Auch Sternenkinder haben ein Recht auf eine würdige Bestattung. So ist es seit 2013 gesetzlich geregelt.
Auch Sternenkinder haben ein Recht auf eine würdige Bestattung. So ist es seit 2013 gesetzlich geregelt.
Geburts- und Todestag sind bei Sternenkindern oft identisch.
Geburts- und Todestag sind bei Sternenkindern oft identisch.
Windmühlen sind oft auf Kindergräbern zu finden.
Windmühlen sind oft auf Kindergräbern zu finden.
Eltern brauchen einen Ort, an dem sie um ihr Kind trauern können, auch wenn es in einem frühen Stadium seiner Entwicklung gestorben ist.
Eltern brauchen einen Ort, an dem sie um ihr Kind trauern können, auch wenn es in einem frühen Stadium seiner Entwicklung gestorben ist.
Sternenkinder werden oft auch als Schmetterlingskinder oder Engelkinder bezeichnet.
Sternenkinder werden oft auch als Schmetterlingskinder oder Engelkinder bezeichnet.
Eine Initiative von Ehrenamtlern für trauernde Eltern: Das Gräberfeld in Thenhoven, künstlerisch gestaltet.
Eine Initiative von Ehrenamtlern für trauernde Eltern: Das Gräberfeld in Thenhoven, künstlerisch gestaltet.
Ein trauerndes Elternpaar, das im Kreißsaal des Bensberger Vinzenz Pallotti Hospitals Abschied von seinem Sternenkind nimmt.
Ein trauerndes Elternpaar, das im Kreißsaal des Bensberger Vinzenz Pallotti Hospitals Abschied von seinem Sternenkind nimmt.
Der Kölner Stadtdechant Monsignore Robert Kleine im November 2017 bei der Segnung des Gräberfeldes in Roggendorf-Thenhoven.
Der Kölner Stadtdechant Monsignore Robert Kleine im November 2017 bei der Segnung des Gräberfeldes in Roggendorf-Thenhoven.

08.12.2019

Trauerarbeit bei Sternenkindern Abschied im Mutterleib

Das Sterben eines manchmal noch winzig kleinen Kindes im Mutterleib bleibt vom persönlichen Umfeld oft unbemerkt. Trotzdem hinterlässt ein solcher Abschied bei den Eltern schmerzliche Spuren. Auch für eine solche Trauer gibt es zunehmend Orte.

Die Wiege wird leer bleiben. Und damit der diesem so freudig erwarteten Kind zugeteilte Platz im eigenen Leben. Die kleine Dorothea wird niemals geboren werden. Sie lebt allein in der Erinnerung ihrer Eltern. Denn nur da bleibt sie das ersehnte dritte Kind, das erhoffte Schwesterchen für die zwei großen Brüder. Den Geburtsschrei der Erleichterung wird niemals jemand hören und auch das fröhliche Kinderlachen Jahre später nicht. Die sorgsam verwahrten Hemdchen, Höschen und Jäckchen werden nicht benötigt – Kinderwagen, Kuscheltiere und Wippe auch nicht. Das kleine Herz in der zwölf Wochen alten Fruchthülle hat einfach aufgehört zu schlagen. Irgendwann vermutlich zwischen der neunten und zehnten Schwangerschaftswoche. Niemand kann das so genau sagen. Unbemerkt von der Mutter und jeder medizinischen Überwachung ist das kleine Wesen gestorben, noch bevor es die Chance hatte, in der Geborgenheit des mütterlichen Schoßes zu wachsen.

Unbeobachtet hatte es sich bereits im Mutterleib verabschiedet. Zu früh. Aber warum? Eine Laune der Natur? Ein unvollendeter Gedanke Gottes? Eine genetische Fehlanlage? Die Ursachenforschung bei Fehlgeburten bleibt vage. Auch eine Antwort würde keinen Trost bringen. Mit der ärztlichen Diagnose "nicht lebensfähig" stirbt für viele Eltern von einem Moment auf den anderen auch alle Hoffnung, die sich mit einer Schwangerschaft verknüpft: Hoffnung auf Liebe, auf Glück und auf Zukunft, auf den wiederkehrenden Kreislauf von Geben und Nehmen und die Erfüllung eines Traumes, das ein Elternpaar hat. Stattdessen bleiben Schmerz, Trauer und nicht selten eine abgrundtiefe Verzweiflung. Und mit ihr für viele Betroffene die stets wiederkehrende Fantasie, wie es gewesen wäre, wie es sich angefühlt hätte, noch einmal ein Baby in den Armen zu halten, den unverwechselbaren Duft seiner Haut zu spüren, es zu stillen, es zu streicheln und ihm am Ende die Welt zu zeigen. Die Vorstellungskraft schlägt Purzelbäume, doch die Gefühle drehen sich im Kreis. Der erlittene Verlust lähmt. Dabei muss doch das Leben weitergehen. Statt des Fotos eines friedlich schlafenden Säuglings auf der Geburtsanzeige ist Rita Tanner* nur ein unscharfes Ultraschallbild geblieben. Auch gibt es keinen konkreten Ort, an dem sie dieses toten Kindes gedenken kann.

Sternenkinder-Eltern stoßen oft auf mangelndes Verständnis

Später werden Familienangehörige und sogar beste Freunde sagen: Du hast doch schon zwei gesunde Kinder. Bist Du nicht undankbar? Denk doch an die vielen, die ungewollt kinderlos bleiben und nicht mal eines bekommen. Und überhaupt: Bist Du nicht zu alt für ein weiteres Kind? Für die 42-Jährige sind solche Überlegungen, die nicht unsensibel gemeint sind, aber irgendwie als hilflose Kommentare auch mangelndes Verständnis für ihre Trauer signalisieren, kein Trost. Zwölf Wochen Vorfreude stehen gegen alle Einsicht, dass sich mit einer vorzeitig beendeten Schwangerschaft die Natur selbst geholfen hat – wie es immer so schön heißt – und damit die Entwicklung eines womöglich schwerstbehinderten Kindes gestoppt wurde. Sie stehen gegen eine vernunftgesteuerte Verarbeitung einer innig-weiblichen Empfindung und einer unvergleichlich existenziellen Erfahrung: Muttersein, Elternsein. Noch einmal dem Leben eine neue Wende geben, eine neue Herausforderung und Aufgabe annehmen und die berufliche Teilzeittätigkeit eintauschen gegen die bewusste Entscheidung, alle Energie noch einmal neu für ein solches kleines Wesen zu investieren.

Auch für Sabine Keller* sitzt der Schock tief. In der 18. Woche erfährt sie, dass ihr Kind unmittelbar nach der Geburt sterben wird. Auch in ihrem Fall bedeutet die Diagnose "nicht mit dem Leben vereinbar", das Unwiderrufliche anzunehmen und trotz eines noch pulsierenden Herzchens bereits von nun an Trauerarbeit zu leisten. Alle – Ärzte wie Verwandte – raten zum Abbruch der Schwangerschaft. Doch die junge Frau entscheidet sich für die noch verbleibenden vier Monate, die sie mit ihrem Kind intensiv verbringen will. "Ich wusste, dass es die einzige Zeit sein würde, die ich je mit meinem Kind haben würde und die wollte ich nicht entbehren", wird sie später sagen. "Ich war froh, diese einmalige, unwiederbringliche Beziehung leben zu können und würde es jeden Tag wieder genauso machen." Sie hat Hilfen zur Seite, als sie unmittelbar nach der Entbindung im Kreißsaal des Vinzenz Pallotti Hospitals in Bensberg gemeinsam mit ihrem Mann das tote Kind in den Armen wiegt, es badet, ankleidet und ihm einen Namen gibt. Nur eine kurze Zeit hatte es geatmet, dann war es eingeschlafen. "Mit einem Lächeln auf dem Gesichtchen", sagt Rainer Keller* über das Sterben seines kleinen Sohnes. Eine offizielle Ansprechpartnerin der Selbsthilfegruppe "Leere Wiege" ist bei den Eltern in diesem schweren Moment des Abschiednehmens.

Rituale können hilfreich sein

Sie gehört zum psychosozialen Dienst des Krankenhauses und hat die beiden monatelang auf ihrem sehr individuellen Weg, sich auf die Geburt vorzubereiten, begleitet. Aus Erfahrung weiß sie, wie wichtig es für Paare ist, sich bewusst von ihrem Kind zu verabschieden oder auch später noch einen Ort zu haben, an dem sie sich an das Baby erinnern können und ihre Trauer zulassen dürfen. "In solchen Momenten, in denen Leben und Sterben eine Einheit bilden, hat der Tod nichts Erschreckendes", erklärt sie. "Wenn das Kind erst einmal da ist, ist es für die Eltern im wahrsten Sinne des Wortes auch ‚be-greifbar’, wirklich, wahrhaftig und meistens wunderschön." Rituale könnten dann sehr hilfreich sein, um mit dieser ungewohnten Situation umzugehen und einen guten Weg zu finden, sich von ihrem Kind zu verabschieden. Später haben sie dann die Möglichkeit, ihre Trauer mit Menschen, die eine ähnliche Erfahrung durchleben, in der Gruppe zu teilen oder aber in Einzelberatungen zu thematisieren.

Wenn sogenannte verwaiste Eltern spüren, dass sich die Umwelt zurückzieht, das bevorstehende Weihnachtsfest ihnen zur Qual wird und sie andere Schwangere kaum ertragen, finden sie in der Selbsthilfegruppe Menschen mit vergleichbaren Gefühlen und Erlebnissen und können sich hier im geschützten Raum ihren Schmerz von der Seele reden. Hier müssen Eltern ihre Kinder nicht totschweigen, sie müssen nicht stark sein, sondern können alle ihre Anklage, Ohnmacht, Wut oder Verzweiflung zum Ausdruck bringen. Denn

Trauer ist nicht messbar, sagt die Trauerbegleiterin. "Und weibliche Trauer ist anders als männliche Trauer. Manche Trauer dauert wenige Wochen, andere hält ein Leben lang an. Jedes Elternpaar sucht seinen eigenen Weg. Und bei diesem Prozess helfe ich, damit Tod und Trauer nicht ausgelagert werden, sondern ein Teil des Lebens bleiben."

In Roggendorf-Thenhoven gibt es einen Sternenkinder-Friedhof

Dass eine solche Trauer auch einen Ort braucht – davon ist Marita Heider überzeugt. In der katholischen Kölner Pfarrgemeinde St. Pankratius Am Worringer Bruch ist auf die Initiative einer ehrenamtlichen Projektgruppe unter ihrer Leitung auf dem Friedhof Roggendorf-Thenhoven ein konfessionsunabhängiger Gräbergarten und Trauerort für Sternenkinder entstanden. So werden Säuglinge genannt, die vor, während oder unmittelbar nach der Geburt versterben. Seit der Einweihung des Sternenkinderfriedhofes im November 2017 durch Stadtdechant Monsignore Robert Kleine finden dort immer wieder Beisetzungen statt. Durch den großen Zuspruch, den dieses Projekt von Beginn an erfahren hat, konnte eine Stahl-Skulptur realisiert werden, die den Trauerort tröstlich einrahmt. Zwei abgeschrägte Stahlwände umschließen das Gräberfeld ellipsenförmig. Die farbigen Kunstglas-Elemente in den sternenförmigen Durchbrüchen der Wände machen diesen Ort, für dessen künstlerische Gestaltung Spenden gesammelt wurden und das Stiftungszentrum des Erzbistums einen nicht unerheblichen Betrag beigesteuert hat, spürbar zu einem Symbol von Trauer und Hoffnung. Die Bestattung des Sternenkindes kann durch einen Geistlichen im Rahmen einer Feier begleitet werden oder ganz still und privat stattfinden. Das entscheiden jeweils die Eltern. Im Trauerfall können sich die Eltern mit dem Pfarrbüro von St. Pankratius in Verbindung setzen.

Das Thema hat nicht allein mit Kirche zu tun

Es sei der anrührende Bericht einer betroffenen Mutter in der Pfarrzeitung und die große Resonanz darauf gewesen, die zu der Idee geführt hätten, hier initiativ zu werden, erinnert sich Marita Heider. "Denn viele Frauen sind mit ihrer Trauer allein gelassen und stoßen in ihrem sozialen Umfeld auf Unverständnis. Wir gehen hier ein gesellschaftliches Thema an, das nicht allein mit Kirche zu tun hat." Denn das Grabfeld stehe selbstverständlich auch Familien offen, die keine religiöse oder konfessionelle Bindung haben – und auch unabhängig von deren Wohnort genutzt werden könne. "Leider ist es häufig noch so, dass Mitarbeitern in Krankenhäusern oder gynäkologischen Praxen nicht bekannt ist, dass es Orte für Sternenkinder gibt, dass es Menschen gibt, die Eltern in ihrer Trauer begleiten, oder dass auch die Kleinsten ein Anrecht auf eine würdige Bestattung haben." Als nächstes plant Heider ein Netzwerk aus Hebammen, einem Bestatter, einem Kinderhospiz und Menschen, die bei dem Thema "Stille Geburt" helfen wollen. Mit ihnen gemeinsam will sie einen Fragenkatalog erstellen, der im Bedarfsfall betroffenen Eltern als "Erste Hilfe"-Maßnahme dienen soll.

Das Thema aus der Tabuzone zu holen war auch das Anliegen von Matthias Gill, der damals als Diakon in St. Pankratius, Eltern, die um ihr Baby trauerten, seelsorglich zur Seite stand und eng mit der Projektgruppe zusammengearbeitet hat. Eltern, aber auch Geschwistern und anderen Familienangehörigen sei es ein großes Bedürfnis, in Ruhe von ihrem Kind Abschied nehmen zu können, weiß der Theologe aus Erfahrung. "Ein fester Ort zum Trauern ist wichtig, um mit dem Verlust umzugehen. Und da spielt keine Rolle, in welchem Entwicklungsstadium sich das Kind zum Zeitpunkt der Geburt befand." Eltern von Sternenkindern würden oft nicht als Eltern wahrgenommen. Das sorge für zusätzliches Leid. Dabei müsse ihre Trauer ernst genommen werden. "Wie Trauerbewältigung zusammen mit Kirche, mit Seelsorge, mit Glauben möglich ist – diese Erfahrung sollen alle Betroffenen machen können", wünscht sich der Seelsorger. "Und schließlich ist ein klar definierter Ort wie ein Friedhof auch ein Beweis dafür, dass das Kind gelebt hat und geliebt wurde."

*Die Namen wurden von der Redaktion geändert.

Beatrice Tomasetti
(DR)

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  • Flüchtlingshelfer kritisieren Bundesregierung - Ein Interview mit Irene Porsch
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