Demonstration der rechtspopulistischen Bewegung Pro Chemnitz
Demonstration der rechtspopulistischen Bewegung Pro Chemnitz
Dr. Andreas Püttmann
Dr. Andreas Püttmann

20.06.2019

Publizist Püttmann zur Frage nach mehr Toleranz für rechts "Den Peinigern nicht noch Mikrofone unter die Nase halten"

Walter Lübcke wurde erschossen, weil er sich tolerant zeigte. Altbundespräsident Joachim Gauck spricht sich für eine erweiterte Toleranz gegenüber rechts aus. Wie sollten sich Christen positionieren? Darauf antwortet der Politologe Andreas Püttmann.

DOMRADIO.DE: Es gibt sehr viele Christen, die sich aktiv für ihre Werte einsetzen. Auch hochrangige Kirchenvertreter sprechen sich ausdrücklich für mehr Miteinander mit Flüchtlingen aus - und werden dafür nicht selten beschimpft und sogar bedroht. Der Mord an Regierungspräsident Walter Lübcke war vermutlich rechtsextrem motiviert. Muss man sich mittlerweile Sorgen machen, wenn man sich öffentlich zu seinen christlichen Werten bekennt, die für andere unbequem sein könnten?

Dr. Andreas Püttmann (katholischer Publizist): Je weniger überzeugte Christen in einer Gesellschaft leben, desto mehr Anstoß werden sie mit ihrer Ethik erregen. Das kann gar nicht anders sein. Es erzeugt Gegenwind von links und rechts, insbesondere von den radikalen Rändern. Nur die Themen sind jeweils andere. Die Rechtsextremen hassen das Christentum aus drei Gründen: Erstens, weil es die gleiche Würde aller Menschen lehrt. Zweitens, weil für eine besondere Zuwendung zu den Schwachen eintritt, die von der sozialdarwinistischen Kultur des Vitalen und Starken, die Rechtsradikalen eigen ist, verachtet wird. Drittens wegen seiner übernationalen, universalistischen Ausrichtung. Insofern ist der neue Faschismus eine besonders ernste Herausforderung für die Kirchen, auch wenn das manche in der Kirche anscheinend noch nicht verstanden haben. Aber das war in den 1930er Jahren ja auch schon so.

Es ist schön, dass Sie daran erinnern, dass Herr Lübcke aus christlicher Überzeugung handelte, also wirklich in Orthopraxie (theol. für richtiges Handeln und dessen Reflexion, Anm. d. Red.). Für ihn als Regierungspräsident bedeutete der Flüchtlingsandrang ja zunächst mal auch mehr Arbeit, mehr Ärger, mehr Kosten. Dass er trotzdem "Ja" sagte zu dieser großherzigen Hilfe und sie kämpferisch verteidigte, darf einen Christen besonders im Herzen berühren. Hier sieht man, dass Werte, Normen und Tugenden durch den christlichen Glaubens in einer ganz besonderen Weise verankert werden. Das ist schon ein großes Zeugnis von Herrn Lübcke, vor dem man sich nur verneigen kann.

DOMRADIO.DE: Die Frage, die bleibt ist: Wie begegnet man diesem Hass? Viele haben sich über die Aussage des ehemaligen Bundespräsidenten Gauck gewundert, der unlängst von einer erweiterten Toleranz in Richtung rechts sprach. Brauchen wir wirklich mehr Toleranz?

Püttmann: Die gefährlichsten Irrtümer sind die mit dem höchsten Wahrheitsgehalt. Vor zehn oder 20 Jahren wäre Gaucks Plädoyer, "schwer Konservative" nicht als rechtsradikal auszugrenzen sicher nötig und hilfreich gewesen. Ich als eher Konservativer habe das selbst erfahren, dass ich manchmal als rechts ausgegrenzt wurde. Aber heute wirkt Gauck damit wie aus der Zeit gefallen. Denn das Problem ist doch gerade das Brechen der Dämme nach rechts: Menschenfeindlichkeit und antidemokratisches Reden sind wieder viel leichter möglich als früher. Wir haben eine Unterspülung dieser Dämme, vor allem im Internet.

Ganz falsch liegt Gauck in meinen Augen bei der Frage der Wahl des Bundestagsvizepräsidenten, bei der er sich dafür ausgesprochen hat, AfD-Kandidaten nicht abzulehnen. Denn hier gibt es eine individuelle Wahl. Da wird nicht einfach jemand, den die AfD bestimmt, ins Präsidium delegiert. Wenn man sich die bisherigen Kandidaten anschaut, dann gibt es bei jedem ernstzunehmende Bedenken und Äußerungen, die früher sogar zum Ausschluss aus den Sitzungen führten, etwa den Vorwurf an die Regierung, Politik nicht "für das eigene Volk" zu machen, sondern quasi für andere Völker. Sowas kann natürlich nicht zur Wahl ins Bundestagspräsidium legitimieren.

Problematisch bei Gauck finde ich zudem, dass er den Grundsatz "Wehret den Anfängen" überhaupt nicht berücksichtigt und dass er die nicht rechtsradikalen Teile der AfD, die es ja durchaus gibt, nicht in die Pflicht nimmt, sich stärker von den Rechtsextremen zu distanzieren. Seine Äußerung war fahrlässig, politisch naiv und aus der Zeit gefallen. Sie wirkt irgendwie auch opportunistisch gegenüber dem Trend.

DOMRADIO.DE: Ist es nicht sogar Wasser auf die Mühlen derjenigen, die immer wieder mit rechtsextremen Äußerungen spielen und sich dann als missverstanden darstellen?

Püttmann: Es wird sicherlich falsch verstanden werden - auch wenn das, was er sagt, überwiegend vernünftig ist. Aber man muss als Politiker immer überlegen, in welche reale Situation hinein man spricht. Es ist auch es wichtig, sich klarzumachen, dass eine totale Inklusion der radikalen Rechten nicht möglich ist. Humane Tabus werden auch sozialpsychologisch durch Ausgrenzung verteidigt, nicht nur kognitiv durch Diskurs.

DOMRADIO.DE: Der Evangelische Kirchentag in Dortmund hat Mitglieder der AfD nicht aufs Podium eingeladen. Ist das der richtige Weg?

Püttmann: Ich finde das richtig und habe es schon lange vertreten - auch vor dem Katholikentag in Münster. Man kann nicht oft genug an Karl Poppers "Paradoxon der Toleranz" erinnern. Der große Sozialphilosoph sagte, dass uneingeschränkte Toleranz mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz führt. Wer uneingeschränkte Toleranz sogar auf Intolerante ausdehne, riskiere die Ordnung der Toleranz und die Vernichtung der Toleranten. Diese Paradoxie muss man sich immer wieder klarmachen.

Die Vorstellung, dass es für die Beschäftigung mit jedem Übel auch eines Vertreters desselben auf Augenhöhe bedürfe, ist völlig abwegig, erst recht für eine Kirche. Sie ist keine Talkshow, wo alle mit allen über alles auf Augenhöhe reden, sondern sie hat Zeugnis zu geben. Für sie gibt es auch Indiskutables - und deswegen auch Leute, die zu solchen Diskussionen nicht aufs Podium geladen werden können. Menschenfeindliches Reden unter dem Kreuz Christi ist besonders obszön. Und Kirche darf das den Opfern der rechtspopulistischen Hetze, die es ja heute schon gibt, nicht zumuten, dass sie den Peinigern auch noch Mikrofone unter die Nase hält.

Es kann ja jeder zum Kirchentag kommen, keiner wird ausgeschlossen, daran teilzunehmen. Aber man muss nicht jedem Räume der Agitation eröffnen. Ich erinnere in diesem Zusammenhang auch an die roten Linien, die die Deutsche Bischofskonferenz gezogen hat. Christen können nicht mittun, wo Rassismus, Antisemitismus, Verleumdung ganzer Weltreligionen, Überhöhung der eigenen Nation, Gleichgültigkeit gegenüber der Armut in der Welt, Verachtung der repräsentativen Demokratie und Hassrede zu Hause sind. Und man muss leider sagen, dass diese Übel, die die Bischöfe aufzählen, in der AfD grassieren.

Das Interview führte Verena Tröster.

(DR)

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