Ein Jahr nach Dammbruch an Eisenerzmine in Brasilien
Ein Jahr nach Dammbruch an Eisenerzmine in Brasilien
Schlammlawine nach einem Dammbruch in Brasilien
Schlammlawine nach einem Dammbruch in Brasilien

27.01.2020

Ein Jahr nach dem Dammbruch in Brasilien Taktische Spielchen zwischen TüV und Bergbaukonzern

Ein Jahr nach dem Dammbruch an einer Eisenerzmine in Brasilien klagt die Staatsanwaltschaft die Betreiberfirma, die Tochtergesellschaft von TüV Süd sowie Mitarbeiter der Unternehmen wegen Mordes in 270 Fällen an. Droht ein Spiel auf Zeit?

DOMRADIO.DE: Als am 25. Januar 2019 in der Kleinstadt Brumadinho der Damm einer Eisenerzmine brach, riss binnen Sekunden eine Schlamm- und Gerölllawine Menschen, Häuser und Tiere mit sich. Über 270 Menschen kamen dabei ums Leben. Von elf Verschütteten fehlt bis heute jede Spur. Dabei hatte nur wenige Wochen zuvor der TüV den Damm noch kontrolliert und für sicher befunden. Wie kann es sein, dass Ingenieure des brasilianischen Tochterunternehmens von TüV Süd diesen Damm prüfen, nichts beanstanden, ihr Gutachten ausstellen, die Betriebsgenehmigung erteilt wird und dann diese Katastrophe passiert. Was steckt dahinter?

Susanne Friess (Bergbauexpertin beim katholischen Entwicklungswerk Misereor): Der TüV hat diesen Damm ein halbes Jahr vor dem Bruch geprüft und ein Zertifikat dafür ausgestellt. Dem ging aber ein längerer Prozess voraus. Es ist nicht so, dass dieser Dammbruch für den TüV überraschend kam, sondern die TüV-Ingenieure waren sich sehr bewusst, dass es Probleme an dem Damm gibt, und haben auch versucht, diese zu beheben.

Die Ingenieure haben alle verschiedene Empfehlungen gegenüber dem Bergbaukonzern ausgesprochen und waren beratend tätig. Diese ganzen Maßnahmen haben aber leider nicht gefruchtet. Und dann fing ein Prozess an, wo die TüV-Mitarbeiter sich beraten haben, wie man denn das Zertifikat trotzdem ausstellen kann, obwohl der Damm den Anforderungen nicht entspricht.

Das ist genau das Problem, weshalb wir sozusagen auch am TüV und an diesem Fall dran sind. Denn die Energie wurde dahin investiert, das Zertifikat wider besseren Wissens auszustellen, anstatt die Behörden und den Bergbaukonzern zu informieren, dass der Damm brechen kann, damit die entsprechenden Maßnahmen eingeleitet werden.

DOMRADIO.DE: Aber der TüV bestreitet weiter jegliche Mitverantwortung für den tödlichen Dammbruch. Dabei klingt das so, als liege die eigentlich auf der Hand, oder?

Friess: Da gibt es nun ein Spielchen, das man letztendlich auch vorhersehen konnte. Der Bergbaukonzern sagt: Ja, wir haben ein deutsches Unternehmen damit beauftragt, die Sicherheit zu prüfen und das Zertifikat auszustellen. Die sind schuld. Und der TüV sagt: Ja, wir haben aber in unserem Prüfbericht auch ein paar Empfehlungen ausgesprochen, und deshalb ist der Bergbaukonzern schuld, weil der sich nicht an diese Empfehlungen gehalten hat.

Wir sind allerdings der Meinung, dass diese Empfehlungen zum Teil völlig unrealistisch waren und dass eigentlich der TüV auch gewusst hat, dass die unrealistisch sind. Zum Beispiel die Empfehlung, auf dem Damm kein schweres Gerät zu bewegen oder keine Erschütterungen zu verursachen.

Im Umfeld dieser Mine liegen auch noch diverse andere Minen, wo jeden Tag gesprengt wird, wo es Explosionen gibt, wo es große Erschütterungen gibt. Insofern, wenn das eine Bedingung war, dann war die nicht einhaltbar. Das muss der TüV auch gewusst haben. Deshalb denken wir, ist ein taktisches Spielchen, und diesen Vorwurf an Vale weiterzuspielen, ist nicht in Ordnung.

DOMRADIO.DE: Lassen Sie uns auf die Menschen schauen: Wie geht es denen ein Jahr nach der Katastrophe?

Friess: Die Situation ist extrem angespannt. Es ist eine Kleinstadt mit 20.000 Einwohnern. Viele Leute haben in der Mine gearbeitet. Viele haben Angehörige, Nachbarn und Freunde verloren. Alle sind irgendwie betroffen, und das liegt wie ein Trauma auf dieser Stadt. Viele Leute sind auch müde von diesen Verhandlungen mit der Justiz, mit dem Bergbaukonzern, mit allen möglichen Akteuren.

Es war ein sehr anstrengendes Jahr. Die Selbstmordrate ist massiv nach oben gegangen in der Gemeinde. Viele Leute sind auch weggezogen, haben einfach alles zurückgelassen, weil sie diese Trauer, den Druck, diese angespannte Situation und den täglichen Blick auf diese Mine nicht mehr ertragen haben, wo dieses Unglück passiert ist und wo der Betrieb jetzt weitergeht.

DOMRADIO.DE: Die Verhandlungen der Opferfamilien mit dem brasilianischen Bergbaukonzern, der die Mine betrieben hat, laufen. Misereor unterstützt diese Familien. Inwieweit können die denn wohl mit Entschädigungen für verlorenes Eigentum und vor allen Dingen für die verstorbenen Angehörigen rechnen?

Friess: Es gab einen Vergleich, der schon erzielt wurde. Die Angehörigen von Vale-Mitarbeitern, deren Familienangehörige direkt bei Vale gearbeitet haben, haben sich mit Vale auf Beträge geeinigt, die sie erhalten. Es gibt aber sehr viel mehr Familien. Nicht alle, die umgekommen sind, haben in der Mine gearbeitet, sondern es gibt auch Familien, die indirekt betroffen sind oder deren Angehörige nicht Mitarbeiter von Vale waren. Da steht jetzt noch aus, wie hoch die Entschädigungszahlungen sein werden.

Es gibt ja eine Vielzahl von Schäden für Haus und Hof oder die Wasserquellen. Es gibt da noch viel zu beziffern. Das ist noch längst nicht geschehen. Allerdings hat die Justiz schon mal vorsorglich 11 Milliarden Reais, das sind circa 2,6 Milliarden Euro, von Vale eingefroren. Das zeigt sozusagen in die Richtung, dass die Justiz das auch durchsetzen will, dass Vale diese Entschädigungszahlungen leistet.

DOMRADIO.DE: Auch die brasilianische Staatsanwaltschaft hat Klage gegen den Bergbaukonzern und gegen die TüV-Tochterfirma eingelegt. Wie schätzen Sie das ein? Was könnte dabei rauskommen?

Friess: Ich denke, die Staatsanwälte, mit denen wir letztes Jahr gesprochen haben, versuchen eine sehr gute Arbeit zu machen. Die Klageschrift, die jetzt vorliegt, ist sehr umfassend. Es sind fast 500 Seiten, wo nochmal der ganze Tathergang ausführlich geschildert wird. Die Gefahr liegt im Moment nicht so sehr bei den Staatsanwälten, die machen einen guten Job, sondern eher auf der politischen Ebene. Die haben damals im Juni, als wir da waren, schon gesagt, dass sie jederzeit ausgetauscht werden können. Die große politische Linie verläuft nicht zugunsten der Opfer.

DOMRADIO.DE: Welche politischen Konsequenzen sollten jetzt folgen? Was fordern Sie als katholisches Entwicklungswerk?

Friess: Zum einen fordern wir, dass alle Unternehmen Menschenrechte über ihre Profite stellen. Das sollte selbstverständlich sein, aber das ist es eben in der Praxis nicht. Wir denken auch, dass diese ganze Praxis der Zertifizierung überdacht werden muss. Die Staaten müssen wieder die Kontrolle über solche großen Betriebe übernehmen und selber kontrollieren, anstatt diese Kontrolle den privaten Unternehmen zu überlassen, die dann von den Bergbaukonzernen sowohl beauftragt als auch bezahlt werden. Da ist der Interessenkonflikt schon vorprogrammiert, und dass es schief geht, kommt auch nicht so unerwartet.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(DR)

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