Subsidiarität - wenn der Einzelne nicht weiter kommt
Subsidiarität - wenn der Einzelne nicht weiter kommt
Ursula Nothelle-Wildfeuer, Professorin für Christliche Gesellschaftslehre in Freiburg
Ursula Nothelle-Wildfeuer, Professorin für Christliche Gesellschaftslehre in Freiburg

03.12.2019

Zum Strategiekongress "Macht und Umgang mit Macht in der Kirche" Subsidiaritätsprinzip rührt an den Grundfesten der Kirche

Die Kompetenz und die Freiheit des Einzelne stärken und da zu unterstützen, wozu er selbst nicht in der Lage ist - das bedeutet im Groben Subsidiarität. Ein Prinzip, das aus der katholischen Kirche kommt und heute im Reformprozess hilfreich sein könnte.

DOMRADIO.DE: Wenn es um Macht und Zuständigkeiten geht, dann wird in der katholischen Soziallehre vom Subsidiaritätsprinzip gesprochen. Wie genau funktioniert dieses Prinzip?

Prof. Dr. Ursula Nothelle-Wildfeuer (Professorin für Christliche Gesellschaftslehre in Freiburg): Das Subsidiaritätsprinzip ist schon 1931 formuliert und lange für sehr katholisch gehalten worden, hat aber inzwischen bis hin zur EU-Politik und dem Maastricht-Vertrag Erfolg gefeiert. Es geht da um ein Prinzip, das zwei Seiten hat. Die eine Seite sagt, dass der Einzelne oder die kleine Einheit das tun darf, was sie auch alleine tun kann. Da geht es darum, die Kompetenzen zu stärken, die Freiheit des Einzelnen und der kleinen Einheit stark zu machen.

Die zweite Seite ist eher die solidarische Seite. Wenn diese kleine Einheit Aufgaben und Verpflichtungen nicht, nicht mehr oder noch nicht selber erfüllen kann, dann muss die nächsthöhere Einheit einspringen. Subsidiär heißt unterstützend, assistierend tätig werden.

DOMRADIO.DE: Sie haben in einem Beitrag geschrieben, im säkularen Umfeld sei dieses Prinzip kaum wegzudenken. Innerhalb der Kirche würde es dagegen wenig rezipiert. Wo sehen Sie denn Ausbaumöglichkeiten?

Nothelle-Wildfeuer: Wenig bis gar nicht rezipiert. Dafür, dass schon 1946 Pius XII. gesagt hat, das soll auch in der Kirche - unbeschadet ihrer hierarchischen Struktur - gelten, ist es bislang nur wenig umgesetzt worden. Ich glaube, für die Punkte, die wir zurzeit diskutieren, liefert das Subsidiaritätsprinzip gute und rationale Begründungen etwa auf Fragen wie: Hin zu Partizipation, weg von Obrigkeitszentrierung oder hin zu einem gesunden Pluralismus im Verhältnis zur Hierarchie? Wie steht es mit der Freiheit und mit der der von Papst Franziskus so stark gemachten Synodalität?

An all diesen Stellen liefert das Subsidiaritätsprinzip Argumente darauf, wie mit Macht in positiver Weise umgegangen werden kann.

DOMRADIO.DE: Es ist ja vor allem der Missbrauchsskandal, der dazu geführt hat, dass jetzt verstärkt auch über Machtstrukturen innerhalb der Kirche gesprochen wird. Der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer hat mal gesagt, dass der Machtmissbrauch in der DNA der Kirche stecke. Stimmen Sie dieser Aussage zu?

Nothelle-Wildfeuer: Das ist eine Aussage, die damals viel Furore gemacht hat. Ich glaube, dass es tatsächlich in den Grundstrukturen der Kirche liegt. Sie ist seit 313, also seit der konstantinischen Wende, eigentlich immer nah an der Macht dran. Bei dieser konstantinischen Wende wurde die Christenverfolgung beendet und die Kirche mit Macht, entsprechender Anerkennung und mit Reichtum zunehmend ausgestattet.

So hat sich im Laufe der ganzen Entwicklung der Kirche eigentlich diese Macht verfestigt und eingegraben in die Gestalt und in die Strukturen von Kirche. Deswegen glaube ich, dass es ein Phänomen ist, das bis an die Grundfeste der Kirche reicht.

DOMRADIO.DE: Ab dem 4. Dezember findet in Bensberg ein zweitägiger Kongress zu Macht und Umgang mit Macht in der Kirche statt. Was sind Ihre Erwartungen?

Nothelle-Wildfeuer: Ich erwarte, dass Machterfahrungen, negative und auch positive, zur Sprache kommen, und dadurch etwas transparenter wird, an welchen Stellen Schalthebel liegen können, um diesen Umgang zu ändern.

Denn ich glaube, Transparenz herzustellen, ist der allererste und sehr wichtige Schritt, um mit diesem strukturellen Problem - vor allen Dingen im Blick auf diese ganze Missbrauchsfrage - etwas adäquater umgehen zu können.

Das Interview führte Carsten Döpp.

(DR)

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