersoldaten kümmern sich um die Gärten und Tiere, pflanzen Sträucher und Bäume.

Das ist neben der psychologischen Betreuung eine Zurückführung in ein ganz normales Leben, dadurch dass sie für eine Ziege oder für einen Truthahn Verantwortung übernehmen. Und missio ruft dazu auf, diese Traumaarbeit finanziell zu unterstützen. Aber wir brauchen auch diesen kleinen Tierpark dort. Die ehemaligen Kindersoldaten haben das Vertrauen in die Menschen verloren, sind von den Erwachsenen missbraucht worden, die für die schrecklichsten Gräueltaten verantwortlich sind. Wenn sie dann die Fürsorge für ein Tier übernehmen, kann das bei der Traumabewältigung helfen. Dadurch können sich diese ehemaligen Kindersoldaten öffnen.

(DR)

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