Kinderarbeit: In Indien weit verbreitet
Kinderarbeit: In Indien weit verbreitet
Katrin Weidemann, Chefin der Kindernothilfe
Katrin Weidemann, Chefin der Kindernothilfe

11.05.2019

Kindernothilfe-Chefin zum 60. Geburtstag des Hilfswerks "Die Situation von Millionen Kindern ist dramatisch"

Mit fünf Patenschaften für Kinder in Indien hat 1959 die Arbeit der Kindernothilfe begonnen. Nun ist das Hilfswerk mit Sitz in Duisburg in 33 Ländern weltweit aktiv. Leiterin Katrin Weidemann berichtet, wovon notleidende Kinder träumen.

epd: In den letzten 60 Jahren hat sich die Kindernothilfe in vielen Bereichen engagiert, welchen Fokus hat das Jubiläumsjahr?

Katrin Weidemann (Leiterin der Kindernothilfe): Seit der Gründung der KNH hat sich weltweit viel verändert und teilweise auch verbessert: Die Kindersterblichkeit ist geringer, der Schulbesuch hat zugenommen, die Frühverheiratung von Mädchen vor allem in Asien ist um 40 Prozent zurück gegangen. Aber in unseren Projektländern ist die Situation nach wie vor dramatisch oder hat sich sogar verschlechtert.

Deswegen haben wir vier Schwerpunktthemen ausgewählt: Schutz vor ausbeuterischer Kinderarbeit, Schutz vor Gewalt, Zugang zu Bildung und gesellschaftliche Teilhabe. Diese Teilhabe nehmen wir jetzt besonders in den Blick. Darum auch das Motto des Jubiläumsjahres: "Kinderrechte dürfen keine Träume bleiben." Kinder sollen nicht nur Zielgruppe, sondern Akteure sein, die selbst Projekte mit entwickeln.

epd: Was sagen die Kinder, wenn man sie nach ihren Träumen fragt?

Weidemann: Es geht oft um ganz schlichte Grundbedürfnisse: nicht hungrig ins Bett gehen zu müssen, sicher zu sein, dass man sich einmal am Tag sattessen kann. Viele Kinder sind auch hungrig nach Bildung, sie träumen davon, in die Schule zu gehen, lesen und schreiben zu lernen. Oder ein sicheres Zuhause zu haben. Kinder, die sich auf der Straße alleine durchschlagen müssen, die nie eine Familie kennengelernt haben, sondern nur Gewalt und Missbrauch, die können sich gar nicht vorstellen wie es ist, dass jemand für sie sorgt. So ein Kind kann zum Beispiel kein Bett machen, weil es nie eins hatte. Und natürlich träumt es davon, eines Tages nicht mehr auf der Straße zu leben.

epd: Der Start war 1959 mit fünf Patenschaften in Indien, wie wichtig sind diese Wurzeln heute noch?

Weidemann: Indien war unser erstes Projektland und ist auch weiterhin das Land mit den meisten Projekten. Insgesamt haben wir in 60 Jahren 7,1 Millionen Kinder in 5.300 Projekten erreicht und sind heute in 33 Ländern mit rund 400 Partnerorganisationen vor Ort aktiv.

Seit 2017 übrigens auch in Deutschland. Hier bringen wir vor allem unsere Expertise im Kindesschutz ein. Der Auslöser waren die großen Flüchtlingszahlen 2015. Eines unserer ersten Angebote war für Mitarbeitende von Flüchtlingseinrichtungen, aber mittlerweile schulen wir auch Organisationen wie Kindertagesstätten, Sportvereine oder Schulen. Im Fokus steht dabei vor allem, Kinder vor Missbrauch und Misshandlung zu schützen.

epd: Die Kindernothilfe hat karitativ als Hilfswerk angefangen und ist heute eine Kinderrechts- und Lobbyorganisation, wie kam es dazu?

Weidemann: Die Gründungsväter und Mütter hatten tatsächlich vor allem die konkrete Not von Kindern in Indien vor Augen. Sie hatten selbst ja gerade erst den Zweiten Weltkrieg überlebt und erfahren, wie es ist, ohne Haus, ohne Essen zu sein. Jetzt wollten sie etwas zurückgeben. Der Name "Kindernothilfe" war damals Programm. Als 1989 die UN-Kinderrechtskonvention verabschiedet wurde, haben wir unser Aufgabenspektrum erweitert: Es ist immer noch die Förderung von Kindern, aber jetzt mit ihrem sozialen Umfeld, so dass wir uns zu einer Kinderrechtsorganisation entwickelt haben.

epd: Hatte das auch mit der heftigen Kritik in den 80er Jahren am Patenschaftsmodell zu tun, das von linken Gruppen als paternalistisch bezeichnet wurde?

Weidemann: Natürlich hat auch das Gespräch mit anderen dazu beigetragen, dass wir diesen Schritt gegangen sind. Wobei Patenschaft, die damals so sehr im Kreuzfeuer stand, für uns nach wie vor eine wichtige Rolle spielt. Aber in einer erweiterten Form. Wir haben heute immer auch die Familie eines Kindes, die Dorfgemeinschaft, die ganze Community im Blick, weil wir wissen, dass nur starke Gemeinschaften auch starke Kinder haben. Das heißt, die Lobby- und Advocacyarbeit ist nach und nach dazu gekommen. Heute gibt es ein eigenes Referat dafür, weil wir wissen, dass sich die Situation von Kindern nur nachhaltig verändert, wenn sich die Strukturen verändern.

epd: Gibt es neue entwicklungspolitische Ansätze?

Weidemann: Seit 1990 haben wir die Gemeinwesenentwicklung als Programm ausgebaut, seit 2001 gehört der Selbsthilfegruppenansatz dazu. Das ist der erfolgreichste Ansatz zur Armutsreduzierung, den wir kennen, denn er hat nicht nur wirtschaftliche, sondern auch soziale und politische Dimensionen. Konkret heißt das: Unsere Partnerorganisationen laden Frauen in den Dörfern zu wöchentlichen Gruppentreffen ein, die Ärmsten der Armen. Dort finden sie ein Forum, wo sie sich austauschen und Ziele setzen können: Ich möchte eine Tür für meine Hütte, damit ich mal abschließen kann, oder jeder in der Familie soll sich einmal am Tag satt essen können.

In der Gruppe lernen die Frauen auch ein einfaches Sparmodell kennen. Sie sammeln eigene Pfennigbeträge und bilden daraus einen Grundstock, der als Kredit reihum an die Mitglieder vergeben wird.

Damit können sie eine kleine Hühnerzucht beginnen oder Mehl kaufen, um Brot zu backen und auf dem Markt zu verkaufen. Der Kredit wird mit Zinsen zurückgezahlt, sodass sich der Darlehenstopf vergrößert. So gewinnen sie Selbstvertrauen und gucken über den eigenen Tellerrand hinaus. Haben wir eine Krankenstation im Dorf, wie weit ist der Schulweg für die Kinder? Und schließlich engagieren sie sich für die ganze Community und werden politisch aktiv bis dahin, dass sie sogar Gesetzeseingaben machen.

epd: Stichwort "Shrinking Spaces" - viele Organisationen klagen darüber, dass sie in vielen Ländern politisch unerwünscht sind und ihr Aktionsradius immer mehr eingeschränkt wird. Ist die KNH auch betroffen?

Weidemann: Unsere Partnerorganisationen erleben das sehr stark: Wenn die Meinungs- und Versammlungsfreiheit beschränkt wird, trifft das auch ihre Arbeit. Schon wenn sich eine Frauengruppe regelmäßig unter einem Schatten spendenden Baum trifft, kann das zum Problem werden. Wir nennen ungern einzelne Länder, weil das eine Gefährdung bedeuten kann. In Äthiopien dagegen hat die jüngste Liberalisierung wieder neue Möglichkeiten geschaffen, es gibt immer eine Wechselwirkung in Bezug auf das politische Klima.

epd: Im Leitbild ist die christliche Motivation formuliert, die für die Gründung prägend war, inwieweit spielt sie heute noch eine Rolle?

Weidemann: Wir haben christliche Werte und ein Menschenbild, wonach wir alle als gleichwertig geschaffen sind, insofern verstehen wir uns als christliche Organisation - aber in dem, was wir tun, sind wir völlig offen. Unser Engagement ist unabhängig von Religion, Nationalität, Hautfarbe oder Geschlecht. Viele unserer Partner haben einen christlichen Hintergrund, manche nicht, aber sie teilen unsere Werte, darauf kommt es an. Das ist anders als zu Beginn, als die Partner ausschließlich aus dem christlichen Umfeld kamen. Heute ist das nicht mehr das ausschlaggebende Kriterium.

epd: Was sind die Herausforderungen für das nächste Jahrzehnt?

Weidemann: Die Situation der Kinder ist für uns eine bleibende Herausforderung. Weltweit müssen rund 72 Millionen Kinder arbeiten, täglich schuften, um ihren Lebensunterhalt mit zu verdienen. 30 Millionen Kinder sind auf der Flucht und haben kein Zuhause, oft nicht mal mehr einen Elternteil. So lange die Situation so ist, sind wir gefordert. Für mich hat jedes Kind als Gottes Kind ein Recht darauf, in stabilen, sicheren und geschützten Verhältnissen aufzuwachsen. Dafür setzen wir uns ein.

Bettina von Clausewitz
(epd)

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