Verzweifelten Menschen helfen
Depressionen betreffen viele Menschen

06.05.2019

Expertin: Einmischen, nachfragen, mutig sein Wie man Menschen mit Suizidgedanken helfen kann

"Ich kann nicht mehr weiterleben" – wer diesen Satz hört, fühlt sich oft hilflos. Weghören sollte man nicht, rät eine Expertin. Sie sagt, dass Suizide vor allem in einer Altersgruppe zunehmen. Eine App könnte helfen.

Sie sind noch jung – wollen aber nicht mehr leben. Unter Kindern und Jugendlichen bundesweit nehmen Selbsttötungen zu, wie die stellvertretende Leiterin der ökumenischen Telefonseelsorge in Hagen, Birgit Knatz, sagt. Der Tod eines Angehörigen oder eines Haustieres, das Ende einer ersten Beziehung sind nach den Worten der Expertin Gründe, warum Kinder und Jugendliche sagen: "Mein Leben hat keinen Sinn mehr." Dass sich nach dem Schmerz und der Trauer meistens aber wieder ein Sinn ergibt, ist ihnen zunächst oft nicht klar. Denn: "In dem Alter haben die jungen Menschen noch keine Krisenerfahrung."

Pro Jahr nehmen sich in Deutschland um die 10.000 Menschen das Leben. 2016 waren es laut Statistischem Bundesamt 9.838 Menschen, drei Viertel von ihnen Männer. Demnach gab es bei den 10- bis 15-Jährigen 17 Suizide, bei den 15- bis 20-Jährigen insgesamt 205. Knatz sagt, dass die zwischen 8- und 28-Jährigen mehrheitlich per Chat mit der Telefonseelsorge in Kontakt treten – und nicht mit dem Telefonhörer in der Hand. "Bei ihnen sind beim Chatten in etwa der Hälfte der Fälle Suizide Thema."

Erste Hilfe bald per App?

Um jungen Menschen in akuten Krisen zu helfen, sei eine App geplant, so Knatz. Dafür werde Geld gesammelt: Derzeit habe die Telefonseelsorge rund 50.000 Euro zusammen, benötigt würden 120.000. Man hoffe, dass die App zum Welttag der Suizidprävention am 10.. September vorgestellt werden könne. "Die App soll wie ein Erste-Hilfe-Koffer für die Hosentasche sein", erklärt Knatz. Für Kinder, Jugendliche, aber auch Erwachsene, "um in der ersten halben Stunde in einer Krise über die Runden zu kommen".

Die App soll unter anderem ein "Schatzkästchen" mit Bildern von Freunden oder anderen Dingen enthalten, an die sich jemand gern erinnert, sagt Knatz. Geplant sind Wegweiser zu Vertrauenspersonen und Beratungsstellen, die im Notfall kontaktiert werden können. Aber auch Freunden und Eltern soll die App helfen – wenn der Ernstfall eingetreten ist, etwa mit einem "Trauertagebuch".

"Schön sein, schlau sein, gut sein"

Armin Schmidtke, Experte für Suizidprävention, bezeichnet solche Online-Hilfen allgemein als gute Idee. Wünschenswert wären für solche Angebote aus Sicht des Psychologen mittelfristig fundierte Datenlagen für eine wissenschaftliche Auswertung und Begleitung.

Suizidgedanken können Knatz zufolge jeden ereilen: "Das ist keine Milieufrage." Nicht nur an einem Verlust könne ein junger Mensch verzweifeln, sondern auch an Erwartungsdruck in Schule und Gesellschaft: "Schön sein, schlau sein, gut sein." Warum genau so junge Leute sich selbst das Leben nähmen oder nehmen wollten, müsse noch mehr erforscht werden. Ein Aspekt könne sein, dass sie über wenig Resilienz, also psychische Widerstandskraft, verfügten.

Weggucken ​geht gar nicht

"Wir nehmen die Kinder total ernst", betont Knatz. Sie und ihre Kollegen versuchten, mit Ratsuchenden in Kontakt zu bleiben, damit sie nicht zur Tat schritten – und "wieder nach rechts und links" gucken könnten. Wichtig sei, dass sie irgendwann in ihrem Denken wieder Platz für andere Erfahrungen schafften.

Falls sich jemand – ob Kind oder Erwachsener – doch das Leben nimmt, fragen sich Hinterbliebene oft, wie sie das hätten verhindern können. Nicht in jedem Fall sei es möglich, jemanden von einem Suizid abzuhalten, sagt auch Knatz aus eigener Erfahrung. Um aber überhaupt eine Chance dazu zu haben, helfe eben nur reden. Weggucken oder weghören – das geht aus Sicht der Fachfrau gar nicht. "Mut haben, Zivilcourage zeigen, sich einmischen, nachfragen", rät Knatz. Egal, ob im Freundes- oder Familienkreis, unter Nachbarn oder Kollegen.

Sehnsucht nach einem anderen Leben

"Ich kann nicht mehr weiterleben" – diesen Satz habe sie nicht selten in ihrer Arbeit gehört. Dann frage sie nach, wie es aussähe, wenn sich der Anrufer entscheiden würde, weiterzuleben. Denn meistens gehe es darum, dass jemand nicht mehr auf die Weise leben wolle wie bisher. Es gebe Hoffnung, dass ein Anrufer sein Leben künftig anders gestalte.

Oft ist zu hören, dass Menschen, die ihren Suizid häufig ankündigen, es am Ende doch nicht tun. "Das ist ein Mythos, das ist Quatsch", sagt Knatz. "Das erste Mal ist genauso ernst zu nehmen wie das fünfte Mal." Wer die Telefonseelsorge nicht anrufen wolle, könne stattdessen gut mit Freunden und Verwandten reden.

Leticia Witte
(KNA)

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